

Directive 8020 im Test: Stimmungsvoller Weltraum-Horror der Until-Dawn-Macher
Mit Directive 8020 geht die The Dark Pictures-Anthology von Supermassive Games in die nächste Runde und leitet gleichzeitig eine neue Ära ein, denn die erste Staffel galt mit The Devil in me als abgeschlossen. Entsprechend haben sich beim Sci-Fi-Horrortitel Directive 8020 auch einige Spielmechaniken geändert, auch wenn das grundlegende filmisch inszenierte Gameplay erhalten bleibt. Wie sich das Spiel mit seinen typischen schwerwiegenden Entscheidungen am Ende in der Praxis schlägt, verraten wir euch im Test.

Entscheidungen sind endgültig - zumindest manchmal
Bevor wir loslegen, dürfen wir den Schwierigkeitsgrad des Titels an unsere Bedürfnisse anpassen. Hierfür stehen drei vorgefertigte Schwierigkeitsstufen bereit, von Nachsichtig, über Herausfordernd bis Tödlich. Die einzelnen Varianten unterscheiden sich in drei Punkten: wie tödlich und leicht umgehbar Bedrohungen sind, wie einfach sich Angriffe parieren lassen und wie gut sich Quicktime-Events im Vorfeld ankündigen und wie anspruchsvoll sie sind. Über einen benutzerdefinierten Modus lassen sich alle Punkte zudem unabhängig voneinander regulieren. Im weiteren Schritt kündigt sich die erste richtig große Änderung an. Während Entscheidungen in der Vergangenheit immer unumkehrbar und endgültig waren, liefert uns Directive 8020 nun zwei separate Modi, die es uns ermöglichen, unseren eigenen Spielstil zu wählen. Wer ein klassisches The Dark Pictures-Spielerlebnis möchte, entscheidet sich für den Überleben-Modus. Hier bleiben die Entscheidungen an Wendepunkten endgültig und der Tod eines Charakters lässt sich nicht mehr revidieren. Auf diese Weise werden wir in einem Spieldurchlauf auch immer nur ein bestimmtes Ende zu sehen bekommen, abhängig von unserem gewählten Weg. Nach Abschluss der Geschichte lassen sich dann auch die einzelnen Wendepunkte verändern, um weitere Story-Pfade zu Gesicht zu bekommen.

Als Neuerung bringt das Spiel den Erkundung-Modus mit, der es uns erlaubt, jederzeit im Verlauf der Story zurückzuspulen und unsere Entscheidungen anzupassen, wenn wir mit dem Ergebnis nicht zufrieden sind. Dadurch lassen sich Schicksale von Charakteren beeinflussen und sogar ihr Tod rückgängig machen. So lassen sich bereits in einem Durchlauf die Auswirkungen einzelner Wendepunkte abschätzen und wir können uns unsere liebste Story-Variante zusammenbauen. Für alle, die den Nervenkitzel der Supermassive Games seit Until Dawn lieben, ist der neue Modus sicherlich keine Option. Wer sich aber nicht mehrmals in die Geschichte stürzen möchte, findet hier einen einfachen Weg, um alle Abzweigungen der Story in einem Rutsch kennenzulernen. Das Zurückspulen ist übrigens sowohl direkt im Anschluss an eine Entscheidung als auch im Nachhinein über die Timeline des Spiels möglich, die uns alle Wendepunkte und die mit ihnen verbundenen Pfade aufführt.

Im Weltall hört dich niemand schreien
Die Geschichte von Directive 8020 beginnt mit einem Logbuch-Eintrag der Kapitänin eines Raumschiffs. Wir erfahren, dass die Tage der Erde gezählt sind und die Menschheit aus diesem Grund in den Weiten des Weltalls nach einem neuen Heimatplaneten sucht. Mit Tau Ceti F konnte ein geeigneter Kandidat gefunden werden. Dieser soll im Rahmen einer Erkundungsmission aus dem Orbit heraus genauer untersucht werden, bevor das Kolonialschiff Andromeda dort eintrifft. Die Mission läuft allerdings nicht nach Plan, da rund 72 Stunden vor dem geplanten Eintritt in den Orbit eine Kollision das Schiff erschüttert. Als die Crew dem Ursprung auf den Grund geht, wird schnell klar, dass die Erkundungsmission nicht so harmlos bleibt wie erhofft. Spätestens beim ersten Tropfen Alien-Glibber, der am Schiff zu sehen ist, wird klar, dass es mit der lockeren Atmosphäre zu Beginn bald vorbei sein wird. Als dann auch noch unsere vermeindlichen Mitstreiter anfangen, uns anzugreifen und durchs Schiff zu jagen, wird klar, dass der Kampf um Leben und Tod bereits in vollem Gange ist.

Atmosphärischer Horrorfilm
Zur Optik von Directive 8020 lässt sich viel Gutes vermelden. Egal, ob es um die großartigen Gesichtszüge der Figuren, um Lichteinfälle und Spiegelungen oder um das Spiel mit Licht und Dunkelheit geht, Supermassive Games schöpft hier optisch aus dem Vollen. Gerade in den Sequenzen, die einen großen Teil des Spiels ausmachen, läuft die Grafik zur Hochform auf und präsentiert uns neben toller Mimik auch detailliert gestaltete Gesichtselemente, von den Augen, über die Falten in der Haut, bis hin zu den Bartstoppeln. Ingame sehen die Gesichter ebenfalls richtig gut aus, allerdings wirken die Übergänge zwischen den unterschiedlichen Ausdrücken hier immer wieder etwas sprunghaft. Auch die Atmosphäre der futuristischen Umgebung ist hervorragend eingefangen, sowohl in den ruhigen als auch in den bedrohlichen Momenten. Der Schauplatz an sich überzeugt mit einer Fülle an optischen Details und kreiert mit LED-Panels an jeder Wand, mit Monitoren, Leuchtmarkierungen oder den sterilen Wänden und Möbeln des Raumschiffs eine stimmige Sci-Fi-Atmo, die dank dekorativer Elemente vor allem in Crew-Bereich auch sehr heimelig und persönlich wirkt, zumindest zu Beginn. Wenn dann die Lichter ausfallen und wir nur im Schein der Taschenlampe durch die schmalen Flure laufen und hinter jeder Ecke einen Jumpscare erwarten, kommt dann auch das Horrorgenre richtig schön zum Tragen. Es braucht auch nicht unbedingt immer den ganzen großen Schocker - manchmal reicht es schon, wenn wir im Dunkeln an einem ausgeschalteten Bildschirm vorbei laufen und sich dieser plötzlich von selbst aktiviert, um uns zusammenzucken zu lassen.

Richtig Spektakulär wird es außerdem dann, wenn wir das Raumschiff verlassen und im Freien unterwegs sind - atemberaubender Blick auf den Weltraum inklusive. Schön sind auch die Geheimnisse und Sammelobjekte, die wir überall aufspüren können, die uns ein wenig mehr über das Leben der Crew im Weltall verraten und die Charaktere auf diese Weise auch menschlicher wirken lassen. Zur eindringlichen Atmosphäre trägt darüber hinaus auch die akustische Umsetzung bei, denn diese setzt in erster Linie auf Stille. Und gerade diese Stille ist hervorragend umgesetzt, denn dadurch, dass wir nur sehr wenig Vordergründiges hören, wirken die Hintergrundgeräusche wie zum Beispiel das Surren der elektrischen Geräte, deutlich lauter, was an sich schon ein mulmiges Gefühl verursacht. Außerdem erscheinen die lauten Geräusche durch die reduzierte Soundkulisse, die überwiegend auf dezent bedrohliche Synthesizerklänge setzt, dann nochmal krasser als sie eigentlich sind, was immer wieder für Erschreckmomente sorgt.

Hinzu kommt eine gelungene Auswahl an lizenzierten Songs, die vor allem den persönlichen Geschmack der einzelnen Charaktere herausarbeiten. Wo die musikalische Untermalung sehr gut getroffen ist, war uns die deutsche Synchronisation hier und da etwas zu gestellt oder überemotional - hier wäre etwas mehr Natürlichkeit wünschenswert gewesen. Allgemein sind die Figuren vom Charakter her wieder recht übertrieben und klischeehaft dargestellt, was häufig für eine gewisse Distanz zu den Crewmitgliedern sorgt. Es gibt aber durchaus Momente, in denen die Emotionen auch bei uns ankommen und glaubhaft wirken - durchgehend gelingt dies aber nicht. Ganz spannend ist hingegen, dass wir über einen Messenger verfügen, über den wir mit anderen Teilen der Crew chatten können. Dadurch entsteht, anders als in anderen Dark Pictures-Spielen, auch dann eine gewissen Verbindung zu den übrigen Figuren, wenn wir sie gerade nicht aktiv spielen. Wie im direkten Gespräch können wir übrigens auch im Messenger aus unterschiedlichen Antworten wählen und damit auch den Charakter formen.

Altbekanntes Gameplay trifft auch frische Wege
In Sachen Gameplay sind wir bei Directive 8020 häufig in vertrauten Supermassive Games-Gefilden unterwegs, aber nicht ausschließlich. So sind Quicktime-Events natürlich wieder ein wichtiger Baustein des Spiels, aber nicht mehr der einzige Grundpfeiler, auf dem dieses fußt. Dabei handelt es sich auch nicht nur um klassische Tasteneinblendungen, bei denen das entsprechende Symbol einmal gedrückt werden muss. Es gibt auch Herausforderungen, bei denen wir wiederholt drücken müssen, um einen angezeigten Bereich zu füllen. Auch die schwerwiegenden Entscheidungen, die überwiegend in Dialogen, aber auch bei Weggabelungen der Handlung getroffen werden, gehören natürlich wieder dazu und entscheiden über das Schicksal der Charaktere. Aufgrund dieser eingeschlagenen Wege lassen sich für jede Figur in der jeweiligen Situation zwei unterschiedliche Schicksale freischalten, die dann wiederum Einfluss auf die spätere Handlung haben.
Ebenfalls altbekannt sind die Walking-Simulator-Elemente, sodass wir häufig auch schlichtweg damit beschäftigt sind, durch die Spielwelt zu laufen und auf die nächste Interaktion zuzusteuern. Hier fühlen sich die Wege gerne auch mal etwas langwieriger an, da die Laufgeschwindigkeit häufig ziemlich langsam ist und das Sprinten nicht immer zur Verfügung steht - auch ein bekanntes Phänomen der Spielreihe. Ob dies jetzt die Spannung steigert oder am Ende doch einfach etwas zu eintönig ist, hängt vermutlich überwiegend von den eigenen Vorlieben ab - uns war es hier und da etwas zu viel Spaziergang. Hinzu kommen auch kleinere Rätsel, zum Beispiel die Suche nach Zugangscodes für Terminals, wo wir dann die Umgebung etwas genauer unter die Lupe nehmen müssen.

Directive 8020 setzt beim Gameplay vermehrt auf Stealth-Elemente, viel mehr, als dies in der Vergangenheit der Fall war. So verstecken wir uns hinter Objekten, um den Blicken unserer Gegner zu entgehen und ihnen zu entkommen. Dabei müssen wir neben ihrer Blickrichtung auch die Lichtkegel potenzieller Lichtquellen im Auge behalten, um unentdeckt zu bleiben. Im anderen Fall verfolgen wir Personen aus sicherer Distanz und nehmen unseren Scanner zu Hilfe, um sie aus der Deckung heraus beobachten zu können. Wer hier den klassischen Weg ohne Zurückspulen wählt, kann in den Stealth Passagen ganz schnell Charaktere verlieren, da hier ein einziger Fehler schon das Ende bedeuten kann. Auffällig ist außerdem, dass dieses Mal auf die Zwischenszenen mit dem Kurator nach jedem Kapitel verzichtet wurde, was dem Spielfluss auf jeden Fall gut tut. Bei vergangenen Teilen wurde die Story durch diese Zwischensequenzen mit der leicht humorvollen und oft auch etwas deplatzierten Analyse des Beobachters immer etwas auseinandergerissen.

Fazit
Mit Directive 8020 erhalten wir einen würdigen ersten Teil der zweiten Staffel von The Dark Pictures. Dass Horror und Weltall hervorragend zusammen funktionieren, wissen wir spätestens seit Dead Space und auch Directive 8020 gelingt es sehr gut, das Setting für sich zu nutzen. Dunkle verlassene Gänge, Alien-Glibber, der die Kontrolle über Crew-Mitglieder übernimmt, flackernde Lichter und jede Menge Grusel- oder Schockmomente - Horror-Fans dürfen sich hier in Sachen Atmosphäre eigentlich nicht beschweren. Grafisch präsentiert sich Directive 8020 auf einem sehr ordentlichen Niveau, auch wenn die Gesichter gerade ingame nicht immer überzeugen können. In Sachen Gameplay erwartet uns dagegen Altvertrautes, wie die QuickTime-Events, die Entscheidungen oder auch die Walking-Sim-Passagen, hinzu kommt allerdings ein gelungener neuer Stealth-Fokus, der für Abwechslung sorgt. Die größte Neuerung des Spiels ist sicherlich die Möglichkeit, Entscheidungen zu korrigieren und verschiedene Wege schon im ersten Durchlauf auszuprobieren. Dies ist sicherlich nicht für jeden Fan der Reihe die Ideallösung, aber als zusätzliche Option ist dieser Schritt auf jeden Fall ein richtiger. Alles in allem hat mir Directive 8020 wirklich gut gefallen, besser als die meisten Ableger der ersten Staffel - typische Mankos wie klischeehafte Charaktere oder eine überschaubare Spielzeit finden sich allerdings auch hier.
- Dichte Horror-Atmosphäre
- Gut umgesetztes Weltraum-Setting
- Rückspulfunktion für Entscheidungen
- Abwechslungsreicher Gameplay-Mix aus Quicktime, Entscheidungen, Erkundung und kleineren Rätseln
- Gelungener neuer Stealth-Fokus
- Gute Charakter-Mimik in Cutscenes
- Klischeehafte Figuren
- Teilweise unnatürlich wirkende Dialoge
- Deutsche Synchro teils zu übertrieben
- Langsames Bewegungstempo, gerade am Anfang
- Gesichtsanimationen ingame schwächer
- Teilweise vorhersehbare Schockmomente
- Nicht jeder wird die Rückspulfunktion mögen
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Leidenschaftlicher Konsolenspieler, Steamdeck-Fan und VR-Enthusiast. Neben Klassikern wie Resident Evil, Knights of the Old Republic, Jedi Knight oder LA Noire gehören vor allem aufwendig inszenierte Singleplayer-Erlebnisse zum breit gefächerten Interessengebiet, wie The Last of Us, Uncharted, Days Gone oder Cyberpunk 2077. Aber auch große Open-World-Reihen wie Far Cry oder Assassin's Creed, Point and Click Adventures wie Black Mirror oder Larry sowie Sportspiele mit Fokus auf Tennis, Fußball oder Radsport flimmern regelmäßig über den Bildschirm.








