

Marathon im Test: Bungies nächstes Kapitel
Es lastet viel Ballast auf den Schulten von Bungies neuem Titel. Nachdem Destiny seine Spieler gegen sich aufbrachte und Sony als Publisher Zweifel an der Finanzierung des Studios aufkommen ließ, ist ein Erfolg für Bungie unabdinglich. Wie sich Marathon schlägt und ob es sein Geld wert ist, erfahrt ihr in unserem Test.
Vorstoß ins Ungewisse
Frohlocket! Nach anfänglichen Problemen hat sich die Menschheit der Zukunft auf Erde und Mars zusammengerissen, ihre Streitigkeiten (und Bürgerkriege) beiseite gelegt und mit der UESC Marathon ein Raumschiff in den Mond Deimos gemeißelt, das neue Systeme kolonialisieren soll. Nach mehreren Jahrzehnten kommt die Marathon im Tau Ceti-System an, es werden schnelle Fortschritte gemacht. Alles scheint gut zu laufen, bis der Kontakt zum Tau Ceti-System und zur Marathon komplett abbricht. Jahrzehntelang hört man nichts aus den Weiten des Weltalls, die Kolonie scheint verloren — bis fast hundert Jahre nach Ankunft der Marathon eine Übertragung von Tau Ceti die Erde erreicht, die entweder als Lebenszeichen, Bericht oder als Warnung verstanden werden kann: “Irgendwo in den Himmeln warten sie.”

Ein Geist in der Hülle
Jetzt kommen wir ins Spiel. Als Runner, einem menschlichen Bewusstsein ohne Körper, werden wir von verschiedenen Interessensgruppen damit beauftragt, unser Bewusstsein in einen künstlichen Wegwerf-Körper einpflanzen zu lassen, damit dieser auf Tau Ceti IV geschickt werden kann. Dort sollen wir wertvolle Gegenstände bergen und herausfinden, was aus der Kolonie geworden ist. Warum macht man das nicht einfach mit Menschen? Weil niemand garantieren kann, dass ein Mensch Tau Ceti IV’s Anomalien, Flora, Fauna oder andere Runner überleben wird. Diese Welt ist kein Ponyhof und wenn ein Runner in seiner Shell getötet wird, kann er einfach in den nächsten Körper geladen werden und der tödliche Wettlauf beginnt von vorne.
Nadeln im digitalen Heuhaufen
Womit wir nicht gerechnet haben, ist, dass wir am meisten von Marathon's Story beeindruckt waren. Im Vergleich zu anderen Extraction-Shootern gibt es eine tiefgründige Lore, in der wir uns richtig verbeißen können. Während uns andere Genre-Vertreter bestenfalls eine Rechtfertigung dafür geben, warum wir uns mit Spielern und KI-Gegnern prügeln, zeichnet Marathon eine bizarre Vision der menschlichen Zukunft, die fasziniert. Wie in einem Souls-Titel lernen wir das Schicksal von Tau Ceti IV hauptsächlich durch Beschreibungen, Protokolle, Analysedaten und aufgezeichnete Gesprächsfetzen zu verstehen und puzzeln unsere eigenen Vermutungen zusammen. Zwar können wir zum Launch noch nicht vollkommen einsehen, wohin die narrative Reise von Marathon geht, jedoch sind wir jetzt schon angefixt und bleiben mit dem Rest der Marathon-Community am Ball.

Ballern für einen fragwürdigen Zweck
Wer von Tarkov oder Arc Raiders gehört hat, weiß im Groben, was in Marathon auf ihn wartet. Stelle deine eigene Ausrüstung zusammen, wähle dein Team, startet gemeinsam in einen Raid, kämpft mit KI-Gegnern und mit anderen Spielern, stellt euch Gefahren, um Loot zu finden, erledigt Quests und entkommt lebend aus dem Raid, um Beute und Erfahrung zu sichern, da beim Spieltod sonst alles verloren geht. Ein simpler, aber effektiver Risk/Reward-Gameplay-Loop, der in seinen besten Momenten das Herz zum Rasen und in seinen schlechtesten Hirngerinnsel zum Platzen bringt.
Ein Bonus, den Marathon für sich beanspruchen kann, ist vom Shooter-Heiland Bungie entwickelt zu werden. Waffen spielen sich unterschiedlich und können von uns modifiziert und angepasst werden. Trefferfeedback ist klar lesbar und gibt uns alle wichtigen Infos, selbst in hektischen Feuergefechten. “Shells” dienen als Klassenvorlagen und bieten Spielern verschiedene Möglichkeiten, ihren Spielstil auszuleben und zu experimentieren.
Wer anderen gerne auflauert und Unsichtbarkeit gut findet, wird mit dem Assassin glücklich. Wer Distanzen zu Gegnern schnell minimieren will, kann vom Doppelsprint und den horizontalen Schubdüsen des Destroyers Gebrauch machen. Bist du gern auf Dächern unterwegs, um von oben anzugreifen? Vandals Doppelsprung könnte dann etwas für dich sein. Dabei schränken die Klassen nicht den Spielstil ein — Waffen und Ausrüstung funktionieren unabhängig von der gewählten Klasse. Alle Klassen haben unterschiedliche Silhouetten, durch die sie aus der Ferne einfach voneinander unterschieden werden können. Selbst KI-Gegner unterscheiden sich visuell und in ihren Fähigkeiten, von einfachen Türstehern, die wir nur schief anschauen müssen, bis hin zu gold-gepanzerten UESC-Terminatoren, die unsere Vorbereitung und Reaktionsfähigkeit auf die Probe stellen. All diese Versatzstücke harmonieren und überzeugen im Gesamtbild. Feuergefechte sind spannend, da Erfolg nicht nur von der Qualität der Ausrüstung, sondern auch von den Fähigkeiten des Spielers abhängt. Um am Leben zu bleiben, ist es wichtig, einen guten Überblick über die eigene Situation zu bewahren, Chancen zu erkennen und diese im richtigen Moment zu ergreifen.

Eine Welt ohne Vergangenheit
Worin sich Marathon besonders vom Rest des PvPvE-Genres abheben kann, sind Stil und Atmosphäre. Statt die nächste pseudo-realistische Ost-Block-Nachkriegswelt zu simulieren, springt Bungie in die weit entfernte Zukunft, in der die Menschheit ein komplett anderes Verständnis von Form, Farbe und Funktion entwickelt hat. Gebäude sind schmucklos und zweckdienlich, heben sich mit ihren glatten Oberflächen und schrillen Farben wie Geschwüre von der Oberfläche des Planeten Tau Ceti IV ab. Der großartige Soundtrack passt sich dynamisch an das Spielgeschehen an, wird in ruhigen Momenten leise, um der Atmosphäre jedes Levels Raum zu geben, bis er in hektischen Momenten wieder Fahrt aufnimmt.
Das größte Problem
Hier müssen wir aber auch unseren größten Kritikpunkt äußern, denn bei all seiner Stilsicherheit ist Marathons Designansatz in Fragen der Menüführung und des User-Interfaces mehr als fraglich. Klar, für das Worldbuilding und die Ästhetik ist es passend, dass alles ein bisschen kryptisch und schwer zu entziffern ist. Jedoch sollten wir als Spieler nicht verwirrt in unserem Inventar nach dem passenden Aufsatz für eine Waffe suchen müssen, weil weder Symbole, Miniaturansichten oder Farbkodierung der Items mit einem flüchtigen Blick erklären können, welches Item wir uns gerade ansehen. Die Information ist da, wir müssen für diese jedoch erstmal ein Untermenü öffnen, was Zeit frisst, uns in der Lobby gefangen und vom eigentlichen Spiel fern hält. Es ist bei weitem nicht so extrem wie in Escape From Tarkov, der Vergleich allein sollte aber schon als Beleidigung gewertet werden.

Fazit
Marathons größte Stärke und Schwäche ist, nicht für jeden zu sein. Grafik, Sounddesign, Gunplay, Progression, alle Stellschrauben, mit Ausnahme der Menüführung und des UI, spielen in der obersten Liga des Extraction-Shooter-Genres mit und überzeugen gerade auch mit Blick auf die Art Direction. Ich war sogar positiv vom narrativen Einschlag überrascht, der nicht nur thematisch gut in die Spielwelt passt, sondern einige interessante Fragen aufwirft. Wer sich der Herausforderung gewachsen fühlt, bekommt von Bungie einen exzellenten PvPvE-Shooter spendiert, der in seiner aktuellen Form seines gleichen sucht.
- Starkes Gameplay und Combat Design
- Unverbrauchter Look, frisches Setting, erstklassige Inszenierung
- Gutes Sounddesign, herausragender Soundtrack
- Ein Multiplayer-Shooter mit einer interessanten Story
- Menüs und UI können verwirren
- Steile Lernkurve
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Nic wurde in seiner frühen Jugend auf den Dopaminkick gefixt, den eine neue mediale Erfahrung mit sich bringt. Um diese Sucht zu befriedigen, sucht er im Bereich der Videospiele das Ungewöhnliche, Exzentrische und Abgehobene. Zu seinen Lieblingen zählen die Metal Gear Solid - Serie, Max Payne 3, Mirrors Edge, Hunt: Showdown und Hotline Miami.









