Review

Dreams – Spielgewordene Kreativität

Von Alex Krause am 3. März 2020
Publisher: Sony
Release: 14. Februar 2020
Genre: Game-Creation
Entwickler: Media Molecule
Verfügbar für: PS4
USK Altersfreigabe: ausstehend

Dreams. Das ist ein sehr simpler Name für ein unfassbar ambitioniertes, aber auch sehr komplexes Projekt, das die Entwickler von Media Molecule (Little Big Planet, Tearaway) auf die Beine gestellt haben. Nach einer umfangreichen Early-Access-Phase ist nun das Spiel offiziell erschienen und begeistert mit dem wohl umfangreichsten Editor, den es auf PS4 je gab. Willkommen in der Traumfabrik!

Was ist Dreams überhaupt?

In wenigen Worten beschrieben ist Dreams eine Art Spielebaukasten mit sozialer Komponente. Mit dem mächtigen Editor von Dreams lässt sich so ziemlich alles erstellen, was man sich vorstellen kann. Ein interaktiver 2D Jump’n’run-Level? Ein farbenfrohes Stillleben? Ein Ego-Shooter? Ein Musikvideo? Theoretisch ist alles möglich, natürlich sofern man sich mit dem Editor vertraut gemacht hat. Dazu später aber mehr.

Sogar ganze Videospiele lassen sich erstellen, die in ihrer Komplexität zwar selten mit AAA-Titeln mithalten können, aber sich vor hochwertigen Independent-Produktionen nicht zu verstecken brauchen. Dreams ist hier ein echter Meilenstein der Videospielwelt. Nie war es simpler, selbst zu programmieren.

Private Kreation

Das Traumsurfen

Einer der Kernaspekte von Dreams ist das Erstellen und Teilen von Content. Alles, was man im Spiel erstellt, kann mit der Community geteilt werden. Ihr habt einen richtig fiesen Kriegsroboter gebaut? Ihr habt einen atmosphärischen Wald-Level erschaffen? Ihr habt ein fetziges Musikstück geschrieben? Alles kann mit der Community geteilt werden. Natürlich kann man auch selbst auf die Kreationen der anderen Spieler, in Dreams „Träumer“ genannt, zugreifen. Dank einer umfangreichen Early-Access-Phase steht hier bereits zum Release ein gewaltiger Pool an userkreiertem Content zur Verfügung, auf den man gerne zurückgreifen kann.

Sofern die Kreationen nicht gesperrt sind, lassen sie sich sogar remixen, also weiter verändern, an die eigenen Bedürfnisse anpassen oder in einen ganz anderen Kontext setzen. Was die Community zu diesem Zeitpunkt bereits erstellt hat, ist schlichtweg atemberaubend.

Private Kreation

Natürlich hat es sich auch Media Molecule nicht nehmen lassen, eine kleine Kampagne zu integrieren. Diese hört auf den Namen Arts Traum. Darin verfolgen wir den namensgebenden Jazz-Musiker Art, der einen ziemlich abgefahrenen Traum hat, nachdem er sich im Vorfeld mit seiner Band zerstritten hatte. Media Molecule schlägt hier im Vergleich zur lockeren Atmosphäre von Little Big Planet sogar etwas ernstere Grundtöne an, spart aber dankenswerterweise auch nicht mit Humor. Arts Traum wurde vollständig mit den Mitteln des spieleigenen Editors von Dreams erstellt und soll zeigen, was mit dem Editor alles möglich ist. Und das ist schlichtweg phänomenal. Ja, Arts Traum muss sich sogar vor den richtig guten Indie-Spielen wie Rime oder Abzu nicht verstecken. Klar, die Spielzeit ist mit 2-3 Stunden ähnlich kurz bemessen, dafür wird man aber wirklich gut unterhalten. Nur geraten einige der Jump’n’run-Passagen etwas arg fummelig.

Zusätzlich zu Arts Traum hat Media Molecule noch einige weitere, von den Entwicklern erstellte Level vorzuweisen. Neben einem 2D-Shooter gibt es auch ein kleines Abenteuer zu bestehen oder einen Hindernissparcours. Auch hier lässt sich gut erahnen, was möglich ist. Zudem kann man in Arts Traum und mancher der kleineren Episoden kleine Kugeln finden, die vorgefertigte Figuren, Gegenstände oder Soundeffekte beinhalten, wie sie bereits in der Kampagne zur Verwendung gekommen sind. Hier hat man gleich ein kleines Basissortiment für den Editor zusammen.

Private Kreation

Forme deine Träume

Herzstück von Dreams ist aber definitiv der Editor selbst, im Spiel Traumsurfen genannt. Und dieser sucht in Punkto Kreativität und Darstellung seinesgleichen. Den Entwicklern ist es dabei glänzend gelungen, ein unglaublich komplexes Thema, nämlich das Programmieren von Videospielen, auf eine sehr simple Art und Weise abzubilden.

Dabei wird man beim ersten Blick erst einmal von den unfassbar vielen Möglichkeiten schier erschlagen. Hier gilt ganz klar: Wer sich sofort auf den Editor stürzt, der erlebt eine verdammt steile Lernkurve. Man ertrinkt förmlich in den vielen Tools, Optionen und Hilfsfunktionen. Zum Glück hat Media Molecule vorgesorgt und umfangreiche Tutorial-Optionen hinzugefügt. Hier sollte man auf jeden Fall viel Zeit einplanen und sich durcharbeiten.

Private Kreation

Jeder Bereich des Spiels, sei es Figurengestaltung, Animationen, Beleuchtung oder Soundeffekte, wird mit einem anschaulichen Video leicht und flüssig erklärt. Parallel kann man selbst die angezeigten Schritte nachspielen. Das sorgt früh für einen guten Überblick über die gebotenen Möglichkeiten, zumal die Tutorials auch explizit für Anfänger, Fortgeschrittene oder Profis aufgebaut sind. Ist man schneller als gedacht mit den neu beigebrachten Tools vertraut, so lassen sich die Videos vorspulen und überspringen. Hat man hingegen etwas auf Anhieb nicht richtig verstanden, kann auch bequem zurückgespult oder pausiert werden. Die Tutorials sind wirklich sehr gut gelungen und liefern einen ordentlichen Überblick über die vorhandenen Möglichkeiten. Durch das direkte Anwenden stellen sich auch sofort Erfolgserlebnisse ein, was die Motivation zusätzlich steigert. Prima gelöst!

Private Kreation

Doch letztlich macht Übung den Meister. Wie bei so ziemlich jeder künstlerischen Betätigung gelten auch hier die Standard-Gesetze: Learning by doing. Und es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Gerade am Anfang haben die kreierten Dinge wenig mit dem gemein, was man sich eigentlich vorgestellt hat. Aber je mehr man übt, desto besser wird man auch. Hier sollte man sich einfach nicht so schnell entmutigen lassen und auch etwas frustresistent sein. Doch man muss auch eines ganz klar sagen: Wer sich im Editor austoben und richtig was programmieren will, der braucht Zeit. Einfach mal in ein paar Minuten ein Gebäude nebst Fenstern und Inneneinrichtung hochziehen wie in Minecraft kann man hier vergessen. Und das liegt zum Teil leider auch an der Steuerung.

Für die Eingabe stehen dabei drei Optionen zur Auswahl. Zum einen kann der Cursor, im Spiel durch einen knuffigen Wolkenwichtel dargestellt, per Analogsticks auf dem Gamepad gesteuert werden. Dies gestaltet sich leider öfters etwas umständlich. So ist gerade die Kamerasteuerung, die das gleichzeitige Drücken von L1 und dem Bewegen der Sticks erfordert, nicht immer intuitiv. Gerade zu Beginn kämpft man mehr darum, das gebaute Objekt im Blick zu behalten, als weiterzubauen. Auch zeigt sich die Eingabe über den Controller mit ihren vielen Shortcut-Möglichkeiten als etwas überladen.

Private Kreation

Die zweite Möglichkeit ist die Steuerung des Wichtels über die Neigungssensoren des Dual-Shock-Controllers. Auch dies erfordert Eingewöhnungszeit. Die dritte Möglichkeit schließlich ist die Nutzung der Bedienoberfläche per Move-Controllern. Dies konnten wir zum Testzeitpunkt leider nicht ausprobieren, allerdings berichten hier mehrere Quellen, dass dies die umständlichste Bedienmöglichkeit von allen ist. Um Text zu ergänzen, lässt sich eine USB-Tastatur an die Konsole anschließen. Leider wird aber eine Mouse-Steuerung nicht unterstützt, diese wäre für manche Tools gar nicht so verkehrt gewesen.

Private Kreation

So fummelig die Steuerung sich manchmal präsentiert, so gelungen ist die Benutzerführung insgesamt. Man wird nie mit unaussprechlichen Fachbegriffen bombardiert. Selbst komplexere Dinge, wie sich bewegende, dabei unterschiedlich leuchtende Plattformen oder Schalter, die Dinge bei Betätigung aktivieren und gleichzeitig Geräusche produzieren, werden zugänglich benannt. Sie sind mit wenigen Handgriffen angebracht, programmiert und funktionsfähig. Leider werden die einzelnen Menüs der Programme, im Spiel Geräte genannt, direkt in den Level projiziert und unterliegen der gleichen Kamerasteuerung. So kann es durchaus passieren, dass man vor lauter Menüs sein eigentliches Modell nicht mehr sieht. Oder beim Verschieben der Kamera das Menü nicht mehr findet. Das ist doch etwas umständlich gelöst. Dank Kopier-Funktionen lassen sich Level-Objekte schnell duplizieren, was enorm hilfreich ist. Hat man mehrere Objekte beispielsweise zu einer Felsformation zusammengefügt, so lassen sich diese auch als Gruppe definieren und als Gesamtheit verändern.

Alles lässt sich natürlich individuell einfärben und texturieren. Ein sehr schöner Weichzeichnungsfilter sorgt für traumhafte Szenarien, wenn man beispielsweise eine Wiese oder eine Wolke designt. Flussrichtungen, Lichtquellen, Stimmungen, immer gibt es neue Optionen zu entdecken. Das gilt auch für die Musik, denn Dreams bietet hier die gleichen Möglichkeiten wie im Objekte-Editor. Von einzelnen Klängen bis hin zu komplexen Musikstücken lässt sich im Editor quasi alles erstellen. Auch hier braucht sich das Musiktool nicht vor gängigen Musikprogrammen zu verstecken. Hat man sich einmal verbaut, so hilft die praktische Funktion, die letzten Schritte einfach per Tastendruck einzeln rückgängig zu machen. Ungemein praktisch.

Private Kreation

Fazit

Dreams ist schwierig mit herkömmlichen Videospielen zu vergleichen, ist es doch vielmehr ein komplexes Programm, um selbst Videospiele zu kreieren. Das Schöne daran: Alles kann, nichts muss. Hat man keine Zeit oder Lust, selbst kreativ zu werden, so bietet das Traumsurfen eine potentiell unendliche Flut an Spielen, die man schnell und unkompliziert ausprobieren kann und die einige echte Perlen beinhalten. Als I-Tüpfelchen präsentiert sich die tolle Kampagne, die zwar kurz, aber dennoch spielenswert ist. Das Herzstück, der mächtige Editor, lädt förmlich zum Experimentieren ein. Ein wenig Eingewöhnungszeit und eine Portion Frustresistenz natürlich vorausgesetzt. Denn hier gilt ganz klar: Übung macht den Meister! Hat man den Umgang mit den zahlreichen Tools einmal verinnerlicht, bietet das Traumformen nahezu endlose Möglichkeiten für unzählige Spielstunden.

Private Kreation

Pro:
  • Interessante Kampagne „Arts Traum“
  • Viel verfügbarer Content durch die Community
  • Mächtiger Editor, der fast keine Grenzen kennt
  • Sinnvolle Tutorials im Editor
  • Grundsätzlich gute, verständliche Nutzerführung im Editor
Contra:
  • Fummelige Kamerasteuerung im Editor
  • Teils überladene und umständliche Steuerung
  • Steile Lernkurve
  • Einige umständliche Designentscheidungen im Editor
Gameplay
4 von 5 Buddies
Grafik
4 von 5 Buddies
Sound
4 von 5 Buddies
Atmosphäre
4 von 5 Buddies
Nutzeroberfläche
3 von 5 Buddies

Spiel getestet auf: PS4

Unsere Wertung:

8.5 / 10
Seit dem ersten Gameboy begeisterter Konsolenzocker. Neben Rennspielen, Action-Adventures und Ego-Shootern sind auch eher unbekanntere Spiele aus Nippon und Indie-Perlen gerne im Laufwerk gesehen.

Schreibe einen Kommentar:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentar absenden