Macht das noch Spaß? Antwort: Nein! – eine Ko(tz)lumne zu Dying Light 2

Von Daniel Walter am 14. März 2022

Ich kann mittlerweile auf eine gut 20-jährige Zockerkarriere zurückblicken, sodass man eigentlich meinen sollte, dass man alles schon gesehen und erlebt hat. Das, was mir heute in der finalen Phase von Dying Light 2 Stay Human passiert ist, hatte ich so allerdings noch nicht. Ich gebe zu, mein Frustschalter beim Zocken sitzt nicht besonders fest in der Verankerung, sodass ich schnell an einem Punkt bin, an dem ich bei einem zu hohen Schwierigkeitsgrad, bei frickeligen Kletterpassagen oder bei fehlenden oder dumm platzierten Speicherpunkten meinen Fernseher beschimpfe und meiner Frau gehörig auf die Nerven gehe. Es ist mir allerdings noch nie passiert, dass mich der Frust über ein Spiel soweit bringt, dass ich mich beim ruckartigen Aufstehen am Knie verletzte, dabei ein Griff des Fernsehschrankes in Mitleidenschaft gezogen wird und ich im Anschluss das Spiel umgehend deinstalliere und den Spielstand lösche, auf dass ich nie wieder in die Verlegenheit komme, mir Selbiges noch einmal anzutun.

Der emotionale Ausbruch hat sich zugegebenermaßen angekündigt, die Heftigkeit hat mich am Ende aber doch selbst überrascht, schließlich habe ich nicht nur eine blutende Wunde am Knie davongetragen, sondern im selben Atemzug meinen Spielfortschritt von fast 30 Stunden unwiederbringlich vernichtet, und zwar zwei Meter vor der Ziellinie. Meine Beziehung zu Dying Light 2 stand ab der ersten Spielminute auf wackeligen Beinen, also quasi schon im Tutorial, als ich an einer Stelle schon damit zu kämpfen hatte, einen Felsvorsprung zu erreichen. Vielleicht waren meine Erwartungen an den Parcourslauf und auch an das Nahkampfsystem nach meinen bisherigen Erfahrungen mit Techland einfach zu groß, vielleicht sind sie in Dying Light 2 aber auch schlicht und einfach miserabel umgesetzt. Haltet mich für altmodisch, aber wenn die Ausdauer meines Charakters nicht reicht, um in einem Parcoursspiel geschmeidig die Regenrinne hoch zu laufen, bevor die Ausdauer schlapp macht und man mitten in der Zombieherde auf dem Boden aufschlägt und sich direkt wieder im Ladebildschirm befindet, macht das einfach nicht wirklich Laune. Ich habe mir ein echtes Ninja-Warrior-Feeling gewünscht, am Ende hat es sich dann aber eher so angefühlt als würde ich selbst versuchen, die Regenrinne an meiner Hauswand nach oben zu klettern. Im weiteren Spielverlauf wird das Parcoursgefühl mit “Gadgets” wie einem Greifhaken oder einem Gleiter leider noch schlimmer, denn auch diese beiden Faktoren sind schlicht und ergreifend unrund, frustrierend und unpräzise umgesetzt, sodass man am Ende mehr abstürzt als elegant von Hausdach zu Hausdach zu springen.

Das war schon alles? Leute, wir sind noch bei der Vorspeise. Beim Nahkampf hat sich Dying Light ebenfalls aller Errungenschaften der Vergangenheit entledigt und ein uninspiriertes Draufgekloppe abgeliefert, das auch mit aufgewerteten Fähigkeiten nicht viel mehr ist, als ein langweiliges Ein-Tasten-Menü. Hier haben es die Entwickler sogar geschafft, eine der besten Hardwareinnovationen der letzten Jahre, den DualSense-Controller mit seinen adaptiven Schultertasten, so ungelenk einzusetzen, dass man sich den DualShock zurück wünscht. Wenn man schon über gefühlte Stunden eine einzige Taste malträtiert, dann will man nicht noch die ganze Zeit gegen einen Widerstand ankämpfen müssen. Womit wir bei der Spielwelt wären. Villedor ist hübsch. Punkt. Die Dachterrassen machen optisch was her und auch die Basis kann sich sehen lassen. Alle anderen Gebäude, mit Ausnahme des großen Towers und der Kirche, sind ein absoluter Einheitsbrei, sodass die Stadt jegliche markanten Orientierungspunkte vermissen lässt. Die Welt ist austauschbar, öde und mit ihren Chemiezonen und teils unüberwindbaren Passagen, die uns Ewigkeiten nach dem richtigen Weg suchen lassen, eine Zumutung. Um den Totalausfall perfekt zu machen, versagt Dying Light 2 auch bei der Storyentwicklung und beim Charakterdesign so dermaßen, dass einem hier und da die Worte fehlen. Nicht nur, dass wir ständig zwischen allen Fraktionen wechseln, uns vollständig mit ihnen überwerfen, um zwei Quests später wieder an ihrer Seite zu kämpfen. Auch werden komplett überzogene, pseudo-wichtige Charaktere eingeführt, mit denen wir zweimal reden, um sie dann für immer links liegen zu lassen. Wir beschimpfen wichtige Hauptfiguren, die uns offensichtlich abgrundtief hassen, um uns dann wenig später mit Floskeln der Art “Hey wie geht’s denn so?” in der Basis zu empfangen, nachdem sie uns mit Todesdrohungen überhäuft haben. Das Ganze gipfelt dann in einer aus dem Nichts gegriffenen *Achtung Spoiler* Luke-Ich-bin-ihr-Vater Offenbarung *Spoiler Ende*, und findet seinen Höhepunkt in einem Epilog, der noch einmal alle Schwächen des Spiels in sich vereint. Bei Phase 3 (!!!) des abschließenden Bosskampfes, der in Sachen Uninspiriertheit, Abwechslungsarmut und grenzenlosem Frustpotenzial nicht mehr zu überbieten ist, war meine Geduld nach rund 30 Stunden dann einfach am Ende angelangt, was die oben beschriebene Reaktionskette nach sich gezogen hat. Ich habe mich selten so auf ein Spiel gefreut wie auf Dying Light 2 Stay Human und wurde noch niemals so maßlos enttäuscht. Alles, was ich mir erhofft hatte, wurde nicht erfüllt und alle Dinge, die mich an Spielen zur Weißglut treiben, wurden geliefert. Ich kann mit voller Überzeugung sagen, dass Dying Light 2 den bisherigen Tiefpunkt meiner Zockerkarriere darstellt und ich habe wahrlich schon einige Enttäuschungen aus dem Laufwerk geholt und sie in den hinteren Ecken des Schranks vergraben.

Dass der Titel auch anders aufgenommen werden kann, könnt ihr zum Beispiel in unserem Review von Dominik nachlesen. Für mich ist das Kapitel Dying Light hingegen für alle Zeit beendet, denn die 70 Euro, die 30 Stunden Lebenszeit und die Unversehrtheit meiner Kniescheibe kann mir niemand mehr zurückgeben.

Ein begeisterter Konsolenspieler mit einem breit gefächerten Interessengebiet. Neben Shooter-Serien wie Battlefield oder Call of Duty gehören auch Action-Adventures wie klassische Assassin's Creeds, die Batman-Arkham-Reihe oder The Last of Us Part 1/2 zu den bevorzugten Titeln. Hinzu kommen Survival-Games wie ARK, Horror-Klassiker a la Resident Evil sowie Open-World-Abenteuer im Stile von Far Cry oder Red Dead Redemption. Sport-Franchises wie FIFA oder Tour de France erweitern das Interessenfeld, ebenso wie sämtliche Titel aus dem Star-Wars-Universum.

Schreibe einen Kommentar:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentar absenden