



Über dreieinhalb Jahre sind vergangen, seit im März 2022 der Release zu Sonys Rennspielflaggschiff Gran Turismo 7 erfolgte. Damals testete Daniel für uns die Release-Version und zog ein durchaus positives Gesamtfazit. Dank des durchaus beachtlichen Supports seitens Entwickler Polyphony Digital ist das Rennspiel über die Jahre weiterhin stetig gewachsen. Besonders erwähnenswert ist dabei, dass bislang sämtliche Updates bis zur Nummer 1.64 komplett kostenfrei geliefert wurden. Mit dem kostenpflichtigen Power-Pack-DLC bricht Polyphony Digital zwar ein Stück weit mit der bisherigen Handhabe, liefert jedoch im parallel erscheinenden, kostenfreien Spec-III-Update 1.64 dennoch ordentlich Content in Form von zwei neuen Strecken und acht Fahrzeugen.
Ich selbst habe mittlerweile über 900 Spielstunden in Gran Turismo 7 verbracht. Daher gebe ich euch gerne einmal einen persönlichen Überblick, was sich seit dem Release verändert hat und welche Baustellen Gran Turismo 7 meiner Meinung nach angehen sollte.

Insgesamt fügte Polyphony Digital bisher sieben komplett neue Rennstrecken zum Spiel hinzu, wobei natürlich noch unterschiedliche Varianten, auch für bereits zu Release enthaltene Pisten, ergänzt wurden. Der Fokus bei den neuen Rennstrecken lag dabei stark auf dem amerikanischen Kontinent. Hier eine Übersicht, über die Neuzugänge:
Watkins Glen (USA)
Road Atlanta (USA)
Grand Valley (USA, überarbeitete Version eines alten GT-Klassikers)
Lake Louise (Kanada, erste reine Schneepiste)
Eiger Nordwand (Schweiz)
Yas Marina Circuit (Dubai)
Circuit Gilles-Villeneuve (Kanada)
Wir finden also vier real existierende Kurse, mit Grand Valley und der Eiger Nordwand zwei bereits bekannte Eigengewächse sowie mit Lake Louise eine Strecke im Offroad-Segment. Auffällig war hierbei, dass nach der Implementierung der Eiger Nordwand lange Zeit Funkstille in Bezug auf neue Rennstrecken herrschte. Gerne könnte Polyphony Digital in Zukunft für weiteren Content sorgen. Speziell das Segment der Stadtkurse war in der Seriengeschichte gut vertreten und dürfte ruhig nochmal eine Renaissance erfahren. Als Beispiele möchte ich die legendären Special Stage R5, R11 und Tokyo R246, aber auch New York und Seoul in den Raum werfen.
Gleichzeitig fehlen weitere Klassiker wie der Autumn Ring oder Midfield, die gerne zurückkehren könnten. Und gegen neue Fantasiekurse hätte ich persönlich ebenso nichts einzuwenden, da ich mich ob der Rennspielflut der letzten Jahre an realen Kursen wie etwa Silverstone so langsam sattgesehen habe. Das absolute i-Tüpfelchen wäre ein Streckeneditor. Dieser war ja in der Seriengeschichte bereits einmal, wenn auch rudimentär, vorhanden.

Im Bereich der Automobile lieferte Polyphony Digital eine deutlich höhere Schlagzahl als bei den Strecken. Die meisten der oftmals monatlich erschienenen Updates beinhalteten dabei mindestens drei Fahrzeuge, die in der Regel bunt gemischt daherkamen. Ganz in der Serientradition fanden sich einige durchaus kuriose Vehikel im Spiel wieder, die man so aus anderen Rennspielen nicht kennt. Beispiele wären etwa der Renault Kangoo, der Suzuki Carry KC, der Honda N-ONE RS und eine ganze Reihe moderner SUVs. Dies gefällt freilich nicht jedem Spieler, denn gleichzeitig blieb es im Bereich der aktuellen Sportwagen und Rennfahrzeuge eher überschaubar ruhig. Wünschenswert wären hier beispielsweise die zahlreichen Hypercars der WEC. Grundsätzlich kennt und liebt man GT aber eben für jene Alltagsautos, die einem zwar oft auf der Straße, nicht jedoch in Rennspielen begegnen.
Meiner Meinung nach war die Auswahl bisher absolut ausreichend, wobei mehr natürlich immer schön wäre. Fahrzeuge wie etwa der Hyundai Elantra N verstärkten das Portfolio sinnvoll und fügten sich gut ein. Grundsätzlich sind die Preise für Fahrzeuge im legendären Bereich exorbitant hoch, sodass man ohne Grind (oder dem Einsatz von Echtgeld) eher nicht in den Genuss eines McLaren F1 oder eines Toyota GT-One kommt. Ich persönlich habe durchaus den meisten Spaß daran, aus allen möglichen „Billigheimern“ Cups und Meisterschaften zu basteln, sei es ein VW-Golf-Cup, eine etwas andere NASCAR-Version oder eine europäische Tourenwagen-Meisterschaft. Daher freue ich mich über einen Toyota GR Corolla für 71.500 Credits auch deutlich mehr als über eine Nissan-Skyline-Sonderedition für 3 Millionen.

Mit der Implementierung von Sophy 2.0 beziehungsweise der 3.0-Version im Power-Pack unternahm Polyphony Digital einen mutigen Schritt in Richtung Kl. Statt generischer Standard-Gegner sollten sich die KI-Kontrahenten nun also deutlich realistischer verhalten und den Spieler mehr fordern. An sich stellt das Sophy-System ein Stück weit ein rollendes Labor dar, denn viele Strecken und Autos werden noch gar nicht unterstützt und kommen erst nach und nach hinzu.
Trotzdem gewinnt der Custom-Race-Modus (neben dem Livery-Editor mein absolutes Highlight in Gran Turismo 7) durch Sophy weiter an Tiefe und bietet allerhand Möglichkeiten, spannende Rennszenarien zu kreieren. Schade ist, dass manche Fahrzeugsegmente nach wie vor nicht ohne weiteres im Custom-Race-Modus eingesetzt werden können. Möchte ich etwa eine selbstgestaltete Kart-Meisterschaft ins Leben rufen, so stelle ich entsetzt fest, dass ich gar nicht gegen meine eigens designten Karts antreten darf. Das Gleiche gilt ebenso für die mittlerweile doch recht zahlreichen Elektroautos wie Hyundai IONIQ 5 N oder Porsche Taycan S.
Nur wenn ich selbst ein Verbrenner-Fahrzeug bewege, darf ich an meinen eigenen, mühevoll erstellten Kart- oder Elektro-Starterfeldern teilnehmen. Hierzu bieten sich zwar die zahlreichen Safety-Cars im Spiel an, verstehen muss man die Gedankengänge von Polyphony Digital an der Stelle jedoch nicht. In diesem Bereich wäre ganz klar Nachholbedarf, was sich zudem sicherlich recht einfach realisieren lassen würde.

In der eigentlichen Karriere erwarten uns nach wie vor fast ausnahmslos Standard-Rennen, bei denen wir am Ende des Feldes einen rollenden Start vollziehen und uns dann nach vorne arbeiten müssen. Diese Chase-the-rabbit-Rennen sind definitiv keine sonderlich tolle und motivierende Lösung, sodass sich die Rennen recht schnell nach Arbeit anfühlen. Da der Custom-Race-Modus beispielsweise stehende Starts ermöglicht und im Power-Pack-DLC sogar ein Qualifying integriert wurde, wäre etwas mehr Abwechslung wünschenswert, auch um die monotonen Weekly Challenges aufzulockern.
Bei den Extra-Menüs im Café hat Gran Turismo 7 über die Jahre ebenfalls zugelegt. Natürlich fanden dort die Neuzugänge über die zahlreichen Updates ihre Entsprechung. Nach wie vor bekommen wir für das Komplettieren eines Menüs (einer Sammlung von drei in irgendeiner Form zueinander gehörenden Fahrzeugen) Belohnungen. Und nach wie vor gilt: Kaufen wir für 10 Millionen ein legendäres Auto, um ein Menü vollzukriegen, dessen Belohnung im schlimmsten Fall eine Bremsscheibe für einen Ford Focus ist? Etwas überspitzt ausgedrückt, ja, aber dennoch ein stichhaltiger Punkt. Die Menüs sind daher nur für absolute Komplettisten ein Vergnügen.
Apropos Teile: Gran Turismo 7 bietet mittlerweile eine gute Auswahl an sogenannten Engine-Swaps. Damit können wir an einem bestimmten Fahrzeug den Motor tauschen. So wird aus dem knuffigen Mazda3 dank des hochdrehenden Motors aus dem Le-Mans-Gewinner Mazda 787B eine ernst zu nehmende Rakete. Die Preise hierfür sind jedoch auch nicht zu verachten. Nach wie vor extrem schade ist, dass wir andere, gewonnene Teile wie Federungen, Kurbelwellen oder Getriebe nicht veräußern dürfen. Somit müllt unser Inventar ohne weitere Beachtung einfach zu.

Nicht unerwähnt lassen dürfen wir den tollen Scapes-Modus, über den wir unsere Fahrzeuge in wahnsinnig schönen Fotoszenarien ins rechte Licht rücken dürfen. In diesem Modus kamen mit vielen Updates neue Locations hinzu, die immer wieder zum Stöbern einladen und den Scapes-Modus damit ordentlich am Leben erhalten. Ebenfalls erwähnenswert sind zudem die Missionen und Lizenzen, die relativ früh im Spiel bereits weitere Updates erfuhren, in letzter Zeit allerdings extrem vernachlässigt wurden. Gerade im Missions-Bereich wäre sicherlich neuer Content eine feine Angelegenheit. Gleichwohl liefert das Power Pack an der Stelle Missions-ähnliche Rennen, die eine Erweiterung im Basisspiel wohl oder übel obsolet machen.

Machen wir uns nichts vor, über kurz oder lang wird es natürlich ein Gran Turismo 8 geben. Gut möglich, dass Sony und Polyphony Digital dieses für die nächste PlayStation-Generation bereits fest im Blick haben. Doch bis dahin scheint es, dass Gran Turismo 7 weiterhin mit größtenteils regelmäßigen Updates am Leben erhalten wird. Das Power Pack ist dabei sicherlich als Versuch zu betrachten, wie viele Spieler bereit sind, für weiteren Content in die Tasche zu greifen. Wünschenswert wäre aber (auch im Sinne des eigenen Geldbeutels), dass man weiterhin an den kostenlosen Updates festhält. Nach dem Spec-III-Update sowie dem Power Pack wird es auf jeden Fall extrem spannend werden, wie Polyphony Digital mit seinem Werk weiterverfährt. Vielleicht folgt dann in einem Jahr ein Spec-IV-Update, welches den von vielen Spielern herbeigesehnten B-Spec-Zuschauermodus aus früheren Serienteilen zurückbringt. Ich persönlich hoffe auf jeden Fall auf viele weitere (möglichst kostenfreie) Updates, gerne mit der ein oder anderen neuen Piste. Auf das zu meinen 900 Spielstunden noch einige weitere hinzugerechnet werden und ich vielleicht in zwei Jahren einen weiteren Folgeartikel zu Gran Turismo 7 beisteuern kann.
Alex Jung
Seit dem ersten Gameboy begeisterter Konsolenzocker. Neben Rennspielen, Action-Adventures und JRPGs sind auch Indie-Perlen gerne im Laufwerk gesehen. Zu den Lieblingsspielen gehören GTA Vice City, Metal Gear Solid, Overboard, Ys VIII, die Uncharted- und Forza-Horizon-Reihe sowie Gran Turismo 7.