

Die Gilde 1 Remake: Europa 1410 im Vorab Test: Alte Tugenden, frischer Glanz
Mit Die Gilde 1 Remake: Europa 1410 kehrt eine der beliebtesten Aufbau- und Wirtschaftssimulationsreihen der Vergangenheit zu ihren Wurzeln zurück. Was das Remake des ersten Gilde-Teils im Early Access schon zu bieten hat, verraten wir in unserem Vorab Test.

Pure Nostalgie
Der Wiedereinstieg in den Erstling der Reihe wartet mit einer schicken Introsequenz mit echten Schauspielern auf, die uns dank authentischer Kulissen und stimmungsvoller Instrumentalmusik direkt ins Mittelalter entführt.
Im nächsten Schritt wählen wir unsere gewünschte Stadt aus - hier stehen aktuell sechs Optionen bereit: Herle, Nürnberg, Freiburg, Kuttenberg, Graz und Wroclaw. Weiterhin dürfen wir zu Spielbeginn eine individuelle Siegbedingung wählen, nämlich Amt (Rang 6), Ruhm (100 Ruhm), Titel (Edelmann) oder Vermögen (200.000). Außerdem haben wir die Chance, einfach ein freies Spiel ohne entsprechendes Ziel zu starten. Abhängig vom Schauplatz ist außerdem die Anzahl von mit uns konkurrierenden Dynastien, die von einer in der Tutorialstadt Herle bis hin zu zwölf in Nürnberg und dem schlesischen Wroclaw reichen. Schon bei der Stadtwahl über die gelungene, gemäldeartige Landkarte fühlt sich das Remake wie ein Ausflug in die Vergangenheit an und wir werden sofort an das Original aus dem Jahre 2002 erinnert.

Auch bei der Erstellung unserer eigenen Dynastie kommen sofort Nostalgiegefühle auf, denn anders als in Gilde 2 und Gilde 3 erstellen wir hier zwar einen Charakter mitsamt Namen, Porträt, Geschlecht und Anfangsberuf, einen richtigen Charakterdesigner gibt es aber nicht und braucht es auch nicht - schließlich managen wir den größten Teil des Alltags quasi aus dem Off heraus. Unsere Figur bewegt sich zwar durch die Welt, das Ganze ist aber, anders als in Teil 2, eher beiläufig, sodass wir hier definitiv keine Lebenssimulation spielen, bei der wir ständig auf der Suche nach unserem Charakter sind. Auch für die Dynastie haben wir mehrere Individualisierungsoptionen, wie die Vorgeschichte, die uns je nach Auswahl Plus- und Minuspunkte in bestimmten Bereichen im Spiel beschert, wie zum Beispiel bei Rhetorik, Produktivität oder Handwerk. Insgesamt stehen aktuell fünf Vorgeschichten mit ihren speziellen Besonderheiten zur Verfügung. Hier sehen wir übrigens auch schon kleinere Einschränkungen des Early Access, denn nicht alle Beschreibungen sind schon komplett ins Deutsche übersetzt, sodass wir hier und da einen Deutsch/Englisch-Mix haben. Außerdem erwarten uns an einigen Stellen noch Platzhalter ohne richtigen Text, was aber im Spielfluss kein wirkliches Problem darstellt.

Bei der Wahl unseres Berufs lässt uns das Remake gegenwärtig aus acht Optionen wählen und deckt dabei auch schon die wichtigsten aus dem Original ab. Weitere sollen im Verlauf des Early Access folgen. Mit dabei sind neben klassischen Handwerkern wie Schmied, Steinmetz, Schreiner oder Schneider auch der Parfümeur, der Alchemist, der Gastwirt und der Prediger. Während wir bei ersteren in der Regel hauptsächlich Produkte auf dem Markt oder im Geschäft verkaufen, betreiben wir als Wirt ein eigenes Gasthaus oder nehmen als Pfarrer in der eigenen Kirche die Beichte ab oder halten Predigten. Also wieder die gewohnte Vielfalt des Originals, die uns einen wunderbaren Einblick in unterschiedliche Tagesabläufe gibt, wie sie im Mittelalter wohl in etwa stattgefunden haben. Hier hält sich das Remake sehr schön ans Original und versucht gar nicht erst, das Rad neu zu erfinden. Eine gute Entscheidung!

Ein abwechslungsreicher Alltag
Wenn wir unseren Betrieb führen, warten verschiedene Aufgaben auf uns und unsere Angestellten. So schicken wir Wagen zum Markt oder direkt zu einem Rohstoffbetrieb, um Rohstoffe zu kaufen, die wir dann wiederum im eigenen Betrieb weiterverarbeiten. Unsere eigenen Produkte verkaufen wir dann wahlweise im eigenen Verkaufslager oder fahren sie ebenfalls zum Markt, um sie dort anzubieten. Mit unserem Gewinn können wir dann nach und nach unseren Betrieb erweitern, um zusätzliche Aufgaben und Aktionen freizuschalten. Auch lassen sich unsere Karren und die Lager vergrößern, zusätzliche Mitarbeiter einstellen oder Eskorten anheuern, um unsere Transporte zu schützen. Schön ist auch, dass die Nachfrage variiert und von aktuellen Gesetzen der Stadt, von Jahreszeiten oder auch vom Geschehen in der Welt drumherum abhängt. Weiterhin entscheiden wir auch selbst, wie viel wir unseren Angestellten bezahlen oder wie wir sie behandeln, was sich aber auch auf ihre Leistung auswirkt. Außerdem können wir sie unterweisen, ihnen Boni zahlen oder ihnen auch eine Waffe in die Hand geben, damit sie sich zur Not verteidigen können, und auch Werte wie Produktivität und Unfallrisiko sind im Arbeitsalltag präsent. Hier mischen sich vertraute Aktionen aus dem Urspiel mit einigen frischen Ideen, was insgesamt sehr gut harmoniert. Auf dem Zeitstrahl am oberen Ende des Bildschirms sehen wir übrigens jederzeit, wann wichtige Ereignisse wie Wahlen anstehen und behalten so auch bei einem höheren Spieltempo den Überblick.

Politik und Intrigen
Neben der Verwaltung unseres Betriebs spielen aber auch andere Faktoren im Alltag eine Rolle. So können wir uns im Rathaus der Stadt ab einem bestimmten Level auf ein Amt bewerben, um zusätzliche Privilegien zu erhalten. Hierzu gehören nicht nur weitere Bezüge, sondern beispielsweise auch die Möglichkeit, an Abstimmungen teilzunehmen und das Leben in der Stadt mitzuprägen. Und natürlich sind auch die Intrigen wieder ein essenzieller Baustein der Gilde. Wir können andere Bürger von unserem Haus aus ausspionieren oder ihnen eine Horde Diebe auf den Hals hetzen, die entsprechende Dienstleistungen anbieten. Auf diese Weise sammeln wir belastbares Material gegen mögliche Gegner und können unsere Beweise im Rathaus anbringen und Anklage erheben. Dort dürfen wir außerdem verdächtige Beobachtungen melden, auch wenn wir gar keine Beweise haben, und so Klatsch und Tratsch über Konkurrenten verbreiten, der auch mal echte Beweise ans Tageslicht bringen kann. Weiterhin lassen sich auch Werbungen zwischen Konkurrenten sabotieren, um Misstrauen zwischen potenziellen Liebenden zu säen. Selbstverständlich können auch unsere eigenen dunklen Machenschaften auffliegen, wenn wir zu viel schmutzige Wäsche waschen.

Natürlich müssen wir uns auch um den Erhalt unserer Dynastie kümmern und einen passenden Ehepartner suchen, bevor unser letztes lebendes Dynastiemitglied das Zeitliche segnet - schließlich ist die Lebenserwartung im Mittelalter kurz und es grassieren regelmäßig Seuchen und Krankheiten. Hierfür begeben wir uns auf den Heiratsmarkt und suchen einen passenden Partner aus, bevor wir mit dem Werben beginnen. Dabei spielen die Attribute des Umworbenen eine wichtige Rolle, denn je gesünder ein Partner ist, desto fruchtbarer ist er auch. Weiterhin ist für Personen aus besserem Stand mehr Gold und Zeit erforderlich, um erfolgreich zu sein. Während der Werbung können wir per Knopfdruck Komplimente oder Geschenke machen, um den Vorgang zu beschleunigen. Hier sind wir auch ganz dicht am Original dran, sodass sich eine Werbung sehr gut mit dem Alltag verbinden lässt. In Die Gilde 2 artete das Ganze mitunter in Stress aus, da man sich dort eher in Richtung Lebenssimulation ausrichtete und die Romanzen nur schwer mit dem Alltag im Betrieb zu vereinen waren. Für die Werbung werden dann Aktionspunkte oder Geld benötigt. Erstere erhalten wir in jeder Runde, ebenso wie Ausdauerpunkte, die wir für viele Aktionen brauchen, wie zum Beispiel für Reparaturen oder Duelle. Eine Runde beinhaltet immer eine komplette Jahreszeit, natürlich auch mit wechselndem Wetter. Wer keine Zeit für eine echte Familie hat oder auf Nummer sicher gehen möchte, kann übrigens auch Waisenkinder aufnehmen, um die eigene Dynastie zu erhalten.

Optisch ansprechende Neuauflage
Die grafische Darstellung des Remakes ist natürlich auf einem ganz anderen Niveau als vor fast 25 Jahren. So dürfen wir uns auf belebte und stimmungsvolle Mittelalterstädtchen freuen, die mit tollen Lichteinfällen, Schattenwürfen und Spiegelungen, wilden und domestizierten Tieren und einem schicken Tag- und Nachtzyklus punkten. Gerade nachts kommen dann auch die Lichtquellen in der Stadt richtig schön zur Geltung. Aber auch die Innenbereiche der betretbaren Gebäude wie unserem Haus oder unserem Betrieb wurden sehr detailliert umgesetzt mit zahlreichen Möbeln und Dekorationen, aber auch mit den Werkstätten, die wir direkt anklicken, aufwerten und bei Bedarf auch reparieren können. Ja, die Animationen der Figuren sind vielleicht nicht mehr ganz taufrisch, man dürfte gerne etwas näher ans Geschehen zoomen und hier und da sind die Texturen etwas unscharf - insgesamt kann die Optik des Remakes aber überzeugen und transportiert vor allem die Stimmung hervorragend. Gleiches gilt für den rundum authentischen Mittelaltersoundtrack, der vielleicht etwas mehr Abwechslung vertragen könnte, aber die Szenerie dennoch sehr glaubhaft untermalt. Auch die bekannten Ansagen des Sprechers, der im Deutschen übrigens wieder von der Stimme des Originals übernommen wird, sind ein weiterer großer Nostalgiepunkt!

Falls man der Präsentation etwas ankreiden möchte, dann, dass der Bildschirm sehr schnell überladen wirkt. Wenn Aufgabenmenüs im Betrieb, aktuelle Quests, der Zeitstrahl und dann noch eine aktuelle Aktion per Pop-up gleichzeitig aktiv sind, hat man mitunter das Gefühl, das eigentliche Spiel nicht mehr zu sehen. Auch überlappen sich einzelne Fenster gerne mal etwas ungünstig - hier wäre vielleicht noch etwas Optimierungsbedarf.
Ein Blick in die Zukunft
Auch wenn der gegenwärtige Zustand von Die Gilde 1 Remake: Europa 1410 schon sehr ordentlich ist, ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Die Roadmap verrät, dass in naher Zukunft noch einige spannende Inhalte geplant sind. Hierzu gehören zum Beispiel die zwielichtigen Berufe wie Dieb oder Räuber, die aktuell noch fehlen. Bis zum Release sind insgesamt sogar dreizehn Berufe geplant, wie auch Gardist, Händler oder Geldleiher. Hinzu kommen zusätzliche Interaktionen in der Familie, Rivalitäten zwischen Dynastien und allem voran auch noch ein Multiplayer. Man darf also gespannt auf die weitere Entwicklung schauen.

Fazit
Die Gilde 1 Remake: Europa 1410 macht im Early Access bereits einen erfreulich runden Eindruck und zeigt, dass die Rückbesinnung auf die Wurzeln der Reihe funktioniert. Statt sich erneut stärker in Richtung Lebenssimulation zu bewegen, konzentriert sich das Remake auf Wirtschaft, Politik, Intrigen und den Aufbau der eigenen Dynastie – und fängt damit viel vom Charme des Originals ein. Vor allem die Mischung aus vertrauten Spielmechaniken und einigen neuen Aktionen funktioniert bereits sehr gut. Dazu kommen die stimmungsvolle Mittelalterwelt, die gelungene audiovisuelle Präsentation und natürlich eine ordentliche Portion Nostalgie. Gleichzeitig merkt man dem Spiel an einigen Stellen noch den Early-Access-Status an. Neben kleineren Übersetzungsproblemen und der teilweise überladenen Benutzeroberfläche fehlen noch einige wichtige Inhalte wie zum Beispiel die besonders spannenden zwielichtigen Berufe oder der Multiplayer.
Unterm Strich macht Europa 1410 aber bereits jetzt Lust auf mehr. Wer das ursprüngliche Die Gilde mochte, dürfte sich schnell heimisch fühlen, während die kommenden Inhalte zeigen müssen, ob aus dem vielversprechenden Remake am Ende ein rundum gelungenes Gesamtpaket wird.
- Starke Rückbesinnung auf das Original
- Abwechslungsreiche Wirtschafts- und Gesellschaftssimulation
- Stimmungsvolle Mittelalter-Atmosphäre
- Schicke moderne Aufbau-Grafik mit umfangreichen Welten
- Gelungene Mischung aus bekannten und neuen Aktionen
- Motivierender Alltag, der sich Stück für Stück erweitert
- Benutzeroberfläche wirkt teilweise überladen
- Noch einige Übersetzungsfehler und Platzhalter im Early Access
- Animationen und Texturen nicht immer auf der Höhe der Zeit
- Wichtige Inhalte wie die zwielichtigen Berufe und der Multiplayer fehlen noch
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Leidenschaftlicher Konsolenspieler, Steamdeck-Fan und VR-Enthusiast. Neben Klassikern wie Resident Evil, Knights of the Old Republic, Jedi Knight oder LA Noire gehören vor allem aufwendig inszenierte Singleplayer-Erlebnisse zum breit gefächerten Interessengebiet, wie The Last of Us, Uncharted, Days Gone oder Cyberpunk 2077. Aber auch große Open-World-Reihen wie Far Cry oder Assassin's Creed, Point and Click Adventures wie Black Mirror oder Larry sowie Sportspiele mit Fokus auf Tennis, Fußball oder Radsport flimmern regelmäßig über den Bildschirm.