Review

Minute of Islands im Test: beschwerliches Inselleben

Von Simone Jung am 6. Juli 2021
Publisher: Mixtvision
Release: 13. Juni 2021
Genre: Puzzlespiel | Jump 'n' Run
Entwickler: Studio Fizbin
Verfügbar für: PC | Switch | PS4 | Xbox One
USK Altersfreigabe:

Nach dem Entwicklungsstart in 2018 und mit etwas Verspätung hat nun der deutsche Indie-Entwickler Studio Fizbin gemeinsam mit dem Publisher Mixtvision sein neues, storygeladenes Werk veröffentlicht. Dieses Mal statt eines Point’n’click-Adventures in einem Puzzleplattformer verpackt, liegt auch bei Minute of Islands der große Schwerpunkt auf der emotionalen Geschichte. Wir haben das junge Mädchen Mo auf ihrer tragischen Reise begleitet. Was wir dabei entdecken konnten, zeigt euch unser Test.

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Die Last der Welt

Minute of Islands ist auf einer kleinen, beschaulichen Inselgruppe angesiedelt. Doch ein entspanntes Urlaubsfeeling kommt hier definitiv nicht auf, denn nach dem sogenannten Exodus hat sich ein Pilz ausgebreitet, dessen Pilzsporennebel nun sämtliche Inseln einhüllt. Anders als in The last of us mutieren die Bewohner zwar nicht zu Zombies, aber natürlich ist das Einatmen der Sporen auch hier alles andere als gesund. Zunächst treten noch Halluzinationen auf. Letztendlich führt eine zu hohe Sporenbelastung aber stets zum Tod.

Das Leben in ihrer Heimat wird den wenigen Bewohnern, die noch nicht vor dieser Bedrohung geflohen oder ihr zum Opfer gefallen sind, durch quer über die Inseln verteilte Luftfilter ermöglicht. Die gewaltige Energie, die zu deren Betrieb nötig ist, bringen vier Riesen auf, die im Untergrund der Inseln entsprechende Maschinen mit reiner Muskelkraft unermüdlich antreiben. Weil sie selbst den Platz nicht verlassen können, ohne dass die Pilzsporen direkt Fuß fassen können, haben sie das junge Mädchen Mo ausgewählt, das sie bei der Wartung und Reparatur der Maschinen unterstützen soll. Dazu ausgebildet und mit dem mächtigsten der Riesen-Werkzeuge versehen, dem Omni-Switch, lebt Mo seitdem hauptsächlich bei den Riesen im Untergrund und trägt dadurch eine immens große Verantwortung auf ihren Schultern.

Und dann eines Tages tritt tatsächlich das Schlimmste aller Worst-case-Szenarien ein: Die Maschinen aller vier Riesen fallen zeitgleich aus und die komplette Energieversorgung bricht in sich zusammen. In Folge dessen arbeiten die Luftfilter natürlich auch nicht mehr, so dass auf einen Schlag die gesamte Inselgruppe den lauernden Pilzsporen schutzlos ausgeliefert ist. Und als wäre dieses Unheil nicht schon längst genug, droht auch noch zeitgleich in der Unterwelt Gefahr, denn ohne Energie wird hier ebenfalls der Sauerstoff knapp. Die für die Energieversorgung so wichtigen Riesen ringen bereits röchelnd nach Luft – und somit steht nur noch Mo als Trägerin des Omni-Switch zwischen dem Pilz und dem Leben.

Ihrer gewichtigen Rolle bewusst, macht sie sich natürlich umgehend auf, um herauszufinden, warum die Maschinen ausgefallen sind und sie schnellstens wieder in Gang zu setzen…

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The Sound of Silence

Mos Leben wird normalerweise vom Hämmern und dem Lärm der Maschinen bestimmt. Umso mehr fällt dann natürlich auf, wenn sie plötzlich nicht mehr laufen und sich eine unheilvolle Stille über die Welt legt. Schon von der ersten Sekunde des Spiels an, wird diese eindrucksvoll durch den Soundtrack eingefangen. Zwar ist es nicht komplett still, aber ein leises, bedrohliches Dröhnen im Hintergrund untermalt gekonnt die düstere Atmosphäre der Ausgangsbasis. Aber auch im weiteren Spielverlauf begleitet die Musik in diesem Stile passend die Geschichte fort.

Die Sprachausgabe macht ebenfalls einen guten Job und trägt zur bedrückenden Stimmung bei. Wir erleben die Geschichte vollständig aus der Sicht von Mo. Die wenigen, anderen Charaktere, die sie unterwegs trifft, wurden nicht vertont. Wir hören also entweder direkt in Mos Gedanken hinein oder über einen Erzähler, wie sie das, was um sie herum geschieht, wahrnimmt. Beides ist so gut umgesetzt, dass man die schwere, erdrückende Last, die unsere Protagonistin zu tragen hat, sofort darin wiederfindet.

Die gesprochene Sprache ist dabei allerdings nur in Englisch verfügbar. Die Bildschirmtexte und Untertitel können dagegen wahlweise auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch umgestellt werden.

Das gemächliche Erzähltempo von Minute of Islands spiegelt die beklemmende Ruhe vor dem Sturm auch wirklich gut wieder. Zwar kann Mo schon rennen, um ein wenig schneller vorwärts zu kommen, aber ein eiliges Hindurch-Preschen ist nicht möglich. Oft genug gibt es Passagen, in denen wir entweder nur langsam laufen können oder durch eine Zwischensequenz ausgebremst und auf die beschwerliche Wolke zurück getragen werden. Was gut gelöst ist, da wir so der immensen Belastung nicht entkommen können – genau wie unsere Spielfigur.

Die gute, alte Zeit

Mos Bestreben, ihre Welt vor dem sicheren Pilztod zu retten, erleben wir in einem vier- bis sechsstündigen Abenteuer. Sie muss hierbei die verschiedenen Inseln und die dazugehörigen Unterwelten bereisen.

Insbesondere beim Anblick der Oberwelten, die sie ja sonst eher selten sieht, schwelgt sie im Vorbei-gehen an verschiedenen Stellen in flüchtigen Erinnerungen. Diese können wir sogar regelrecht sammeln, denn es wird uns in jedem Bereich angezeigt, wie viele dort versteckt sind. Dies lädt zum einen natürlich zum Erkunden der Welt ein und dient zum anderen vor allem dem Fortschritt der Geschichte. Als gutes Erzählmittel ermöglichen sie uns nämlich Einblicke in die unbeschwerte Zeit vor dem Exodus. Mo kennt diese ja durchaus noch, auch wenn sie zu dieser Zeit noch sehr klein war und sich nur dunkel daran erinnern kann.

Doch natürlich besitzt unsere Protagonistin nicht nur Erinnerungen an die sonnige Vergangenheit aus einer völlig anderen Epoche, sondern auch aus der Post-Apokalypse in ihrem jetzigen Leben als Trägerin des Omni-Switch. Hier erhalten wir wiederum Einsicht in ihr Gefühlsleben und merken schnell, dass sie keine strahlende Heldin ist, sondern stark an der gewaltigen Bürde, die ihr auferlegt wurde, zu knabbern hat. Und das angesichts der neuen Bedrohung natürlich umso mehr.

Gut zu der Inselthematik passend fühlt auch Mo sich selbst irgendwo wie eine einsame Insel, weil sie auserwählt wurde und daher nur sie die niederdrückende Last tragen kann und muss. Sie will dem gerecht werden, will alle retten und setzt daher um jeden Preis alles daran – und entwickelt unter diesem Druck und der Angst zu Versagen mitunter sogar ein etwas verzerrtes Bild zu den Bemühungen ihrer Familie und Mitmenschen.

Der Fokus von Minute of Islands liegt auf eben jenem Gefühlschaos und Mos unerbittlichem, kräftezehrendem Fortschreiten. Die packende Geschichte lädt wirklich zum Nachdenken ein, wofür uns das geschilderte, langsame Erzähltempo auch genug Zeit bietet. Dabei bleibt uns, obwohl wir vieles erfahren, aber durchaus noch Interpretationsspielraum offen.

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Schöne, neue Welt

Minute of Islands ist durchgängig in einem sehr schön gezeichneten 2D-Comic-Look gehalten. Mos Reise in eben dieser Welt verfolgen wir dabei aus einer vorgegebenen Kamera-Perspektive.

Die farbenfrohe, fröhliche Optik steht selbstredend im kompletten Gegensatz zu der betrüblichen Geschichte. Dennoch oder vielleicht sogar eher deswegen fallen die negativen Ausmaße, die durch den schädlichen Pilz entstanden sind, noch viel mehr auf. Die Zeitzeugen des Verfalls mitten auf den gebietsweise immer noch erkennbar hübschen Inseln sind wirklich gut dargestellt. Beispielsweise erhaschen wir über diverse Lost Places in Kombination mit Mos Erinnerungen glaubwürdige Eindrücke aus dem früheren, erfüllten Leben und den Träumen der Inselbewohner. Und trauern im selben Zuge regelrecht mit, weil der Pilz sie so deutlich sichtbar innerhalb kürzester Zeit nachhaltig zerstört hat.

Und doch ist auch immer noch Leben auf den Inseln erkennbar. Wir blicken nämlich nicht auf gänzlich starre, unbewegte Texturen. Die Hintergründe werden oftmals durch andere Lebewesen wie Vögel oder auch wegweisende Windböen belebt. Und paradoxerweise trägt auch der Pilz selbst zu einem wandelnden Bild bei. Obwohl er aus der für uns nachvollziehbaren Sicht der Bewohner der feindliche, alles vernichtende Parasit ist, gestaltet er als Lebewesen ebenfalls seine Umwelt mit – und für ihn bietet sich auf der Inselgruppe ja durchaus ein buntes Paradies.

Insbesondere die Oberwelt von Minute of Islands wartet mit einiger optischer Abwechslung auf. So entdecken wir zum Beispiel die traurigen Reste eines Vergnügungsparks samt dazugehöriger Marmeladenfabrik oder erklimmen den noch verbliebenen Teil eines Leuchtturms. Die Höhlen der Unterwelten sind dagegen alle sehr ähnlich beengend und finster gestaltet. Zwar passt dies schon gut zu Mos trister, gefängnisähnlicher Last in ihrem Alltag, aber etwas mehr Abwechslung an dieser Stelle wäre dennoch schön gewesen.

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Neustart

Um die Luftfilter auf den Oberwelten und die Lüftungssysteme in den Unterwelten wieder zum Laufen zu Bringen, müssen wir Mo dabei helfen, die Energiezufuhr durch das Bewältigen verschiedener, klassischer Puzzle-Aufgaben wiederherstellen.

Die Rätselsystematik ist dabei je nach Gebiet gleich aufgebaut. Auf der Oberwelt müssen wir uns den Weg zu den einzelnen Lüftungsfiltern bahnen und dort die Schaltkreise mit dem Omni-Switch überbrücken. In der Unterwelt müssen wir wiederum mehrere Sicherungen erneuern, welche sich nach kurzem Zücken desselben Werkzeugs an die entsprechenden Stellen bewegen lassen. In ihrem Schwierigkeitsgrad sind all diese Rätsel sehr simpel gehalten. Meist beschränken sie sich auf einfache Schieberätsel, aber es begegnen uns auch noch andere Arten wie beispielsweise Geschicklichkeitspassagen. Richtige Kopfnüsse finden wir dabei allerdings keine.

Zudem bekommen wir zu keiner Zeit einen Game-Over-Bildschirm zu Gesicht. Scheitern wir an einem der Geschicklichkeitsrätsel, beginnen wir ohne weitere Auswirkungen an derselben Stelle einfach wieder von vorne. Weiterhin werden keinerlei Kämpfe ausgetragen und unsere Protagonistin kann auch nicht abstürzen oder sonstigen Schaden nehmen.

Der Weg ist stets linear und bis auf wenige Ausnahmen ebenfalls gut ersichtlich vorgegeben. Im Zweifelsfall dient uns aber auch noch mal der Omni-Switch als Wegweiser. Wirklich Möglichkeiten, uns zu verirren, haben wir demnach also nicht. Zumal es zwar schon Abzweigungen gibt, an denen wir uns für einen der Wege entscheiden müssen, letztendlich damit aber nur die Reihenfolge auswählen, weil wir die abgehenden Pfade dann doch zwangsläufig nacheinander erkunden müssen.

Ebenso ist die Steuerung sehr überschaubar. Mo kann lediglich rennen, springen und an bestimmten Orten interagieren. Grundsätzlich geht die Steuerung gut von der Hand, da intuitiv, aber an manchen Stellen, hauptsächlich bei Ebenen-Wechseln nach oben oder unten, kann es doch manchmal etwas haken.

Eins haben all diese beschriebenen Spielelemente aber gemeinsam: Sie laufen fast nebenbei mit. Im Vordergrund stehen sie seitens der Entwickler deshalb nicht, weil sie sich leicht in die Erzählung integrieren und den Spielfluss der Geschichte nicht stören, sondern ihn lediglich etwas unterstützen sollen. Das ist ihnen auch gut gelungen, denn Minute of Islands spielt sich, ähnlich wie Lost Words: Beyond the page, weniger als Puzzle-Plattformer als eher wie eine Visual Novel mit Jump’n‘Run-Elementen.

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Fazit:

Minute of Islands erzählt eine gute, emotionale, aber keine schöne Geschichte. Der gewählte, eher bunte Grafikstil bietet hierzu einen wirklich gelungenen Kontrast, um die Botschaft noch intensiver zu vermitteln. Wenn man sich darauf einlässt, regt das Spiel zu Momenten des Innehaltens und Nachdenkens an – oft durchaus auch mit einem dicken Kloß im Hals. Auch im echten Leben läuft nun mal nicht immer alles so rund wie man es gern hätte, was Mos Reise ja aber so authentisch macht. Auch wenn man sich an manchen Stellen vielleicht anders entschieden hätte als sie und ihre Situation natürlich auch nicht eins zu eins übertragen kann, kann man definitiv etwas von ihrem Weg für sich mitnehmen. Die Spiel- und Rätselmechanik ist dabei eher zweitrangig. Wenn man eine richtig gut erzählte Geschichte erleben möchte und offen dafür ist, sich auch von einem eher traurigen Thema einfangen zu lassen, ist man hier richtig. Mich hat sie auf jeden Fall berührt.

Pro:
  • Packende Geschichte mit Tiefgang
  • Sehr schöner Comic-Look
  • Gelungener Kontrast zwischen Optik und Atmosphäre
  • Stimmungsvoller Soundtrack
  • Sammelbare Erinnerungen laden zum Erkunden ein
Contra:
  • Unterwelten optisch sehr ähnlich
  • Steuerung bei Ebenen-Wechseln manchmal etwas hakelig
  • Für Rätselfreunde zu simple Rätsel
Story
5 von 5 Buddies
Gameplay
4 von 5 Buddies
Grafik
5 von 5 Buddies
Sound
5 von 5 Buddies
Atmosphäre
5 von 5 Buddies

Spiel getestet auf: PS4

Unsere Wertung:

8.0 / 10
Konsolenzockerin seit der Kindheit, bevorzugt auf der PlayStation. Zu den Lieblingsspielreihen gehören Grandia, Project Zero, Tomb Raider, Uncharted und Tekken, aber es finden auch gerne mal Indie-Titel den Weg auf den Bildschirm.

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