

Life is Strange: Reunion im Test: Können Max und Chloe noch einmal begeistern?
Mit Life is Strange: Reunion wird die Geschichte von Max und Chloe zu Ende gebracht, und zwar von Deck Nine, den Entwicklern von Before the Storm, True Colors und Double Exposure. Wie sich der neuste Ableger des Adventures schlägt, der wieder folgenschwere Entscheidungen und sehr viel Emotion mitbringt, verraten wir euch im Test.

Chloe ist zurück
Bevor es losgeht, dürfen wir die wichtigsten Entscheidungen aus den Vorgängern manuell nachholen oder uns auf eine automatische Auswahl einlassen, um die grundlegenden Weichen für unser Spiel zu stellen. So entscheiden wir, ob wir eine Romanze mit Vinh, Chloe oder Amanda eingegangen sind, ob wir Safiya bei Ihrem Plan unterstützt haben und natürlich, ob wir uns in Teil 1 für Chloe oder Arcadia Bay entschieden haben. Sind wir mit den Einstellungen zufrieden, beginnt die Story ohne weitere Umschweife. Sollten wir uns da damals übrigens für Arcadia Bay entschieden haben, hält das Spiel auch eine Erklärung bereit, wie Chloe nun doch wieder mit dabei sein kann. Ob das ganze wirklich elegant gelöst ist, muss letztlich jeder selbst für sich wissen - wir sind nur bedingt damit einverstanden, da es die größte Entscheidung der bisherigen Spielreihe deutlich abschwächt. Wir treffen zu Beginn in jedem Fall auf Chloe, die Backstage in einem Club auf den Auftritt ihrer Band wartet. Nachdem sie sich mit dem Besitzer bezüglich ihrer Verspätung gestritten hat, wird sie urplötzlich in eine Art Traumwelt gezogen. Hier erlebt sie Szenen aus dem Vorgänger - allerdings handelt es sich dabei um Bruchstücke von Max' Erinnerungen, als sie hoch über dem Campus von Caledon eine Pistole auf Safi gerichtet hatte. Allerdings ist Chloe plötzlich Teil dieser einschneidenden Geschehnisse aus Double Exposure. Als sie aus der Traumszene heraus gerissen wird, scheint sie fest entschlossen, verstehen zu wollen, was es damit auf sich hat.

Perspektivwechsel
Nach einem Cut wechselt die Perspektive und wir sind mit Max im Auto unterwegs. Hier werfen wir nicht nur zum ersten Mal einem Blick in Max' Tagebuch, das uns mit stimmungsvollen Zeichnungen und ausformulierten Gedanken mehr über ihr Innenleben verrät. Wir können außerdem wieder Max' SMS-Feed verfolgen und die Nachrichten an ihre wichtigsten Freunde nachlesen, um noch etwas tiefer in ihr gegenwärtiges Leben einzutauchen. Außerdem dürfen wir mit Max direkt ein Foto der wunderschönen Umgebung mit ihrer einzigartigen, typisch melancholischen Life-is-Strange-Stimmung schießen und sind damit sofort wieder im vertrauten Gameplay der Reihe angekommen. Die Bilder lassen sich auf Wunsch doppelt belichten, erneut aufnehmen oder als Erinnerung speichern, sodass wir hier auch selbst kreativ werden können.

Dramatik und Emotionen
Wie bei Life is Strange üblich, ist die positive, nachdenkliche Stimmung aber nur von kurzer Dauer und die nächste Katastrophe bahnt sich bereits in der Ferne an. So auch in Reunion, wo Max gerade eben noch die spektakuläre Aussicht genossen hat und kurz darauf von ihrem Kumpel Moses angeschrieben wird, dass ein Feuer auf dem Campus ausgebrochen ist und einige Studenten festsitzen. Sofort ändert sich auch die Grundatmosphäre des Spiels. Sanfte Gitarrenklänge werden von dissonanten und hektischen Synthesizern abgelöst, die uns direkt nervös machen und den Puls nach oben treiben. Auch der neuste Ableger versteht das Spiel mit Emotion also von Beginn an perfekt. Als wir am lichterloh brennenden Campus ankommen, der auch überall Spuren einer Demonstration und zugehöriger Randale erkennen lässt, stolpern wir schnell über den Namen Loretta, die offensichtlich auf irgendeine Art und Weise in die Geschehnisse verstrickt ist. Im brennenden Unigebäude, dessen Türen mit massiven Ketten verschlossen worden sind, kämpfen zahlreiche Studenten ums Überleben, während sich die Flammen immer weiter ausbreiten. Als sie auch ihren Freund Moses sieht, wie er vom brennenden Dach aus um Hilfe ruft, bevor das ganze Gebäude explodiert, nutzt Max ihre Kräfte, um mithilfe eines Polaroids einen großen Sprung in die Vergangenheit zu unternehmen, um alle doch noch zu retten. Sie hat nun zwei Tage Zeit, um das verheerende Feuer zu verhindern und nach dem Auslöser der Katastrophe zu suchen.

Der explosive Einstieg ist selbst für Life-is-Strange-Verhältnisse ungewöhnlich heftig, da uns das Spiel eigentlich überhaupt keine Zeit lässt, wirklich anzukommen, bevor die Hölle losbricht. Das ganze haben wir aber auch als nötigen, mutigen Schritt aufgefasst, um den neusten Titel auch merklich von den anderen abzuheben. Danach wird es dann aber auch recht schnell sehr typisch für die Serie, die Stimmung normalisiert sich zur melancholischen Grundatmosphäre, die wir seit Teil 1 kennen und lieben. Dabei sind es gerade wieder die Beziehungen der Figuren untereinander, die die Pfeiler des Spiels bilden. Große Emotionen wie Liebe oder tiefe Verbundenheit auf der einen Seite sowie Wut und große Ängste auf der anderen sind allgegenwärtig und lassen uns wie gewohnt sehr intensiv mit den Charakteren mitfühlen. Dass es dabei gerade in den Dialogen manchmal ein wenig über die Stränge schlägt und auch mal übertrieben kitschig ist oder ein Gefühl von Fremdscham erzeugt, ist dabei nichts neues, aber wie auch in den anderen Ablegern weitestgehend zu vernachlässigen. Etwas hart ist der Übergang vom heftigen Intro zum regulären Gameplay aber schon, vor allem auch deshalb, weil wir uns zunächst durch eine Art Tutorial durcharbeiten müssen, das uns die eigentlich schon bekannten Fertigkeiten von Max noch einmal grundlegend erklärt. Ein einfaches Textfenster für Neulinge der Serie hätte es hier vermutlich auch getan. Auch nicht immer ganz gelungen ist der Wechsel von einer recht lockeren humorvollen Stimmung hin zu extrem nachdenklichen Momenten, in denen Max über ihre traumatischen Erlebnisse nachdenkt. Hier geht Max' Gefühlswelt doch immer wieder etwas zu stark in die Extreme.

Eine Fülle an Fähigkeiten für ein letztes Abenteuer
Während wir in Teil 1 den drohenden Sturm immer näher kommen sahen und mit kurzen Zeitsprüngen kleinere Auswirkungen direkt bekämpft haben sowie in Double Exposure weitestgehend als Ermittler zwischen zwei Zeitlinien unterwegs waren, gilt es diesmal, das Unheil, das wir schon in vollem Umfang gesehen haben, rückwirkend zu verstehen und zu verhindern - mit einem gefährlich großen Zeitsprung zurück. Nehmen wir alles zusammen, besitzt Max nun ein wahres Arsenal an Fähigkeiten, die unterschiedliche Vor- und Nachteile mit sich bringen können, vom klassischen Zurückspulen oder dem gezielten Zurücksetzen von Max' letzter Handlung über den Zeitsprung per Foto, bis hin zum Vorspulen. Um sich optimal für die bevorstehende Katastrophe zu rüsten, trainiert und testet Max in der Vergangenheit gemeinsam mit Moses ihre Kräfte und hält auch sonstige Informationen fest, die auf das Feuer hindeuten könnten. Dabei wartet natürlich auch wieder viel Detektivarbeit auf uns. Wir durchsuchen Räume, untersuchen Gegenstände, lesen Dokumente und führen Dialoge, um neue Details zu erhalten, die Max bei der Suche nach der Ursache für die Katastrophe weiterbringen. Fans von Life is Strange sollten sich also auch in Reunion sofort wohl und heimisch fühlen.

Die Schwierigkeit der Aufgaben hält sich dabei wie gewohnt in Grenzen, da es dem Spiel vorrangig um seine Geschichte und natürlich die besondere Aura geht. Auch sind die Lösungen von Problemen in der Regel sehr einfach gehalten, sodass es meistens mit ein bisschen Zeitspulen getan ist, um Informationen zu beschaffen und in Gesprächen voran zu kommen. Schön ist, dass wir hin und wieder unter Zeitdruck stehen und unsere Umgebung schnell nach passenden Objekten absuchen müssen - dies bringt ein wenig zusätzliche Abwechslung. Des Weiteren sind es natürlich auch wieder die Entscheidungen und ihre Folgen, die Life is Strange zu etwas Besonderem machen. Diese reichen von kleineren Elementen wie Dialogoptionen, über die wir in erster Linie den Umgang der Charakteren untereinander definieren, bis hin zu großen, optisch entsprechend in Szene gesetzten Scheidewegen, an denen wir durch eine Handlung die Geschichte und ihr Ende merklich beeinflussen und auch über das Leben oder eben den Tod bestimmter Figuren bestimmen.

Eine künstlerische Reise
Optisch setzt Life is Strange: Reunion genau dort an, wo der Vorgänger aufgehört hat. So erwartet uns der typische künstlerische Artstyle, der seit Teil 1 ein wichtiger Trademark ist. Warme Farben, tolle Lichteinfälle und Schattenspiele, stimmungsvolle Orte und jede Menge sehenswerte Landschaften sind die zentralen Elemente der Präsentation und hier liefert Reunion auch auf ganzer Linie ab. Hinzu kommen teils sehr gut getroffene Gesichtszüge, die die Emotionen im Gespräch glaubhaft einfangen. An anderer Stelle wirken die Animationen der Gesichter aber auch seltsam überzeichnet und schlichtweg unnatürlich, wie zum Beispiel Max' ständiges Mundverziehen zur Seite, was in dieser Häufigkeit dann doch nicht mehr ganz normal ist. Auch lässt sich im Closeup immer wieder eine starke Unschärfe erkennen, die der ansonsten ansprechenden Optik einen kleinen Dämpfer verpasst. Dies gilt auch für Objekte im Hintergrund, die hier und da erst sichtbar später geladen oder scharf gestellt werden, was die Immersion natürlich schon ein wenig stört.

Die Schauplätze sind, wie im direkten Vorgänger, deutlich weitläufiger als früher und laden förmlich zum Erkunden ein, wie zum Beispiel der Campus der Caledon Universität - es sind allerdings auch sehr viele Orte, die wir quasi 1 zu 1 schon einmal so gesehen haben. Doch auch, wenn Deck Nine hier den einfachen Weg einschlägt, sind die Schauplätze dennoch absolut sehenswert, auch beim zweiten Mal. An jeder Ecke gibt es Kleinigkeiten zu entdecken, die man auch per Fotomodus festhalten kann. Zudem warten in der Spielwelt auch unterschiedliche Sammelobjekte oder Interaktionsmöglichkeiten, wie zum Beispiel Flyer, die wir per Handy scannen können, um einem Podcast zu lauschen. Das Soundgerüst orientiert sich ebenfalls an den früheren Teilen und setzt überwiegend auf instrumentale Songs mit vordergründiger Akustikgitarre. Aber auch sphärische Synthesizer und verträumte Klavierklänge gesellen sich immer wieder dazu, um die gewohnt nachdenkliche Kulisse zu unterstreichen. Die Vertonung ist darüber hinaus ebenfalls durchweg gelungen und transportiert die Gefühle der Figuren sehr gut.

Wie Feuer und Eis
Herzstück von Reunion ist ganz klar das Wechselspiel zwischen Max und Chloe, die wir beide durch Lakeports Straßen steuern dürfen - manchmal sogar nur wenig zeitversetzt hintereinander am gleichen Ort, was für interessante Situationen sorgt, da wir als Spieler schon mehr wissen als die Figuren. Wenn man beide direkt nacheinander spielt, kommen ihre individuellen Charakterzüge auch hervorragend zu Geltung: die in sich gekehrte und oft nachdenkliche Max auf der einen und die extrem extrovertierte Chloe mit losem Mundwerk auf der anderen Seite. Gerade Chloe hat nichts von ihrer Roughness eingebüßt und hat uns mit ihrer direkten Art und Weise, wie sie mit ihren Mitmenschen interagiert, auch wieder richtig gut gefallen. Ihre Gedanken geben dann aber auch Chloe eine weichere und unsichere Seite und machen sie dadurch erneut zum spannendsten Charakter des Spiels. Wenn dann auch noch Safi mit ihren besonderen Kräften Einzug hält und mit den beiden Protagonistinnen zusammenkommt, entsteht definitiv ein interessantes Gespann. Teilweise waren uns die Wechsel zwischen Chloe und Max etwas zu aprupt beziehungsweise die Passagen von der Länge her etwas zu unterschiedlich, insgesamt ist das Hin und Her zwischen den beiden aber wirklich gut gelungen. Auch die Chemie passt noch immer hervorragend, was schon beim großartig inszenierten ersten Zusammentreffen deutlich wird.

Wie Max hat Chloe auch dieses Mal wieder ihre eigenen besonderen Fähigkeiten, nur sind diese weit weniger übersinnlich. So kann sie in Streitgesprächen durch die richtige Wahl von Argumenten oder auch Beleidigungen ein eigentlich aussichtsloses Gespräch in die gewünschte Richtung lenken. Dafür müssen wir auf die Antworten unseres Gegenüber achten und auch unser sonstiges Wissen über die Geschehnisse vor Ort im Hinterkopf behalten, um unter Zeitdruck die passenden Widerworte auszuwählen. Scheitern wir, legen wir uns mitunter zusätzliche Steine in den Weg. Die Streitgespräche sind zwar deutlich weniger spektakulär als Max' Fähigkeiten, verleihen Chloe aber wieder eine eigene Note und sorgen zudem für ein wenig Abwechslung.

Fazit
Mit Life is Strange: Reunion findet die Geschichte rund um Chloe und Max ihren Abschluss. Damit endet der Handlungsstrang des ersten Ablegers, der mich vor vielen Jahren vollends in seinen Bann gezogen hat. Während Life is Strange und Before the Storm zu meinen absoluten Lieblingsspielen gehören, hatte ich gerade mit Double Exposure das erste Mal das Gefühl, das sich die Serie ein wenig abnutzt. Leider setzt sich dies in Reunion für mich noch stärker fort. Ja, das Finale bringt auf jeden Fall wieder alles mit, was ich von einem Life is Strange erwarte und liefert mir nicht nur eine erneut sehr starke Story, tolle Figuren, ergreifende Momente und eine unnachahmliche Atmosphäre. Das Zusammenspiel zwischen Chloe und Max funktioniert immer noch hervorragend und auch verschiedene Nebenfiguren werden äußerst gut charakterisiert. Grafisch liefert Reunion insgesamt stark ab und bringt stimmungsvolle Schauplätze und wunderschöne Bilder mit, die uns ständig die Kamera zücken lassen. Bei der Optik leistet sich Reunion zwar auch kleinere Patzer, wie seltsame Mundbewegungen, nachladende Objekte oder eine störende Unschärfe an einigen Stellen, dies ist aber insgesamt zu vernachlässigen.
Mein großes Problem mit dem Abschluss der Story rund um Max und Chloe ist die Tatsache, dass es sich die Entwickler an vielen Stellen etwas zu einfach gemacht haben. So finden wir uns an vielen Orten wieder, die wir bereits kennen, bewegen uns gameplaytechnisch gänzlich in vertrauten Gewässern ohne wirkliche Neuerungen oder Überraschungen und müssen uns auch mit etwas ungelenken Erklärungen abfinden, die Chloes Rückkehr rechtfertigen. Dadurch wird auch die größte Entscheidung des ersten Teils ein Stück weit relativiert, was in meinen Augen wirklich schade ist. So kann ich zusammenfassend sagen, dass Life is Strange: Reunion ein echtes Life is Strange mit allen wichtigen Trademarks ist, die es auch sehr gut bedient. Mich persönlich hat es allerdings nur noch teilweise abgeholt und liegt in meinem persönlichen Ranking deutlich hinter Teil 1 und Before the Storm - in etwa auf einem Level mit dem Vorgänger. Dieser lieferte allerdings mehr Innovation. Dennoch kann das letzte Abenteuer von Max und Chloe allen Fans der Reihe empfohlen werden, die immense Faszination des Debüts sollte man allerdings nicht erwarten.
- Starker Einstieg mit großen Emotionen
- Tolle Atmosphäre und stimmungsvolle Schauplätze
- Zusammenspiel zwischen Chloe und Max noch immer großartig
- Gut inszenierte Geschichte
- Wechsel zwischen den beiden Protagonisten sorgt für Abwechslung
- Einige Aufgaben unter Zeitdruck
- Wieder ein erstklassiger Soundtrack
- Alle wichtigen Trademarks der Reihe dabei
- Viele bereits bekannte Orte
- Gameplay ohne wirkliche Innovationen
- Rätsel und Aufgaben bieten kaum Tiefgang
- Etwas unbefriedigende Erklärung rund um Chloe und Arcadia Bay
- Präsentation nicht überall sauber (Unschärfe, nachladende Objekte, seltsame Animationen)
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Leidenschaftlicher Konsolenspieler, Steamdeck-Fan und VR-Enthusiast. Neben Klassikern wie Resident Evil, Knights of the Old Republic, Jedi Knight oder LA Noire gehören vor allem aufwendig inszenierte Singleplayer-Erlebnisse zum breit gefächerten Interessengebiet, wie The Last of Us, Uncharted, Days Gone oder Cyberpunk 2077. Aber auch große Open-World-Reihen wie Far Cry oder Assassin's Creed, Point and Click Adventures wie Black Mirror oder Larry sowie Sportspiele mit Fokus auf Tennis, Fußball oder Radsport flimmern regelmäßig über den Bildschirm.