Neon White
Review

Neon White im Test: Himmlisches Gehüpfe für Tempo-Teufel

Von Nicolas Große am 13. Dezember 2022
Publisher: Annapurna Interactive
Release: 16. Juni 2022
Genre: Jump 'n' Run | Egoshooter
Entwickler: Angel Matrix
Verfügbar für: PC | Switch | PS4 | PS5
USK Altersfreigabe: 12

Es kommt heutzutage sehr selten vor, dass ein Spiel mit einem wirklich unverbrauchten Konzept auf den Plan tritt. So möchte Neon White als First-Person-Plattform-Speedrun-Karten-Shooter definitiv nicht auf vorgefertigten Pfaden wandeln, nein, es will ihnen den Mittelfinger zeigen und stattdessen bergab mit 240 Stundenkilometern rückwärts durch ein Sägewerk heizen, einfach weil alles andere ja witzlos wäre. Wie sich Neon Whites rasantes Genre-Allerlei dabei schlägt, erfahrt ihr in unserem Test.

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Am Anfang schuf Gott den Sünder

In Neon White spielt ihr, Trommelwirbel bitte, den kürzlich verstorbenen Auftragskiller Neon White. Ein Sünder, der eigentlich schon auf halbem Weg in die Hölle war, bis er aus mysteriösen Gründen dazu auserwählt wurde, an den „Ten Days of Judgement“ teilzunehmen und im himmlischen Auftrag Dämonen zu vernichten. Dies ist seine letzte Möglichkeit darauf, sich einen Platz im Himmel zu erkämpfen, aber im Himmel wie auf der Erde sind andere Menschen das Problem, denn von allen Sündern, die sich auf die Dämonenjagd begeben, darf am Ende nur einer über den Wolken verweilen.

Alles andere als lahm

Neon White ist primär ein Ego-Shooter, so viel ist klar. Da es von denen aber reichlich viele gibt, lockert Neon White sein Gameplay mit Seelenkarten, Platforming und einem Fokus auf Tempo auf. Die Ergebnisse können sich wirklich sehen, oder vielmehr spielen lassen.

Seelenkarten sind das, was in anderen Shootern Waffenpickups wären. Diese können beispielsweise eine Pistole, eine Schrotflinte oder auch ein Raketenwerfer sein. Da das aber kaum der Rede wert wäre, verfügt jede Seelenkarte über eine zweite Fähigkeit, die euer Moveset erweitert. So ist die Pistolenkarte auch ein Doppelsprung und der Raketenwerfer ebenfalls ein Enterhaken. Sobald ihr diese zweite Fähigkeit einsetzt, wird die Karte abgelegt.

Ziel des Spiels ist es, die Seelenkarten so zu nutzen, dass ihr alle in einem Level befindlichen Dämonen findet und ausschaltet, was die Ziellinie am Ende des Levels öffnet und euch bei entsprechendem Tempo mit einer Bestzeit belohnt.

Dieses Gameplay-Gerüst harmoniert hervorragend mit dem Leveldesign, das euch wie mit einer unsichtbaren Hand durch verwinkelte, stetig komplexere Level leitet. Jeder Gegner, jede Seelenkarte und jedes Item wurde mit bedacht platziert, um den Spieler auf den Pfad einer Speedrun-Route zu führen, denn Geschwindigkeit wird in Neon White nicht nur groß, sondern auch fett geschrieben.

Die Entwickler von Angel Matrix wissen selbst, dass sich der Reiz ihres Spiels erst mit einer Priese Zeitdruck vollends entfaltet, weshalb zwischen den Kapiteln immer eine Mindestanzahl an Goldmedaillen vorausgesetzt wird, um in der Handlung fortzufahren. Das klingt vielleicht erst mal abschreckend, ist aber nicht so wild. Meistens werdet ihr nämlich die Bestzeiten schon beim Versuch knacken, ein Level so sauber und effizient wie möglich zu spielen.

Das ist aber noch nicht alles. Falls ihr die Bestzeit schon geschlagen habt, könnt ihr jedes Level nach Collectibles durchsuchen, die angenehmerweise nicht einfach nur als Beschäftigungstherapie herhalten müssen, sondern neue Dialoge mit Figuren, Speziallevel mit ungewöhnlichen Regeln und Erinnerungen an Neon Whites Leben vor dem Tod freischalten.

Der Stoff, aus dem Fremdscham gemacht ist

An Neon Whites Handlung scheiden sich die Geister. Die eigentliche Idee und das Konzept sind gar nicht mal so uninteressant. Es werden viele Fragen aufgeworfen und man kann sich nie ganz sicher sein, welcher Figur man gerade Glauben schenken sollte, da alle scheinbar mehr wissen, als sie zugeben wollen. Der ominöse Unterton, der dadurch entsteht, hat auf jeden Fall seinen Reiz.

Aber leider wird die Handlung von Figuren getragen, deren Dialoge zeitweise so flach und klischeehaft daher kommen, dass sie als Lesezeichen für eine bessere Geschichte herhalten könnten.

Da haben wir beispielsweise unseren Protagonisten, Neon White, ein amnesiegeplagter Auftragskiller, der permanent versucht, lässige Sprüche abzufeuern, seine geheimnisvolle Kontrahentin anzuflirten und sich bei beiden Vorhaben als derbe Flachpfeife herausstellt.

Was ist mit Neon Yellow, Whites altem Freund und weltbesten Kumpelbruder, der dämlich wie ein Stück Kastenbrot immer hinter allem steht, was White macht? Oder doch lieber seine ehemalige Komplizin Neon Violet, die Messer wetzende Soziopathin mit einem Faible für Eingeweide und Explosionen? Ja, an Neon White ist nichts subtil. Das Gute ist, dass alle Zwischensequenzen vorgespult werden können und somit dem Gameplay nicht im Weg stehen. Obwohl wir trotzdem jedem empfehlen, der Handlung zumindest eine Chance zu geben. Denn wenn man den ersten Kontakt mit Neon Whites Entourage übersteht, schafft es das Spiel tatsächlich, einen ganz eigenen Charme zu entfalten. Denn am Ende des Tages ist es diese Handlung, gepaart mit diesem Artstyle, dieser Musik und diesem Gameplay, die Neon White zu etwas ganz Besonderem machen. Die Kombination all dieser Elemente resultieren in einem Spiel, das nur so vor Selbstbewusstsein strotzt. Ein Spiel „Von Freaks, für Freaks“, wie es die Entwickler selbst sagen. Und das kann ihnen so schnell keiner nachmachen.

Fazit

Neon White ist einer der besten Actionplatformer und Egoshooter, die man aktuell spielen kann. Hier trifft ein perfekt durchdachtes Gameplay auf ein ausgeklügeltes Gegner- und Leveldesign, das von einem grandiosen Soundtrack und einem eleganten Artstyle weiter bestärkt wird. Handlung und Dialoge gewinnen vielleicht keinen Pulitzer, stehen aber nie dem Spielspaß im Weg. Ich empfehle deshalb Neon White jedem, der mal wieder etwas schamlosen, unterhaltsamen Spaß in seinem Leben braucht. Videospiele wie dieses erblicken mittlerweile selten das Licht der Welt. Ein moderner Klassiker, der seinesgleichen sucht. Neon White muss man nicht sehen, Neon White muss man spielen.

Pro:
  • Spaßiges highspeed Gameplay mit Tiefgang
  • Saubere Performance
  • Hervorragender Soundtrack
  • Gute Spiellänge
  • Minimalistischer Artstyle
  • Viel Sidecontent
Contra:
  • Klischeehafte Charaktere
Story
4 von 5 Buddies
Gameplay
5 von 5 Buddies
Grafik
5 von 5 Buddies
Sound
5 von 5 Buddies
Atmosphäre
5 von 5 Buddies

Spiel getestet auf: PC

Unsere Wertung:

9.5 / 10
Nic wurde in seiner frühen Jugend auf den Dopaminkick gefixt, den eine neue mediale Erfahrung mit sich bringt. Um diese Sucht zu befriedigen, sucht er im Bereich der Videospiele das Ungewöhnliche, Exzentrische und Abgehobene. Zu seinen Lieblingen zählen die Metal Gear Solid - Serie, Max Payne 3, Mirrors Edge, Hunt: Showdown und Hotline Miami.

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