

Crimson Desert im Test: Epos mit Schwächen
Mit Crimson Desert liefert das koreanische Studio Pearl Abyss ein ambitioniertes Open-World-Abenteuer ab, das sich sichtbar zwischen cineastischem Storytelling und komplexem Sandbox-Gameplay positionieren will. Das Ergebnis ist ein Spiel, das gleichermaßen beeindruckt wie gelegentlich überfordert.

Drama im Mittelalter
Im Zentrum der Handlung steht der Söldner Kliff, Anführer der Greymanes, einer Gruppe von kampferprobten Gefährten, die sich in einer von Krieg und politischen Machtkämpfen geprägten Welt behaupten müssen. Anders als zunächst erwartet, bleibt es jedoch nicht bei einer reinen Fokusfigur. Im Verlauf der Geschichte schlüpft der Spieler immer wieder auch in die Rollen anderer spielbarer Charaktere innerhalb der Truppe, wodurch die Erzählung aus mehreren Perspektiven beleuchtet wird und deutlich an Tiefe gewinnt.

Diese spielbaren Abschnitte mit unterschiedlichen Figuren gehören zu den spannendsten erzählerischen Ansätzen des Spiels. Jeder Charakter bringt eigene Fähigkeiten, Sichtweisen und persönliche Konflikte mit, die nicht nur das Gameplay variieren, sondern auch neue Facetten der Handlung offenlegen. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Bild der Welt und der Ereignisse, das über Kliffs persönliche Geschichte hinausgeht. Gleichzeitig stärkt dieser Perspektivwechsel die emotionale Bindung zur gesamten Gruppe, da man ihre Beweggründe und Schicksale unmittelbar erlebt, anstatt sie nur aus Dialogen zu erfahren.
Inhaltlich entfaltet sich die Story als Mischung aus persönlichem Drama und groß angelegtem Machtkampf. Die Greymanes geraten zunehmend zwischen die Fronten rivalisierender Fraktionen, während alte Loyalitäten bröckeln und neue Allianzen geschmiedet werden. Besonders gelungen ist dabei die Darstellung der Gruppendynamik. Misstrauen, Zusammenhalt und individuelle Ziele stehen oft in Konflikt miteinander, sodass Kliff und seine Gefährten immer wieder schwierige Entscheidungen treffen müssen, die spürbare Konsequenzen nach sich ziehen.

Dichte Atmosphäre
Die Inszenierung setzt stark auf cineastische Mittel. Große Schlachten wechseln sich mit ruhigen, charaktergetriebenen Momenten ab, in denen Gespräche und persönliche Entwicklungen im Vordergrund stehen. Allerdings leidet die Erzählstruktur stellenweise unter ihrem hohen Tempo. Einige Nebenfiguren und Handlungsstränge werden eingeführt, ohne ausreichend Raum zur Entfaltung zu bekommen, wodurch bestimmte Wendungen weniger wirkungsvoll erscheinen, als sie es sein könnten.
Trotz dieser Schwächen überzeugt die Story insgesamt durch ihren ambitionierten Aufbau und die gelungene Verknüpfung verschiedener Perspektiven. Gerade die spielbaren Nebencharaktere tragen entscheidend dazu bei, dass sich die Welt lebendig und vielschichtig anfühlt, auch wenn nicht jeder Erzählstrang konsequent zu Ende geführt wird.

Das Gameplay ist eines der auffälligsten, aber auch problematischsten Elemente von Crimson Desert. Auf der einen Seite bietet das Kampfsystem eine enorme Vielfalt an Möglichkeiten, von direkten Nahkampfangriffen bis hin zu akrobatischen Manövern und physikbasierten Interaktionen. Auf der anderen Seite wirkt das Spielgeschehen oft unruhig und überladen. Kämpfe können schnell chaotisch werden, da Animationen, Effekte und Gegnerverhalten nicht immer klar lesbar sind. Hinzu kommt eine Steuerung, die unnötig kompliziert geraten ist. Die Vielzahl an Eingaben sorgt zwar für Tiefe, erschwert aber den Einstieg und führt selbst nach längerer Spielzeit noch zu Fehlbedienungen. Die Steuerung ermöglicht auf der anderen Seite aber auch eine exakte Positionierung von Gegenständen und dadurch auch kreative Lösungsansätze für Probleme.

Viel zu tun
Abseits der Hauptmissionen bietet die Spielwelt eine große Bandbreite an Nebenaktivitäten. Dazu gehören klassische Aufgaben wie Jagen, Sammeln und Handeln, aber auch kleinere Geschichten und dynamische Ereignisse, die die Welt lebendig wirken lassen sollen. Allerdings leidet auch dieser Bereich unter einer gewissen Unübersichtlichkeit. Viele Aktivitäten fühlen sich nicht klar voneinander abgegrenzt an und verlieren dadurch an Reiz. Dennoch gibt es immer wieder Momente, in denen man sich gerne treiben lässt und neue Orte entdeckt.
Das Worlddesign gehört zu den größten Stärken des Spiels. Die Welt ist weitläufig, abwechslungsreich und visuell beeindruckend gestaltet. Von zerklüfteten Gebirgslandschaften bis hin zu dichten Wäldern und lebendigen Siedlungen vermittelt Crimson Desert ein starkes Gefühl von Größe und Abenteuer. Gleichzeitig fehlt es manchen Regionen an klarer Identität, wodurch sie trotz technischer Brillanz etwas generisch wirken können.

Audiovisuell zeigt sich das Spiel auf einem hohen Niveau, wenn auch nicht ohne Schwächen. Die Grafik überzeugt mit detaillierten Charaktermodellen, dynamischen Wettereffekten und stimmungsvollen Lichtspielen. Allerdings wirken einige Lichtverhältnisse unausgewogen, was gerade zu bestimmten Tageszeiten oder in Innenräumen zu einer irritierenden Darstellung führen kann. Die Audioseite ist solide, mit einem atmosphärischen Soundtrack und glaubwürdigen Umgebungsgeräuschen. Problematisch sind jedoch die englischen Synchronstimmen, deren Akzente stellenweise unpassend oder sogar unfreiwillig komisch wirken und so die Immersion beeinträchtigen.
Die Atmosphäre des Spiels schwankt insgesamt zwischen beeindruckender Dichte und gelegentlicher Überladung. In seinen besten Momenten zieht Crimson Desert den Spieler mit seiner Welt und Inszenierung vollständig in den Bann. In schwächeren Phasen hingegen wird deutlich, dass das Spiel versucht, zu viele Ideen gleichzeitig umzusetzen, ohne allen gerecht zu werden.

Technik, die nur teilweise überzeugt
Technisch hinterlässt Crimson Desert hingegen einen zwiespältigen Eindruck. Die Performance schwankt spürbar, selbst auf leistungsstärkerer Hardware kommt es immer wieder zu Framerate-Einbrüchen, insbesondere in dicht bevölkerten Gebieten oder während großer Kämpfe. Diese Ruckler tragen zusätzlich zum ohnehin schon unruhigen Gameplay bei und können den Spielfluss merklich stören. Auch die allgemeine Optimierung wirkt noch nicht vollständig ausgereift, da Ladezeiten und Streaming der Spielwelt nicht immer nahtlos ineinandergreifen.

Hinzu kommen diverse Bugs, die von kleineren Grafikfehlern bis hin zu spielbeeinflussenden Problemen reichen. Charaktere bleiben gelegentlich in der Umgebung hängen, Animationen brechen ab oder Quests lassen sich nicht korrekt abschließen, was im schlimmsten Fall ein Neuladen erforderlich macht. Zwar treten diese Fehler nicht permanent auf, aber häufig genug, um den Gesamteindruck zu trüben und die Immersion immer wieder zu durchbrechen.
Fazit
Crimson Desert ist ein faszinierendes, aber nicht ausgereiftes Open-World-Erlebnis. Es überzeugt mit einer starken Präsentation, einer großen und detailreichen Welt sowie ambitionierten Gameplay-Ansätzen. Gleichzeitig stehen dem jedoch ein unruhiges Spielgefühl, eine komplizierte Steuerung und kleinere audiovisuelle Schwächen gegenüber. Insgesamt mindern die Schwächen leider (noch) deutlich den Spielspaß. Wer bereit ist, sich auf die Eigenheiten einzulassen, findet hier ein spannendes Abenteuer mit viel Potenzial, das jedoch nicht immer zur vollen Entfaltung kommt. Es überrascht etwas, dass der Entwickler des erfolgreichen MMORPGs Black Desert so eine schwankende Qualität des Contents liefert. Und auch, dass etablierte umfangreiche Elemente wie ein Charakter-Creator weggelassen wurden.
- Dichte Atmosphäre
- Meist recht schöne Optik
- Gutes Worldbuilding
- Überfrachtung der Controls
- Zu viele verschiedene Konzepte auf einmal
- Lichtquellen überblenden alles
- Unterschiedliches Pacing
- Performance Einbrüche
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Hat seit dem Gameboy jede Handheld-Generation ausgiebig genutzt. Es stehen vorallem Coop- und Multiplayer-Spiele hoch im Kurs.



