Review

MotoGP 20 – The Official Videogame – Mit voller Schräglage zum Sieg

Von Alex Krause am 12. Mai 2020
Publisher: Milestone
Release: 23. April 2020
Genre: Rennspiel
Entwickler: Milestone
Verfügbar für: PC | Switch | PS4 | Xbox One | Stadia
USK Altersfreigabe: 0

Im Jahr 2020 ist irgendwie alles anders. Dank Corona ruht unter anderem auch der internationale Motorsport. Die MotoGP, die Königsklasse des Motorradrennsports, macht da natürlich keine Ausnahme. Doch dem allgemeinen Sim-Racing-Trend folgend wagten sich vor kurzem auch die Stars der MotoGP an die Konsole und fuhren ihre Rennen mit MotoGP 20 virtuell aus. Nun ist das offizielle MotoGP-Videospiel zur Saison 2020 erschienen und auch wir haben uns auf den Sattel geschwungen. Virtuell natürlich.

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Das volle Lizenzpaket

Seit vielen Jahren schon ist die Königsklasse des Motorradrennsports, die MotoGP, ein Garant für spektakuläre Action und unglaublich spannende Rennen. Oftmals fällt die Entscheidung über den Rennsieger erst auf den letzten Metern. Davon können so manch andere Rennserien nur träumen.

Milestone, die italienischen Rennspiel-Experten, versuchen nun wieder einmal, uns diese Action mit dem neusten Ableger ihrer offiziellen Reihe nahezubringen.

MotoGP 20 bietet nahezu das komplette Lizenzpaket der Saison 2020. Natürlich ist die Königsklasse selbst mit allen offiziellen Fahrern, Teams und Herstellern am Start. Aber auch die beiden Nachwuchsklassen Moto2 und Moto3 kommen nicht zu kurz. Was allerdings fehlt, ist die in der letzten Saison neu eingeführte MotoE für Elektromotorräder, die aber auch in der Realität aktuell noch mehr oder weniger ein Schattendasein fristet.

Der Vollständigkeit halber weisen wir noch auf das Fehlen zweier besonderer Regeln hin, die Teil der MotoGP sind. Zum einen ist dies die Flag-to-Flag-Regelung. Hier wird beispielsweise bei einsetzendem Regen einfach das Motorrad getauscht, das Rennen läuft aber weiter. Da es in MotoGP 20 aber nur entweder trockene oder nasse Streckenverhältnisse, aber keine während der Rennen wechselnden Witterungen gibt, entfällt dies natürlich. Als zweiter fehlender Punkt sei die Long-Lap-Penalty genannt. Bekommt ein Fahrer in der Realität eine Strafe, so muss er in einer bestimmten Kurve einen extra aufgezeichneten, weiteren Radius fahren, welcher zu einem kleinen Zeitverlust als Strafe führt. Auch diese Regel ist kein Teil von MotoGP 20.

Im Spiel sind natürlich alle zwanzig offiziellen Rennstrecken dieser Saison enthalten. Neben Klassikern wie dem Sachsenring, Assen und Motegi können wir auch den brandneuen Kymiring in Finnland unter die Räder nehmen. Hinzu kommen als Dreingabe Donington Park und der kalifornische Kurs Laguna Seca mit der berüchtigten Korkenzieherkurve. Als weiteren Bonus dürfen wir uns eine ganze Menge legendärer Fahrer und Motorräder freispielen. Neben den mittlerweile historischen Renngefährten der 500ccm-Klasse aus den 90ern, pilotiert von Legenden wie Mick Doohan, Wayne Gardner oder John Kocinski, stehen uns auch die Anfänge der eigentlichen MotoGP aus den 2000ern zur Verfügung. Hier waren es Fahrer wie Max Biaggi, Casey Stoner oder Superbike-Champion Troy Bayliss, die für epische Duelle auf der Rennstrecke sorgten.

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Aller Anfang ist schwer

Zu Beginn des Spiels entscheiden wir uns für einen der vorgefertigten männlichen oder weiblichen Avatare. Leider betreibt Milestone hier etwas Recycling. So wurden die Figuren bereits in anderen Milestone-Spielen wie Monster Energy Supercross 3 verwendet. Haben wir im Anschluss Name, Startnummer, Ausrüstung und Helmdesign festgelegt, können wir noch einige Details anpassen. Wie viele Finger soll der Fahrer am Bremshebel haben? Streckt er das Bein beim Anbremsen aus Stabilitätsgründen heraus? Und wie weit lehnt er sich in einer Kurve auf den Asphalt? Haben wir dies alles nach unseren Wünschen eingestellt, so können wir direkt in den Karrieremodus starten. Wie der Name schon sagt, erleben wir hier unsere eigene MotoGP-Karriere. Dabei haben wir zunächst die Qual der Wahl. Wollen wir den traditionellen Weg von der Einsteigerklasse Moto3 aus gehen und uns durch die Klassen hochkämpfen, oder steigen wir sofort in die MotoGP ein? Die Wahl liegt bei uns. Jederzeit anpassbar sind die Rahmenbedingungen wie Schwierigkeitsgrad, welcher sich stufenlos verändern lässt, optischer oder realistischer Schaden am Motorrad, realistischer Verbrauch von Reifen und Treibstoff oder die Länge der Rennen. Auf Wunsch können wir sogar ein ganzes Rennwochenende inklusive der vier Trainings und dem Warm up vor dem Rennen simulieren, oder auch auf einzelne Sessions verzichten. Fahren wir nur das Rennen, dann starten wir logischerweise vom letzten Platz.

Für die volle Erfahrung steigen wir mit einem neu gegründeten Moto3-Team ein. Hier fällt direkt auf, dass die Entwickler von Milestone sich einige Gedanken gemacht haben, wie man den Karrieremodus aufpeppen kann. So stellen uns sämtliche Teams natürlich vor verschiedene Herausforderungen. Während ein Team der Mittelklasse erst einmal froh ist, dass man überhaupt die Punkteränge erreicht, erwartet ein Topteam natürlich direkt Spitzenplätze von uns. Mit den durch gute Ergebnisse erworbenen Credits können wir Personal einstellen. Hier haben wir die Möglichkeit, einen Manager unter Vertrag zu nehmen, welcher uns für die nächste Saison gute Verträge bei besseren Teams aushandeln kann. Zudem können wir uns einen Chefmechaniker sowie einen Datenanalysten ins Boot holen. Diese kommen bei der Upgrade-Mechanik des Spiels zum tragen, welche in ihren Grundzügen ein wenig an ein Rollenspiel erinnert. Hier hat man sich ganz klar von den letzten Formel 1 Spielen von Codemasters inspirieren lassen. Das System erreicht zwar nie die Tiefe der Vorlage, lockert das Geschehen aber dennoch etwas auf. So können wir unser Motorrad in den Bereichen Motor, Elektronik, Rahmen und Aerodynamik verbessern. Dabei gilt zu beachten, dass unsere Crew nur dann Erfahrungspunkte in der Forschung generiert, wenn sie nicht gerade konkret an einem Teil bastelt. Je mehr Leute involviert sind, desto schneller geht das Ganze natürlich vonstatten. Dafür fehlen uns die Leute jedoch wiederum in anderen Bereichen.

Während man in der Moto3 noch relativ problemlos alle Teile während einer Saison entwickeln kann, bedarf es bei den höheren Klassen etwas Strategie. Ist uns eine Verbesserung des Ansprechverhaltens wichtiger als eine geringere Reifenabnutzung? Wollen wir mehr Wendigkeit oder mehr Power? Hier sollte man sich früh festlegen, wohin die Reise gehen soll. Zum Glück fallen die Änderungen nie übermächtig aus. Auch mit einem nicht weiterentwickelten Motorrad können wir im späteren Saisonverlauf noch gut mithalten. Wir machen uns das Leben dann aber etwas schwerer. Sind wir schließlich in der MotoGP angekommen, so kommen noch die offiziellen Winter- und Zwischentests während der Saison hinzu. Hier können wir aus verschiedenen vorgefertigten Paketen wählen, die unser Motorrad in eine bestimmte Richtung weiterentwickeln. Mehr Speed, dafür weniger Haltbarkeit der Reifen? Oder lieber ein gutes Fahrverhalten auf Kosten der Leistung? Nettes Detail: Die Motorräder sind während der Testfahrten komplett schwarz und ohne Sponsorenaufkleber, genau wie die Testträger in der Realität.

Alles in allem unterhält der Karrieremodus über eine längere Zeit. Der Ausbau des Teams und des Motorrads ist zwar nur rudimentär enthalten, bietet aber eine willkommene Auflockerung zwischen den Rennen. Dennoch ist hier für künftige Teile noch einiges an Luft nach oben.

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Licht und Schatten

Luft nach oben ist auch im Bereich der Präsentation. Bei den ersten Rennen waren wir noch restlos begeistert. So hat man die offiziellen Anzeigen der TV-Übertragung verwendet. Die Startaufstellung inklusive angedeuteter Interviews sorgt für eine gelungene Atmosphäre. Die Gesichter der Fahrer und Mechaniker könnten natürlich deutlich schöner animiert sein, doch man erkennt immerhin, welcher Fahrer dargestellt wird. Als nettes Detail sind im Hintergrund der Startaufstellung sogar die Teamchefs der realen MotoGP-Teams im Spiel enthalten, was zusätzlich zur Stimmung beiträgt. Komplettiert wird dies durch (in der deutschen Version) Original-Kommentator Christian Brugger von ServusTV, der vor jeder Session einige Phrasen zum Besten gibt. Ebenfalls für Atmosphäre sorgt die Siegerehrung nach dem Rennen. Leider gibt es hier nur eine einzige Jubelanimation für jede erreichte Position. Das nutzt sich im Spielverlauf leider etwas ab.

Grafisch ist MotoGP 20 ein zweischneidiges Schwert. Während die Motorräder und die Animationen der Fahrer während des Rennens eine wahre Augenweide sind, fallen die Umgebungstexturen der Rennstrecken doch leider etwas ab. Dafür läuft das Geschehen stets flüssig ab, von ein paar vereinzelten Rucklern in der Startphase abgesehen, wenn alle Motorräder gleichzeitig zu sehen sind. Diese haben uns aber nie wirklich gestört. Obligatorisch können wir verschiedene Kameraperspektiven wählen, von einer Heckansicht über Frontkamera bis hin zur Sicht aus dem Helm des Fahrers. Diese bietet ein tolles Mittendrin-Gefühl, benötigt aber natürlich etwas Eingewöhnungszeit. Gut gefallen haben uns die Sturzanimationen. So wird ein Abflug im Stile der TV-Übertragungen entweder vom Streckenrand oder aber von einer der Onboard-Kameras eingefangen, hier sogar inklusive Bildstörungen. Ein klares Atmosphäre-Plus. Sehr gut ist auch der integrierte Fotomodus, mit dem sich sehr einfach tolle Bilder der Rennaction machen lassen, entweder direkt aus dem Rennen heraus oder aber im Replay.

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Ein grandioses Fahrgefühl

Alle Atmosphäre und Langzeitmotivation nutzt allerding nichts, wenn die Rennen an sich keinen Spaß machen. Zum Glück können wir hier komplett Entwarnung geben. MotoGP 20 bietet ein wirklich gelungenes Fahrgefühl und sehr spaßige Rennen. Während man mit den eher schwach motorisierten Einzylindern der Moto3-Kategorie im Getümmel möglichst saubere Linien fahren muss, begeistert die brachiale MotoGP durch ihre unfassbare Leistungsentfaltung aus jeder Lage heraus. Da sind wir schon dankbar, dass sich diverse elektronische Helferlein aktivieren lassen, womit sich das Fahrgefühl individuell anpassen lässt.

Wie in Rennspielen generell üblich haben wir natürlich die Wahl zwischen automatischer oder manueller Schaltung. Auch können wir den Start mit manueller Kupplung bestreiten, was durchaus knifflig ist. Dankbar sind wir für die stufenweise einstellbare Traktionskontrolle. Greift diese in der Moto3 noch so hart ein, dass wir kaum vom Fleck kommen, sind wir mit den 300 PS-Geschossen der MotoGP heilfroh, sie an Bord zu haben.

Interessant werden die Hilfssysteme bei aktiviertem Reifenverschleiß und Benzinverbrauch. So bieten die Reifen nur ein bestimmtes Temperaturfenster, in dem sie optimal funktionieren. Wer permanent mit durchdrehendem Hinterrad durch die Kurven beschleunigt, wird gegen Rennende mehr rutschen als fahren. Auch muss man hier mit den unterschiedlichen Powereinstellungen aufpassen. Mehr Motorleistung ist natürlich immer gut, doch dann können wir förmlich zusehen, wie die Tankanzeige ins Bodenlose fällt. Hier muss man strategisch vorgehen, was uns wirklich viel Spaß gemacht hat. Wer zum Rennende hin dank besserem Reifen- und Benzinmanagement noch Reserven übrig hat, der zieht mit einem breiten Grinsen an den Gegnern vorbei. Aber natürlich muss man erst einmal an den Gegnern vorbeikommen. Die KI macht ihren Job wirklich gut. So fahren die Computergegner stets ihr eigenes Rennen, liefern sich untereinander Duelle und stürzen auch mal ohne unser Zutun. Je höher man den Schwierigkeitsgrad dabei dreht, desto schneller werden die Jungs dann auch. Richtig klasse ist die Phase nach dem Start, wenn wie in der Realität auch mal gerne vier bis fünf Fahrer nebeneinander in eine Kurve wollen. Ein herrliches Durcheinander.

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Die gute alte Zeit

Natürlich bietet MotoGP 20 auch die für Rennspiele typischen Spielmodi Einzelrennen, Zeitfahren und Meisterschaft. Bei letzterer können wir sogar einen eigenen Kalender zusammenstellen und auch die Bonuskurse integrieren.

Neben der Karriere soll aber vor allem der Modus „Historische Rennen“ für Langzeitmotivation sorgen. Nahezu alle legendären Fahrer und Teams sind zunächst gesperrt und können mit durch Herausforderungen erspielten Credits freigeschaltet werden. Doch diese Herausforderungen verdienen ihren Namen auch. So wirft uns bereits die leichteste der ersten drei Challenges in ein Regenrennen mit fortgeschrittenem Schwierigkeitsgrad. Neulinge sehen bereits hier sehr schnell kein Land mehr, denn bei den schwierigen Rennen muss wirklich jedes Manöver und jeder Kurvenscheitelpunkt sitzen. Ansonsten fährt man gnadenlos hinterher.

Hier wäre etwas weniger mehr gewesen. Für Rennspiel-Veteranen bietet der Modus eine angenehm knackige Herausforderung, doch birgt er auch einiges an Frustpotential. Wir hätten jedenfalls nichts gegen eine weniger steile Lernkurve einzuwenden gehabt.

Ergänzt wird MotoGP 20 durch umfangreiche Editoren, in denen sich Sticker und Helme frei erstellen oder die Farben von vorgefertigten Fantasie-Teams verändern lassen. Leider erreichen die Editoren nicht die Nutzerfreundlichkeit beispielsweise eines Forza Horizon 4, eine nette Dreingabe sind sie aber allemal.

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Fazit

MotoGP 20 war für mich als großer Fan der Motorrad-Königsklasse natürlich eine überaus spaßige Angelegenheit. Die Rennen machen einfach verdammt viel Laune, der guten Gegner-KI und dem gelungenen System aus Fahrhilfen und Rennstrategie sei Dank. Dafür wurde ich mit dem historischen Modus irgendwie nicht so warm. Da war mir auch als eingefleischtem Rennspielzocker die Lernkurve einfach zu steil. Dennoch gilt: Für Fans der Rennserie ein Pflichtkauf. Und wer generell mit Motorradrennspielen etwas anfangen kann, macht hier auch nichts falsch.

Pro:
  • Gelungene Präsentation
  • Tolles Fahrgefühl
  • Gelungene, fordernde Gegner-KI
  • Strategisches Vorgehen bei den Rennen macht Spaß
  • Guter, wenn auch einfach gehaltener Management-Teil in der Karriere
  • Großer Umfang
  • Viele legendäre Fahrer und Motorräder
  • Fotomodus
Contra:
  • Schwache Umgebungstexturen bei den Rennstrecken
  • Steile Lernkurve auf höheren Schwierigkeitsgraden, gerade im historischen Modus
  • Keine MotoE, kein Flag-to-Flag, keine Long-Lap-Penalty
  • Recycling der Avatare aus anderen Milestone-Spielen
Gameplay
4 von 5 Buddies
Grafik
4 von 5 Buddies
Sound
4 von 5 Buddies
Atmosphäre
3 von 5 Buddies
Umfang
5 von 5 Buddies

Spiel getestet auf: PS4

Unsere Wertung:

8.5 / 10
Seit dem ersten Gameboy begeisterter Konsolenzocker. Neben Rennspielen, Action-Adventures und Ego-Shootern sind auch eher unbekanntere Spiele aus Nippon und Indie-Perlen gerne im Laufwerk gesehen.

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