Review

The Quarry – der Until-Dawn-Nachfolger im Test

Von Daniel Walter am 23. Juni 2022
Publisher: 2K Games
Release: 10. Juni 2022
Genre: Horror
Entwickler: Supermassive Games
Verfügbar für: PC | PS4 | PS5 | Xbox One | Xbox Series S/X
USK Altersfreigabe: 18

Mit The Quarry liefert Supermassive Games den nächsten großen Horrortitel im Stile des Meisterwerks Until Dawn ab, nachdem das Studio in der jüngeren Vergangenheit mit den kleineren Episoden der Dark-Pictures-Reihe nur bedingt überzeugen konnte. Ob der neue Teil mit seinem klassischen Teen-Horror-Charme an die Qualität des Erstlings anknüpfen kann, verraten wir euch im Test.

the quarry screenshot ryan at night

Gruselt euch alleine, im Team oder auf dem Regiestuhl

Bevor es losgeht, dürfen wir uns für eine von drei Spielvarianten entscheiden. Neben dem regulären Einzelspielererlebnis warten hier mit dem Couch-Koop- und dem Filmmodus weitere Spielmodi auf uns, die ein alternatives Spielgefühl mitbringen. Während wir im Koop-Modus mit mehreren Freunden in einem Raum zusammen spielen können, indem jeder einen oder mehrere Charaktere auswählt und wir den Controller reihum weitergeben, müssen wir im Filmmodus gar keinen Finger krumm machen. Hier lehnen wir uns zurück, schnappen uns ein kühles Getränk und eine Schüssel Popcorn, und schauen uns entspannt verschiedene Enden des Spiels an. So sehen wir zum Beispiel, wie es aussieht, wenn keiner der Teenies die Nacht überlebt oder auch, wenn am Ende alle das Tageslicht erblicken. Der Untermodus “Regiestuhl” ermöglicht es uns außerdem, einzelnen Charakteren ein vorgefertigtes Verhaltensmuster für unterschiedliche Situationen zuzuweisen, wie Gespräche, Kämpfe oder Erkundungsphasen, wodurch wir den Ausgang des Films ein wenig beeinflussen können. In jedem Fall ist der Filmmodus eine äußerst spannende Idee, da wir den Horror des Spiels hier völlig unverfälscht genießen können, ohne uns Gedanken über den Verlauf machen zu müssen, da die Würfel ohnehin schon gefallen sind. Er ist zudem eine hervorragende Möglichkeit, um andere Enden zu erleben und die Auswirkungen bestimmter Entscheidungen nachvollziehen zu können, ohne dass wir das komplette Spiel noch einmal selbst durchspielen müssen.

the quarry screenshot the basement

Alles beginnt bei Vollmond

Im Intro des Spiels werden wir Zeuge einer entspannten Autofahrt über eine verlassene Landstraße, die am nächtlichen Wald entlang führt. Begleitet von souliger Popmusik lässt sich noch nicht viel von dem Horror erahnen, der in den nächsten Spielstunden auf uns wartet. Im Dialog der beiden Autoinsassen, Laura und Max, erfahren wir, dass sich die beiden auf dem Weg ins Sommercamp offenbar verfahren haben, bevor wie aus dem Nichts ein etwas verstörendes Tutorials auftaucht, das uns näher in die Spielsteuerung und insbesondere in die Quick-Time-Events einführt. Der etwas schräge Comicstil der Spielhilfe erinnert ein wenig an die Pip-Boys aus Fallout und durchbricht auf kuriose Art und Weise die grandiose filmreife Präsentation des restlichen Spiels. Direkt im Anschluss dürfen wir ein erstes Mal unsere Reaktionen testen, als das Smartphone im Auto nach einem Schlagloch aus seiner Halterung gerissen wird. Die Quick-Time-Events sind dabei, im Gegensatz zu vielen Situationen in der Dark-Pictures-Reihe, nicht nur gut und rechtzeitig erkennbar, sondern dank ruckelfreier Umsetzung auch sehr gut lösbar. Eine weitere Möglichkeit der Einflussnahme lernen wir direkt in der folgenden Szene kennen, als Laura nach hinten greift und wir zwischen zwei verschiedenen Gegenständen auf der Rückbank wählen dürfen, um sie im anschließenden Gespräch thematisch aufzugreifen. Während die anfänglichen Entscheidungen natürlich harmlos sind und lediglich der Einführung dienen, spielen wir in späteren Phasen des Spiels mit dem Leben der Campbewohner, wenn wir uns für eine oder eben die andere Option entscheiden. Näheres hierzu erfährt ihr ein wenig später.

the quarry screenshot scared camp counselors

Mit der Ruhe ist es schnell vorbei

Dass der friedliche Beginn nur von kurzer Dauer ist, wissen wir spätestens an dem Punkt, wenn die beiden mit ihrem Wagen von der Straße abkommen, als sie nach einem missglückten Ausweichversuch die Kontrolle über das Fahrzeug verlieren. Grund hierfür war eine seltsame Erscheinung auf der Fahrbahn, die dort wie aus dem Nichts aufgetaucht ist. Hier wird auch direkt klar, dass The Quarry, im Gegensatz zur Dark-Pictures-Reihe, in erster Linie auf Atmosphäre und weniger auf platte Erschreckeffekte setzen möchte, denn statt an dieser Stelle einen erwartungsgemäßen Jump-Scare einzubauen, taucht die seltsame Kreatur nach dem Fast-Unfall einfach für den Bruchteil einer Sekunde an einem anderen Ort auf und sorgt so für ein richtig schönes, mulmiges Gefühl. Natürlich warten im Spielverlauf auch diverse Erschreckmomente auf uns, die uns hier und da gewaltig zusammenzucken lassen, diese werden aber, ähnlich wie in Until Dawn, sehr viel subtiler und deutlich weniger inflationär eingesetzt, als im erwähnten Mehrteiler. Nach dem gerade noch abgewendeten Unglück verlässt The Quarry das erste Mal seine wirklich atemberaubenden realitätsnahen Sequenzen und bietet uns die Chance, selbst aktiv zu werden.

Old-School-Horror trifft auf spektakuläre Sequenzen und dichte Atmosphäre

Wir steuern unsere Charaktere durch räumlich recht stark begrenzte Areale und haben hier, dank der hervorragenden festen Kameras, nur wenig Übersicht über die Umgebung. Dies enthält uns die Möglichkeit vor, dunkle Ecken einmal von einer anderen Seite zu betrachten, um ihnen dadurch den Schrecken zu nehmen, und kreiert so eine gelungene bedrückende Stimmung, in der wir uns ein wenig ausgeliefert fühlen. Hin und wieder werden die festen Kamerapositionen aber auch von einer Verfolgeransicht abgelöst, um zusätzliche Dynamik zu kreieren. Insgesamt erinnert der Wechsel der Kamerawinkel und die dadurch auch nicht immer ganz einfache Orientierung und Navigation der Figur an die ersten Resident-Evil-Teile, sodass wir uns als Horrorfan gleich wie zu Hause fühlen. Auch das Spiel mit Dunkelheit, Schatten und Licht beherrscht The Quarry in Perfektion, wie es schon in der Eröffnungsszene beweist, wo wir uns mitten im Wald in tiefster Dunkelheit nur im schwachen Schein der Taschenlampe sowie der starren gelblichen Autoscheinwerfer umsehen können. Beim Erkunden der Umgebung wechselt das Horrorspiel zudem immer wieder nahtlos in die filmischen Sequenzen über, die mit ihrem Detailreichtum, den unfassbar gut umgesetzten Gesichtszügen und den unbehaglichen Kameraperspektiven förmlich danach schreien, uns mit Jump-Scares zu überraschen. Auch, wenn dies sogar verhältnismäßig selten passiert, sind wir aufgrund dieser Art der Präsentation nie wirklich entspannt und in ständiger Erwartung einer fürchterlichen Horrorszene, wodurch The Quarry zeigt, dass es das Genre wirklich verstanden hat. Die intelligent eingesetzte und äußerst reduzierte Hintergrundmusik, die mit wenig Stilmitteln wie sphärischen dissonanten Synthieklängen oder melancholischen Klaviermelodien auskommt, diese aber wirklich auf den Punkt einsetzt, unterstreicht die bedrückende Atmosphäre noch zusätzlich.

the quarry screenshot laura in prologue

Ein gruseliges Häuschen im Wald

Nach dem erwartungsgemäß blutigen Ende des Prologs beginnt die eigentliche Geschichte des Spiels im Hackett’s Quarry Sommercamp, einer weitläufigen Ferienanlage mit riesigen Blockhäusern mitten im Wald – also ganz im Stile eines Freitag-der-13.-Filmabends. An dieser Stelle lernen wir nicht nur die eigentlichen Hauptfiguren kennen, die es im weiteren Spielverlauf mit unseren Entscheidungen zu retten gilt, sondern sehen auch das erste Mal das Sonnenlicht, denn die furchteinflößende Nacht ist fürs Erste einem strahlenden Sommertag gewichen. Die leicht klischeebehafteten jungen Erwachsenen, die mit ihren oberflächlichen Gesprächen über Beziehungsprobleme, Dates und Partys allen Stereotypen eines klassischen Teen-Horrormovies gerecht werden, passen dabei perfekt in das Szenario eines Sommercamps und könnten so ohne Probleme in jeder Trash-Horror-Reihe stattfinden. Von der coolen Zynikerin, über den zurückgezogenen Einzelgänger, bis hin zum etwas schlichteren Sportlertyp wurde hier an alle wichtigen Charaktertypen gedacht, sodass eine glaubhafte Gruppe von jungen Erwachsenen entsteht, die sich noch kurz in der anfänglichen Idylle entfalten kann, bevor es ums nackte Überleben geht. In diesen ruhigen Momenten, die für den einen oder anderen Horrorfan am Anfang vielleicht sogar etwas zu dominant sein dürften, fühlt sich The Quarry mit seiner spätsommerlichen Atmosphäre sogar zeitweise nach Life is Strange an, wodurch die erdrückende Horrorstimmung im späteren Verlauf noch besser zur Geltung kommt. An dieser Stelle müssen wir allerdings auch einen kleinere Kritikpunkt anführen, denn gerade im doch recht großzügig gestalteten Camp-Areal ist das Fehlen einer Sprint-Funktion definitiv ein Manko, denn die Wege fühlen sich dadurch teilweise schon extrem lang an.

the quarry screenshot menancing bobby

Wenn Gruselstorys wahr werden…

Eine gruselige Geschichte über die mysteriöse Hexe von Hackett’s Quarry läutet schließlich das Ende der locker leichten Campatmosphäre ein. Da kurz darauf der Van, der die Gruppe aus dem Sommercamp nach Hause bringen soll, nicht anspringen will, sind die Jugendlichen gezwungen, eine weitere Nacht in Hackett’s Quarry zu verbringen. Dass diese für viele der Anwesenden die letzte sein könnte, ist natürlich noch niemandem bewusst. Um zu erreichen, dass möglichst viele der Campbewohner noch einmal den Sonnenaufgang erleben, müssen wir bei unseren Entscheidungen und auch bei den Quick-Time-Events ein gutes Händchen beweisen. Während es uns das Spiel erlaubt, den einen oder anderen Fehler bei den Quick-Time-Herausforderungen zu machen, sollten die wegweisenden Dialog- und Handlungsentscheidungen wohl überlegt sein, denn hier gibt es anschließend keine Möglichkeit mehr zur Korrektur. Manchmal geht es schlichtweg darum, den richtigen Weg bei einer Gabelung zu wählen oder zu entscheiden, einen bestimmten Gegenstand mitzunehmen oder eben nicht.  An anderer Stelle können wir dagegen das Verhalten unserer Mitstreiter mit unserer Wahl beeinflussen und Sie dadurch eventuell auf direktem Weg in den Tod treiben. Manchmal ist es sogar die richtige Lösung, gar nicht zu reagieren und das Zeitfenster einfach verstreichen zu lassen. Unsere Entscheidungen bestimmen am Ende über das Schicksal der Jugendlichen im Camp, sodass wir uns auf viele unterschiedliche Enden freuen dürfen, was den Widerspielwert von The Quarry natürlich enorm erhöht.

the quarry screenshot the kiss

Entscheidungen sind nicht alles

Darüber hinaus stehen uns in verschiedenen Situationen noch weitere Techniken zur Verfügung, um unsere Schützlinge am Leben zu halten. Hierzu gehört einerseits das Luft Anhalten, bei dem wir die X-Taste gedrückt lassen müssen, um den Atem anzuhalten und einen nahen Gegner nicht auf uns aufmerksam zu machen. Innerhalb der Zeitspanne, bis unser Sauerstoff aufgebraucht ist, gilt es, den richtigen Moment abzupassen, um die Aktion zu unterbrechen und wegzulaufen. Bei falschem Timing kann hier für den betroffenen Charakter allerdings auch schon Feierabend sein. Andererseits hält The Quarry auch eine Schießmechanik für uns bereit. Diese ist sehr rudimentär gehalten und fühlt sich definitiv nicht nach einem klassischen Shooter an, erfüllt aber in jedem Fall ihren Zweck und bringt weitere Abwechslung ins Spiel. Wir zielen über den rechten Stick und visieren unser Ziel mit dem Lichtstrahl einer Taschenlampe an, die an der Flinte befestigt wurde. Je näher wir uns am Ziel befinden, desto höher die Schadenswirkung, in der Ferne erhöht sich dagegen die Streuung. Schön ist hier, dass das haptische Feedback des PS5-Controller mit eingebaut wurde und es sich daher tatsächlich so anfühlt, als würden wir einen Abzug betätigen. Es gibt übrigens noch eine zusätzliche Hilfestellung, die uns aufzeigt, wann wir brenzlige Situationen erwarten dürfen. Ähnlich wie die Vorsehungen in der Dark-Pictures-Reihe bietet uns The Quarry mit den Tarotkarten, die innerhalb der Level gefunden werden können, nützliche Hinweise auf bevorstehende Gefahren.

the quarry screenshot chris hackett in office

Fazit:

Als großer Fan von Until Dawn war ich damals voller Vorfreude, als die Dark-Pictures-Reihe angekündigt wurde. In der Praxis offenbarte die Horror-Serie dann aber deutliche Schwächen beim Gameplay, bei der Technik und auch bei der Charakterisierung der Protagonisten. Mit The Quarry ist es Supermassive Games nun aber endlich gelungen, einen vollwertigen Nachfolger zu Until Dawn auf den Markt zu bringen, der dem Erstling in Sachen Präsentation, Abwechslung und Atmosphäre das Wasser reichen kann und ihn in einigen Bereichen sogar in den Schatten stellt, wie zum Beispiel bei der grafischen Umsetzung, die absolut atemberaubend ist, oder auch bei der Ausarbeitung der unterschiedlichen Figuren, die zwar stereotyp sind, aber dennoch sehr gut charakterisiert werden. Einige Gameplay-Neuerungen, wie das Verstecken oder die etwas eigenwillige aber durchaus gelungene Schießmechanik, geben dem Horrortitel zudem eine eigene Note, sodass er sich auch ein Stück weit vom Vorgänger lösen kann. Auf eines sollten sich Horrorfans aber definitiv einstellen, und das ist das doch recht umfangreich geratene Intro, bevor der eigentliche Kampf ums Überleben beginnt. Dieses bringt zwar einige sehr stimmungsvolle Szenen und eine traumhafte Kulisse mit, stellt den Horror aber für eine recht lange Zeitspanne hinten an. Die hier eingesetzte Life-is-Strange-Atmosphäre hat mir zwar wirklich hervorragend gefallen, dürfte hartgesottenen Genreliebhabern aber vielleicht etwas zu seicht sein. Alles in allem ist The Quarry aber ein echtes Highlight für jeden Trash-Horror-Fan, der mit seinen Entscheidungen über das Schicksal naiver Jugendlicher entscheiden und ihnen beim Überleben und Sterben in einer unheilvollen Nacht zusehen möchte.

Pro:
  • Atemberaubende Grafik
  • Atmosphärischer Horror mit großartiger Kulisse
  • Keine bloße Aneinanderreihung von Schockeffekten
  • Teilweise stimmungsvolle Life-is-Strange-Atmosphäre
  • Schießmechanik und Luft Anhalten sorgen für Abwechslung von Quick-Time-Events und Dialogentscheidungen
  • Feste Kamera und subtil eingesetzte Musik kreieren ein stetiges Unbehagen
Contra:
  • Story recht vorhersehbar
  • Charaktere sehr stereotyp
  • Langes, horrorfreies Intro
  • Fehlende Sprint-Funktion verursacht unnötige Längen
Story
4 von 5 Buddies
Gameplay
4 von 5 Buddies
Grafik
5 von 5 Buddies
Sound
5 von 5 Buddies
Atmosphäre
5 von 5 Buddies

Spiel getestet auf: PS5

Unsere Wertung:

9.0 / 10
Ein begeisterter Konsolenspieler mit einem breit gefächerten Interessengebiet. Neben Shooter-Serien wie Battlefield oder Call of Duty gehören auch Action-Adventures wie klassische Assassin's Creeds, die Batman-Arkham-Reihe oder The Last of Us Part 1/2 zu den bevorzugten Titeln. Hinzu kommen Survival-Games wie ARK, Horror-Klassiker a la Resident Evil sowie Open-World-Abenteuer im Stile von Far Cry oder Red Dead Redemption. Sport-Franchises wie FIFA oder Tour de France erweitern das Interessenfeld, ebenso wie sämtliche Titel aus dem Star-Wars-Universum.

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