

Map Map – A Game about Maps im Test: Kartografie als Kunst und Krampf
Mal ehrlich: Wann habt ihr zuletzt eine echte Karte in der Hand gehalten? Nicht Google Maps, nicht das Navi, sondern ein richtiges Stück Papier, auf dem ihr selbst herausfinden musstet, wo ihr gerade seid? Genau das ist die Idee hinter Map Map – A Game about Maps vom Hamburger Indie-Studio Pipapo Games. Kein Minimap-Symbol oben rechts, kein blinkender Pfeil, der euch zur nächsten Aufgabe führt. Stattdessen: eine leere Karte, ein Bleistift und die Aufgabe, die Welt um euch herum selbst zu kartografieren.
Das klingt erstmal nach einer dieser Ideen, bei denen man denkt: „Clever – aber funktioniert das auch als Spiel?" Spoiler: Ja, größtenteils schon. Aber wie bei vielen konzeptstarken Indie-Titeln steckt der Teufel im Detail – genauer gesagt in der Frage, wie lange eine einzelne Mechanik trägt, bevor man anfängt, mechanisch Marker zu setzen statt wirklich zu erkunden.

Schauen, denken, zeichnen
Der Kern von Map Map ist so simpel wie ungewohnt: Ihr erkundet eine Insel, schaut euch die Umgebung an – Küstenlinien, Felsen, Bäume, Ruinen – und übertragt das, was ihr seht, auf eine leere Karte. Kein Tutorial-Pfeil zeigt euch, wo ihr hinmüsst. Ihr müsst selbst herausfinden, wo ihr steht, was um euch herum passiert und wie das auf dem Papier aussehen soll.
Das ist anfangs wirklich erfrischend. Man läuft los, schaut sich um, vergleicht die Küstenlinie mit dem Kartenrand und setzt dann vorsichtig den ersten Marker. Stimmt das? Passt das? Das räumliche Denken, das Map Map dabei abverlangt, ist tatsächlich eine Qualität, die man in kaum einem anderen Spiel so direkt trainiert. Wer ein gutes visuelles Verständnis seiner Umgebung mitbringt, wird hier glänzen. Wer lieber blind dem Kompass folgt – Pech gehabt, den gibt's hier nicht.
Praktisch: Ihr habt unbegrenzt Versuche beim Platzieren der Marker. Das nimmt etwas Druck raus und macht das Ganze zugänglicher als es auf den ersten Blick wirkt. Raten ist technisch möglich, aber wer das Spiel ernst nimmt, will eben genau treffen.

Mehr Insel, mehr Arbeit
Map Map gibt sich nicht damit zufrieden, euch ein paar kleine Inseln hinzuwerfen und dann den Abspann abzufahren. Die Karten werden mit der Zeit größer, die Gebiete komplexer, und es kommen neue Elemente dazu, die ihr erstmal finden müsst. Sei es ein verstecktes Gebäude hinter einer Baumreihe oder eine Küstenlinie, die sich anders anfühlt als erwartet. Das sorgt dafür, dass das Spiel zumindest strukturell Fahrt aufnimmt.
Das Problem: Die Grundmechanik bleibt immer dieselbe. Ihr schaut, ihr denkt, ihr tragt ein. Schaut, denkt, tragt ein. Immer wieder. Die größeren Karten bedeuten mehr Arbeit, aber nicht unbedingt mehr Abwechslung. Wer nach zwei, drei Stunden das Gefühl bekommt, auf Autopilot zu laufen, liegt damit nicht ganz falsch. Das Spiel vertraut stark auf seine eine Idee – und die ist gut, aber sie hat ihre Grenzen.
Positiv: Wer sich auf das Erkunden einlässt und nicht nur die Pflichtmarker setzt, sondern wirklich die Insel abläuft und alles aufnimmt, bekommt ein deutlich reicheres Erlebnis. Map Map belohnt Neugier, auch wenn es das nicht explizit einfordert. Zum Beispiel lassen sich ein paar kleinere Minispiele finden.

Augen auf, Bleistift raus
Den Schwierigkeitsgrad von Map Map in eine Zahl zu pressen ist eigentlich unmöglich. Er hängt fast vollständig davon ab, wie gut ihr räumlich denkt. Wer Umgebungen schnell erfasst, Küstenlinien liest und intuitiv versteht, wie sich eine 3D-Welt auf einer 2D-Karte abbildet, wird kaum ins Schwitzen kommen. Wer das nicht gewohnt ist, kann hingegen eine Weile vor einer halb leeren Karte stehen und sich fragen, wo zur Hölle dieser eine Felsen eigentlich liegt.
Was das Ganze abfedert: Ihr habt unbegrenzt Versuche. Kein Marker ist endgültig falsch, kein Fehler bestraft euch hart. Das nimmt den Druck raus und macht Map Map zugänglicher als das Konzept zunächst vermuten lässt. Im schlimmsten Fall tastet ihr euch eben ran – und irgendwann stimmt's.
Hilfsfunktionen sucht ihr allerdings vergebens. Kein Hinweissystem, kein „Wärmer/Kälter", keine Markierungen, die euch sagen, was noch fehlt. Das ist Absicht und zur Abwechslung mal eine bewusste Designentscheidung, die ich respektiere. Map Map will, dass ihr selbst denkt – nicht dass ihr einem System hinterherrennt. Ob das für euch Feature oder Bug ist, hängt ganz davon ab, wie viel Geduld ihr mitbringt.

Hübsch, aber kein Blockbuster
Map Map sieht gut aus – das muss man einfach sagen. Die Inseln sind farbenfroh, weich und einladend gestaltet. Wälder, Ruinen, Küsten und kleine Details verteilen sich so, dass man beim Erkunden immer wieder kurz stehen bleibt und die Umgebung auf sich wirken lässt. Der Stil passt perfekt zur entspannten Grundstimmung: keine harten Kanten, keine überladenen Effekte, einfach ein angenehmes Bild.
Der Sound hält mit. Die Musik läuft dezent im Hintergrund, ohne aufzudrängen – genau das Richtige für ein Spiel, bei dem man konzentriert schauen und nachdenken will. Soundeffekte sind zurückhaltend und funktional. Man wird nicht beschallt, man wird begleitet. Für ein Indie-Spiel dieser Größe ist das mehr als solide.
Was man nicht erwarten sollte: technische Brillanz, spektakuläre Animationen oder eine Soundkulisse, die man sich später noch ins Ohr pfeifen will. Map Map ist kein Spiel, das mit Optik oder Ton beeindrucken will. Es will eine Stimmung erzeugen, und das gelingt ihm zuverlässig.

Fazit
Map Map – A Game About Maps ist eines dieser Spiele, bei denen die Idee der eigentliche Star ist. Pipapo Games hat sich etwas getraut: ein Spiel ohne Kompass, ohne Minimap, ohne Handhalten. Einfach eine leere Karte und die Erwartung, dass ihr selbst denkt. Und das funktioniert. Zumindest eine Weile.
Ich fand den Einstieg wirklich erfrischend. Das Gefühl, eine Insel zu erkunden und dabei Stück für Stück eine eigene Karte zu zeichnen, hat etwas Befriedigendes, das man so nicht oft bekommt. Die Optik tut ihr Übriges, die Atmosphäre stimmt, und der fehlende Schwierigkeitsdruck macht das Ganze angenehm zugänglich.
Aber spätestens nach der dritten oder vierten Insel schleicht sich Routine ein. Das Spiel hat im Kern eine Mechanik und die zieht es bis zum Ende durch, ohne wirklich neue Impulse zu setzen. Wer damit leben kann, bekommt ein charmantes, kurzes Abenteuer mit einer Idee, die man so tatsächlich noch nicht gesehen hat. Wer nach einer Stunde das Gefühl hat, alles gesehen zu haben liegt leider nicht ganz falsch.
Für den Preis ist Map Map trotzdem eine Empfehlung wert. Nicht als Game of the Year, aber als kleines, liebevoll gemachtes Erlebnis für einen entspannten Nachmittag.
- Einzigartige Kartografie-Mechanik, die es so kaum woanders gibt
- Kein Handholding – wer selbst denken will, wird belohnt
- Stimmige, entspannte Atmosphäre mit passendem Artstyle
- Unbegrenzte Versuche nehmen unnötigen Frust raus
- Faire Preisgestaltung für den gebotenen Umfang
- Eine Mechanik trägt das gesamte Spiel – und das merkt man
- Keine Hilfsfunktionen können bei festgefahrenen Momenten echten Frust auslösen
- Auf Dauer eintönig, da kaum neue Impulse dazukommen
Teile diesen Beitrag

Webentwickler, Technik-Nerd und Gamer aus Leidenschaft seit der Kindheit, mit einem Faible für die komplette The Legend of Zelda- und Halo-Reihe. Dazu fast keine Konsolengeneration ausgelassen und auch sehr interessiert an Indie-Games.




