

Golden Sun im Re-Play: Lohnt sich der GBA-Klassiker 2026 noch?
Teile diesen Beitrag


Teile diesen Beitrag
Manche Spiele holt man aus reiner Nostalgie wieder hervor und legt sie nach zwanzig Minuten wieder weg, weil die Erinnerung schöner war als die Realität. Bei Golden Sun hatten wir genau diese Sorge. Und dann saßen wir doch wieder stundenlang über einem Schiebepuzzle und haben Dschinn gejagt, als wären keine zwei Jahrzehnte vergangen.
Seit dem 17. Januar 2024 ist das kein theoretisches Gedankenspiel mehr: Golden Sun und Golden Sun: The Lost Age liegen offiziell in der Game-Boy-Advance-Bibliothek von Nintendo Switch Online + Erweiterungspaket. Wer also wissen will, ob sich der Einstieg lohnt, muss kein vergilbtes Modul mehr suchen. Ein Abo reicht. Grund genug für uns, beide Teile noch einmal anzuwerfen und ehrlich zu prüfen: Was hält stand, was knirscht 2026 hörbar?
Wenn ihr das Spiel noch gar nicht kennt oder einen schnellen Überblick über die Reihe wollt, lest am besten zuerst unseren großen Rückblick „Was ist eigentlich aus Golden Sun geworden?". Hier geht es um die Praxisfrage dahinter: Heute spielen, ja oder nein?
Die meisten RPGs jener Zeit hatten ein Magiesystem, das man in einem Satz erklären konnte: MP ausgeben, Zauber raus. Golden Sun macht etwas anderes, und genau das ist der Grund, warum wir es immer noch empfehlen.
Im Zentrum stehen die Dschinn, kleine Elementarwesen in vier Ausprägungen: Venus (Erde), Mars (Feuer), Jupiter (Wind) und Mercury (Wasser). Man findet sie überall in der Welt, oft als Belohnung für ein cleveres Rätsel oder einen versteckten Pfad. Und jetzt wird es interessant, denn jeder Dschinn lässt sich auf dreierlei Art nutzen:
Gesetzt (Set): Ist ein Dschinn einem Charakter zugeordnet, verändert es dessen Klasse, Werte und verfügbare Psynergie, also die Spruch- und Fähigkeitenpalette. Kombiniert man Dschinn verschiedener Elemente auf einer Figur, entstehen komplett neue Hybridklassen. Der Wind-Held, dem man drei Feuer-Dschinn aufdrückt, wird zu etwas ganz anderem.
Entfesselt (Unleash): Im Kampf kann man ein Dschinn auslösen, um einen sofortigen Effekt zu zünden: einen Angriff, eine Heilung, einen Statuszauber. Danach wandert es in den Standby.
In Bereitschaft (Standby): Dschinn im Standby sind die Voraussetzung für Beschwörungen, also die wuchtigen, herrlich animierten Summon-Sequenzen, für die die Reihe bis heute gefeiert wird.
Und hier liegt der ganze Reiz: Ein Dschinn im Standby boostet eure Klasse und Werte gerade nicht. Jeder mächtige Summon kostet euch also kurzzeitig genau die Stärke, die euch sonst am Leben hält. Man jongliert permanent zwischen „stark und stabil" und „alles auf eine Karte". Das ist kein Menü, das man einmal einstellt und vergisst, sondern eine taktische Dauerentscheidung in jedem härteren Kampf.
Das Bemerkenswerte: Kaum jemand hat dieses System seither überzeugend kopiert. Es ist eingängig genug für Einsteiger und tief genug, dass Optimierer Tabellen anlegen. Genau diese Mischung macht den Re-Play-Reiz aus. Das Kampfsystem fühlt sich auch 2026 noch eigen an.
Neben den Dschinn ist es vor allem die Überwelt-Verzahnung, die hält. Psynergie nutzt man nicht nur im Kampf, sondern auch zum Rätseln: Bäume wachsen lassen, Säulen verschieben, Statuen bewegen. Dungeons sind kleine Denksportaufgaben, keine Schlauchgänge mit Gegnern drin. Wer Zelda-Dungeons mag, fühlt sich hier schnell zu Hause.
Auch der Soundtrack von Motoi Sakuraba trägt nach wie vor. Es ist derselbe Komponist, der später Star Ocean, Tales und Dark Souls vertonte. Und die Kampfgrafik, damals eine kleine Sensation auf dem Handheld, hat einen Stil, der besser gealtert ist als manch frühe 3D-Gehversuche jener Jahre.
Ein Detail, das wir besonders mögen: Wer den ersten Teil durchspielt, kann seinen Spielstand in The Lost Age übertragen, per Link-Kabel oder über ein Passwort-System. Eingesammelte Dschinn, Werte, manche Szenen: alles wandert mit. Für 2001 war das eine erstaunlich elegante Idee, die der Fortsetzung spürbar mehr Gewicht gibt.
Ehrlich bleiben gehört dazu. Golden Sun ist ein Kind seiner Zeit, und das merkt man:
Die Zufallskämpfe kommen häufig und reißen einen beim Erkunden immer wieder heraus. Das Tempo ist betont gemächlich. Die Dialoge sind lang, und gerade der erste Teil lässt sich viel Zeit, bevor er Fahrt aufnimmt. Und das Kampfsystem hat eine alte Schwäche: Wird ein Gegner ausgeschaltet, bevor die nächste Figur drankommt, verpufft deren Aktion oft, statt sich automatisch ein neues Ziel zu suchen.
Das sind keine Dealbreaker, aber es sind die Stellen, an denen ein modernes RPG einem heute entgegenkommt und Golden Sun eben nicht.
Wer mit GBA-RPGs aufgewachsen ist, bekommt über Switch Online die bequemste Art, beide Teile wiederzuerleben, mit Speicherpunkten überall und ohne Modul-Gesuche. Für diese Gruppe ist die Antwort ein klares Ja.
Wer Golden Sun zum ersten Mal anfasst, sollte sich auf das Tempo einlassen können. Tut man das, wartet ein RPG mit einem Kampfsystem, das sich bis heute nirgendwo sonst genauso anfühlt. Und genau das ist der Grund, warum die Reihe ihre treue Fangemeinde nie verloren hat.
Womit sich fast zwangsläufig die nächste Frage stellt: Wie geht die Geschichte eigentlich weiter, und warum hängt sie seit 2010 in der Luft? Darüber haben wir an anderer Stelle ausführlich geschrieben. Und wer wissen will, wer sich dieses geniale Dschinn-System überhaupt ausgedacht hat, sollte einen Blick auf die ungewöhnliche Geschichte des Studios Camelot werfen.
Dominik Probst
Webentwickler, Technik-Nerd und Gamer aus Leidenschaft seit der Kindheit, mit einem Faible für die komplette The Legend of Zelda- und Halo-Reihe. Dazu fast keine Konsolengeneration ausgelassen und auch sehr interessiert an Indie-Games.