



Moto Racer. Im Bereich der Zweirad-Rennspiele steht dieser Name sicherlich für die wohl arcadigste Spielerfahrung, die man sich vorstellen kann. Beginnend im Jahr 1997 brachte es die Reihe immerhin auf fünf Hauptteile sowie zwei Ableger für den Nintendo-Handheld-Sektor, bevor mit Moto Racer 4 im Jahr 2016 die Serie ihr (vorläufiges) Ende fand. Wir werfen einen Blick zurück auf die rasante Reihe und klären, was die Spiele so außergewöhnlich gemacht hat.
Im Jahr 1997 brachten die bis dahin hauptsächlich für das durchwachsene 2D-Prügelspiel Shaq Fu bekannten Entwickler von Delphine Software ein nagelneues Rennspiel auf den Markt. Ganz im Stile alter Spielhallen-Arcade-Racer kreierte man mit Moto Racer ein Zweirad-Rennspiel, welches primär auf Zugänglichkeit und ein überragendes Geschwindigkeitsgefühl baute. Hier stand ganz klar die Unterhaltung im Vordergrund. Einen besonderen Twist erhielt das Spiel dadurch, dass man sowohl mit Straßenmaschinen als auch Offroad mit Motocross-Bikes fahren durfte, sodass sich direkt eine gute Abwechslung im Gameplay einstellte. Obwohl der Umfang letztlich überschaubar ausfiel, so konnte Moto Racer dennoch die Kritiker überzeugen, was nicht zuletzt an den toll gestalteten Fantasiekursen lag.
Aufgrund der guten Wertungen für Moto Racer war ein Nachfolger natürlich fast schon obligatorisch. Moto Racer 2 erschien 1998 und präsentierte sich in allen Belangen verbessert. Zunächst gab es neben klar aufgebohrter Grafik noch mehr Auswahl an Strecken, doch einen besonderen Kniff erhielt das Spiel durch einen integrierten Streckeneditor, dank dem sich theoretisch unzählige Rennstrecken für On- und Offroad erstellen ließen. Beim Fahrgefühl präsentierte man sich gewohnt arcadig. Und dank der offiziellen Lizenz für Yamahas damaliges Superbike-Flaggschiff, die im selben Jahr eingeführte YZF R1, machte man zudem fleißig Werbung und generierte Aufmerksamkeit.
Zwei Jahre später, zum Ende der ersten PlayStation-Generation, folgte dann der bisher mit Abstand umfangreichste Teil der Moto-Racer-Reihe, welcher eigentlich nur ein Spin-off darstellte. Moto Racer World Tour verzichtete nun leider wieder auf den liebgewonnenen Streckeneditor, bot aber ansonsten ein nahezu unerreichbares Komplettpaket des Zweirad-Motorsports. Neben Straßenrennen und Motocross fanden sich Disziplinen wie Freestyle, Trial, Dragraces und sogar illegale Rennen im laufenden Verkehr im Portfolio wieder, sodass wirklich für jeden etwas dabei war. Vereinzelt bezeichnete die Presse das Spiel sogar als sowohl bestes Straßen- als auch Motocross-Rennspiel auf dem Markt, sicherlich dank des nun höheren Simulationsanspruchs im Straßen-Sektor. Einige lizensierte Kurse und verschiedene Rennklassen wie 125er oder die bissigen 500er unterstrichen diese Ambition.
2001 folgte der offizielle Nachfolger für Moto Racer 2, diesmal jedoch exklusiv auf dem PC. Mit dem dritten Teil erhielt die Reihe dann aber einen ersten Dämpfer, da das Spiel das hohe Niveau der Vorgänger nicht halten konnte. So bemängelte die Fachpresse die Unfertigkeit des Produktes. Und sicherlich war die reine Fixierung auf PC nach dem PlayStation-Erfolg von World Tour sowie dem generellen Boom von Heimkonsolen keine allzu gute Entscheidung, sodass hier einiges an Potenzial verschenkt wurde.
Für das ursprüngliche Entwicklerstudio Delphine Software stellte das 2002 erschienene Moto Racer Advance den letzten Teil aus ihrer Feder dar. Gemäß dem Namen handelte es sich dabei um ein Spiel, welches exklusiv für Nintendos Game Boy Advance veröffentlicht wurde. Nach den eher durchwachsenen Kritiken zu Moto Racer 3 konnte Advance das Ruder wieder etwas herumreißen, was nicht zuletzt an einem sehr guten Umfang lag.
Nach Moto Racer Advance wanderte die Lizenz nun zu den französischen Team Artefacts Studios, die später unter anderem Titel wie Terraforming Mars oder Agatha Christies The ABC-Murders entwickeln sollten. Man blieb dabei dem Handheld-Sektor treu und präsentierte 2008 ein Spiel für den Nintendo DS, welches wiederum ordentliche Rezensionen einfahren konnte.
Nach über einem Jahrzehnt ohne Heimkonsolen-Ableger war es dann 2016 endlich wieder soweit, als Artefacts Studios den vierten Teil der Moto-Racer-Reihe veröffentlichten. Mit dem Sprung auf PlayStation 4 und Xbox One sollte hier eigentlich eine gute Grundlage für ein spaßiges Spiel gelegt sein. Doch Moto Racer 4 scheiterte leider in vielerlei Hinsicht. Zwar konnten das Design der Kurse und auch das Geschwindigkeitsgefühl durchaus überzeugen, dafür hinkte das Spiel beim Gameplay und Balancing qualitativ weit hinterher. Die eigentlich spannende Prämisse, auf den eigenen Erfolg im Rennen zu wetten, konnte nicht zünden, sodass Moto Racer 4 letztlich nur eine Randnotiz der Rennspielwelt blieb.
Nach Moto Racer 4 wurde es still um die renommierte Arcade-Racer-Reihe. Artefacts Studios veröffentlichten mit MXGP 24 ein weiteres Zweiradrennspiel, diesmal sogar mit offizieller Lizenz, welches jedoch bei Kritikern gnadenlos durchfiel. Daher ist für ein mögliches Moto Racer 5 vielleicht sogar zu hoffen, dass die Lizenz auf ein anderes Studio übergeht. Mögliche Kandidaten wären beispielsweise die Italiener von Milestone, die dank MotoGP, Ride und Monster Energy Supercross über ordentliche Zweiraderfahrung verfügen, aber natürlich nicht noch mehr Konkurrenz im eigenen Portfolio vertragen können. Oder vielleicht nimmt sich doch mal ein unbekanntes neues Studio einem (geistigen) Nachfolger an. Schließlich dürfte es immer noch Nachfrage nach einem pfeilschnellen und zugänglichen Zweirad-Rennspiel geben.
Alex Jung
Seit dem ersten Gameboy begeisterter Konsolenzocker. Neben Rennspielen, Action-Adventures und JRPGs sind auch Indie-Perlen gerne im Laufwerk gesehen. Zu den zahlreichen Lieblingsspielen gehören GTA Vice City, Metal Gear Solid, Overboard!, Ys VIII, die Uncharted- und Forza-Horizon-Reihe sowie Gran Turismo 7.