Review

Cloudpunk im Test: Mit dem Lieferdienst durch die Dystopie

Von Alex Krause am 12. November 2020
Publisher: Merge Games
Release: 15. Oktober 2020
Genre: Action-Adventure
Entwickler: ION LANDS
Verfügbar für: PC | Switch | PS4 | Xbox One
USK Altersfreigabe: 12

Dank dem heiß ersehnten Cyberpunk 2077 oder der Fortsetzung des Kultfilms Blade Runner erfreut sich das Genre des dystopischen Cyberpunk-Settings aktuell großer Beliebtheit. In diese Kerbe schlägt auch Cloudpunk, welches auf den ersten Blick mit einer außergewöhnlichen Voxel-Optik punkten kann und einen tollen Mix aus Cyberpunk 2077, Deus Ex, Blade Runner und dem Film Das fünfte Element darstellt. Wir zeigen euch im Test, ob Cloudpunk genau das Richtige für die Wartezeit auf Cyberpunk 2077 ist.

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Willkommen in Nivalis

Zu Beginn geht es uns ein wenig so wie der Hauptfigur Rania, einer jungen Frau, die vom Land kommt und nun ihr Geld als Fahrerin für einen Kurier- und Lieferdienst namens Cloudpunk in der größten Stadt der Welt verdienen will, in Nivalis. Auch wir werden ohne große Erklärungen in die Spielwelt geworfen und müssen uns dementsprechend erst einmal zurechtfinden.

Behilflich ist uns dabei Control, ein desillusionierter, älterer Herr, der in der Funkzentrale von Cloudpunk seinen Dienst versieht. Von ihm erhalten wir die ersten kurzen Erläuterungen und unseren ersten Auftrag.

Cloudpunk ist dabei aber keineswegs legal unterwegs. Vielmehr handelt es sich um ein höchst illegales Transportunternehmen. Hier werden Paketen nach dem Motto „Nichts fragen, nichts sagen“ transportiert. Diskretion und Verschwiegenheit sind oberstes Gebot. Und so wird Rania auch zunächst nur mit ihrer Dienstnummer angesprochen. Eine weitere anonyme Person in einer Welt, in der augenscheinlich so einiges im Argen liegt.

Denn in Nivalis häufen sich ungeklärte Unfälle, die viele Todesopfer fordern. Kriminelle Gangs regieren im Untergrund. Megakonzerne haben die Stadt fest im Griff, allen voran CorpSec, die quasi die Polizei stellen und mit eiserner Hand durchgreifen. Die Spaltung zwischen Arm und Reich ist gigantisch. Während die gehobene Klasse in ihrer eigenen Welt ganz oben auf den riesigen Wolkenkratzern der Stadt, dem Spire, lebt, fristen die Normalbürger ein eher tristes Leben, meist hoch verschuldet. Wer seine Schulden nicht bezahlen kann, zu dem kommt die DeptSec, die Schulden auch gerne mal mit der Entführung der eigenen Kinder eintreibt.

Kybernetik und Augmentierungen sind längst fester Teil der Gesellschaft. Und sogar Androiden haben mittlerweile umfassende Menschenrechte und suchen ihren Platz in der Gesellschaft, sofern sie nicht als Sklaven gehalten werden. Cloudpunk spielt zwar in ferner Zukunft, die Themen allerdings sind leider mehr denn je aktuell.

Auch Rania ist nicht unbedingt freiwillig in Nivalis. Hochverschuldet versucht die ehemalige Musikerin in der Stadt Fuß zu fassen. Da kommt der Job als Fahrerin gerade recht, zumal sich damit ganz gut Geld verdienen lässt. Neben Control erhält Rania dabei auch tatkräftige Unterstützung von ihrer persönlichen Automata Camus, einer KI, die eigentlich lieber ein Hund wäre.

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Ein Käfig voller Helden

Aus dieser Ausgangsbasis schafft Cloudpunk eine sehr dichte Atmosphäre. Wir nehmen Aufträge an, erkunden die Spielwelt und reden mit zahlreichen NPCs. Während manche nur ein dringendes Mitteilungsbedürfnis haben, erhalten wir von anderen sogar Nebenaufträge, die uns zusätzliche Credits einbringen.

Nicht selten werden wir im Rahmen der Story und Missionen aber auch vor moralische Entscheidungen gestellt. So haben wir beispielsweise die Wahl, ein tickendes und vermeintlich explosives Paket zum Zielort zu bringen oder es zu entsorgen. Wollen wir lieber die Belohnung einstreichen oder vielleicht sogar Menschenleben retten?

An anderer Stelle helfen wir einem in die Jahre gekommenen Rennfahrer dabei, sein Gefährt wieder flott zu kriegen. Wohlwissend, dass er bei seinen geliebten, illegalen Straßenrennen wohl den Tod finden wird. Viele der Entscheidungen sind dabei nicht zwangsläufig eindeutig und werfen grundsätzliche, moralische Fragen auf. Das sorgt sogar für einen gewissen Wiederspielwert.

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Schön ist auch, dass Rania ab und an eine Pause macht, um sich beispielsweise einen Kaffee zu besorgen, etwas zu essen oder kurz in ihrer Wohnung vorbei zu schauen. Dadurch gewinnt unsere Protagonistin einiges an Tiefe, da man sie eher als Mensch wahrnimmt.

Generell ist die Welt aber bedrückend und düster, was nicht nur daran liegt, dass Rania nur nachts arbeitet. Viele der NPCs sind skurril bis bemitleidenswert, andere niederträchtig und gemein. Und doch sind sie alle in ihren jeweiligen Ansichten und Handlungen nachvollziehbar, ein großer Pluspunkt für die Glaubwürdigkeit der Spielwelt. Natürlich finden sich einige Klischee-Charaktere darunter, doch es gibt auch so manchen Charakter, der richtig faszinierend ist.

Rania und ihre KI Camus punkten zudem mit sympathischen Dialogen, bei denen man auch durchaus mal schmunzeln muss. Dennoch, der Grundtenor in Cloudpunk ist ernst und düster. Ganz so, wie es sich für eine Dystopie gehört.

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Ein Traum voller Neon

Der heimliche Star von Cloudpunk ist aber definitiv die Spielwelt. Nivalis strotzt nur so vor Atmosphäre. Während die ganze Welt in dichtem Smog liegt, leuchten uns von nahezu jedem Gebäude grelle Neonreklamen entgegen. Fliegende Werbetafeln und die schwebenden Fahrzeuge der Einwohner, HOVA genannt, bevölkern den Himmel. Und es regnet permanent. Kurzum, Nivalis ist Cyberpunk-Artstyle in Reinkultur!

Die komplette Spielwelt inklusive Charaktere und Fahrzeuge ist dabei aus Voxeln erstellt, quasi aus dreidimensionalen Pixeln. Das verleiht gerade den Einwohnern einen etwas gewöhnungsbedürftigen Look, der etwas an Minecraft erinnert. Dennoch werden in der Spielwelt sehr schöne Szenarien und detailreiche Gebiete kreiert, die vor allem aus der Entfernung hervorragend aussehen.

Untermalt wird das Ganze von einem erstklassigen, sphärischen Soundtrack, der enorm zur Atmosphäre beiträgt. Überhaupt ist auch die Akustik durchaus gelungen. So leisten die englischen Sprecher durch die Bank gute Arbeit. Wer der englischen Sprache nicht mächtig ist, für den gibt es große, deutschsprachige Untertitel in einem schick präsentierten Textfeld. Hier wird uns zudem anhand eines stimmigen Porträts gezeigt, wer da gerade am reden ist.

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Ein wenig Kritik gibt es in technischer Hinsicht allerdings schon. So kommt es zu gelegentlichen Pop-ups von Objekten am Horizont. Leider enttäuscht auch der im Spiel dargestellte Regen, der lediglich als leichter Filter über das Bild gelegt wird. Ebenfalls störend ist auffallendes Tearing bei Drehungen des HOVA, sowie der ein oder andere Ruckler.

So elegant sich das HOVA durch die Spielwelt bewegen lässt, so ungelenk sind die Charaktere unterwegs, allen voran Rania. Ihre Bewegungsmuster erinnern an frühe Titel der ersten Playstation-Generation. Zudem können wir durch fast alle herumlaufenden Passanten einfach hindurchlaufen. Das stört etwas die Immersion, ist bei den vielen Engstellen der Stadtteile aber teilweise sogar von Vorteil.

Für ein Indie-Spiel gehen diese kleineren technischen Makel aber absolut in Ordnung. Gelungen ist die Kamera im Zu-Fuß-Modus, die wir frei drehen und stufenlos zoomen können. Theoretisch ist es somit sogar möglich, Cloudpunk in der Ego-Perspektive zu spielen. Alternativ steht zudem eine Seitenansicht zur Verfügung, die für tolle Panoramen sorgt, in der Praxis aufgrund der dreidimensionalen Spielwelt aber eher unpraktisch ist. Leider gibt es bei unserem HOVA nur eine Kameraposition.

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The Transporter

Spielerisch erwartet uns eine Mischung aus Abschnitten an Bord unseres HOVA sowie Bereiche, in denen wir zu Fuß unterwegs sind. Die Flugabschnitte könnten dabei durchaus aus dem Film Das fünfte Element stammen. Unser HOVA erinnert an ein schwebendes Auto ohne Räder. Dementsprechend können wir neben Beschleunigen / Bremsen und Lenken auch die Flughöhe variieren. Mit verdienten Credits lässt sich unser Fahrzeug an den in der Spielwelt verteilten Werkstätten sogar noch aufwerten. So steht uns beispielsweise ein praktischer Boost zur Verfügung. Oder wir ändern die Farbe unserer Kondensstreifen.

Bauen wir zu oft Unfälle, so müssen wir auch zur Reparatur. Zum Glück fallen die im Spiel verdienten Credits recht großzügig aus, sodass wir nie wirklich Bankrott gehen. Ebenfalls simuliert wird der Spritverbrauch unseres HOVA. Da hilft nur der Flug zur Tankstelle, wobei sogar die Preise der einzelnen Orte unterschiedlich ausfallen können. Da macht das Vergleichen wie in der Realität durchaus Sinn.

Die HOVA-Abschnitte dienen aber auch wirklich nur dazu, uns von A nach B zu bringen. Immerhin finden viele der Story-Dialoge während der Flugzeit statt. Leerlauf wird somit vermieden. Nützliche Nav-Punkte weisen uns immer punktgenau den Weg zu unserem nächsten Ziel. Dank einer sehr guten Übersichtskarte können wir uns so quasi nie verfliegen.

Die Spielwelt ist generell unterteilt in einzelne Stadtteile, die wir über die Schnellstraßen und Tunnels erreichen können. Für jeden Wechsel wird eine kleine Ladezeit fällig, die aber nicht weiter stört. Überall in den Stadtteilen befinden sich Abschnitte, bei denen wir landen und diese zu Fuß erkunden können. Dabei müssen wir aber auf fest ausgewiesene Parkplätze zusteuern. Einfach wild irgendwo parken, wie beispielsweise in einem GTA oder in der Frankfurter Innenstadt, ist nicht möglich.

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Zu Fuß haben wir mehr zu tun als im HOVA. Neben den zahlreichen NPCs, mit denen wir Gespräche führen können, gesellen sich Sammelgegenstände, die von uns aufgesammelt werden wollen. Neben technischen Teilen, mit denen wir unter anderem kaputte Aufzüge reparieren und so neue Bereiche erschließen können, finden wir auch allerhand scheinbar nutzlose Dinge, die wir bei Händlern verkaufen können. Leider ist nie so ganz klar, welche Objekte man besser aufheben sollte, und welche man eigentlich nicht braucht und getrost veräußern kann. Im Zweifel sollte man also erst einmal alles aufheben.

Bei den Händlern können wir zudem andere Kleidungsstücke und Accessoires für Rania erwerben. Die Auswahl ist zwar überschaubar, dennoch ein nettes Detail. Spielerische Auswirkungen hat dies aber nicht.

Da sämtliche NPCs und Objekte auf der Minikarte bereits verzeichnet sind, entfällt aber etwas der Erkundungsgedanke. Letztlich ist der Ablauf im Spiel immer gleich. Wir fliegen zu Punkt A, landen, sammeln ein paar Gegenstände ein, reden mit ein oder zwei NPCs, kehren zurück zum HOVA und fliegen zum nächsten Ziel. Rein vom Gameplay her ist das rund zehnstündige Abenteuer hier leider etwas abwechslungsarm. Der Fokus liegt aber auch klar auf der Story, dass muss der Fairness halber auf jeden Fall erwähnt werden.

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Fazit

Cloudpunk punktet im Test mit seiner fantastischen Cyberpunk-Atmosphäre. Ja, wir würden uns sogar wünschen, dass das (irgendwann einmal) kommende Cyberpunk 2077 eine ähnlich tolle Spielwelt und Atmosphäre aufweist wie Cloudpunk.

Die charmante Voxel-Optik sowie die interessante Geschichte rund um die vielen, teils skurrilen Bewohner von Nivalis sind weitere Pluspunkte. Kleinere technische Makel trüben etwas das Gesamtbild. Dennoch ist Cloudpunk viel mehr als ein Lückenfüller zu Cyberpunk 2077 und für alle Fans von faszinierenden Spielwelten und dystopischen Szenarien definitiv einen Blick wert.

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Pro:
  • Fantastische Spielwelt
  • Toller Soundtrack
  • Geniale Cyberpunk-Atmosphäre
  • Interessante Story
  • Viele spannende Nebenfiguren
  • Frei einstellbare Kamera zu Fuß
Contra:
  • Etwas monotones Gameplay
  • Kleinere technische Probleme (Pop-ups, Tearing, Ruckler)
  • Unschöner Regeneffekt
Story
4 von 5 Buddies
Gameplay
3 von 5 Buddies
Grafik
3 von 5 Buddies
Sound
4 von 5 Buddies
Umfang
3 von 5 Buddies

Spiel getestet auf: PS4

Unsere Wertung:

8.0 / 10
Seit dem ersten Gameboy begeisterter Konsolenzocker. Neben Rennspielen, Action-Adventures und Ego-Shootern sind auch eher unbekanntere Spiele aus Nippon und Indie-Perlen gerne im Laufwerk gesehen.

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