Review

Olympische Spiele Tokyo 2020 im Test: Lasst die Spiele beginnen!

Von Alex Krause am 10. Juli 2021
Publisher: SEGA
Release: 22. Juni 2021
Genre: Sportsimulation
Entwickler: SEGA
Verfügbar für: PC | Switch | PS4 | Xbox One
USK Altersfreigabe: 6

Bekanntlich wurde so manche Sportgroßveranstaltung von 2020 auf dieses Jahr verschoben. Neben der Fußball-EM betrifft dies auch die Olympischen Spiele in Tokio, welche nun ab dem 23. Juli 2021 stattfinden sollen. Passend hierzu veröffentlicht SEGA vorab das offizielle Videospiel. SEGA und Olympia? Da klingelt etwas, schließlich versorgen uns die Japaner regelmäßig mit offiziellen Videospielen, in denen sich Nintendo-Ikone Mario, Sonic und Co. spannende Wettkämpfe liefern. Kann es das offizielle Videospiel zu den Olympischen Spielen mit der hauseigenen Konkurrenz aufnehmen? Wir sagen nur: Lasst die Spiele beginnen!

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Auf geht’s, ihr wackeren Olympioniken

Selbst ohne die Nintendo-Lizenz im Rücken ist die Verwandtschaft der beiden Olympia-Produkte auf den ersten Blick klar zu erkennen. Auch als hochoffizielle Versoftung der Olympischen Spiele wählt SEGA einen ziemlich arcadigen Ansatz im Spiel, welcher sich direkt bei den comichaft überzeichneten Charakteren offenbart.Dies kommt vor allem Casual-Gamern zugute. Denn auf diese Weise lässt es sich auch mit Freunden und Familienmitgliedern erleben, die sonst nicht so Videospiel-affin sind, aber die Olympischen Spiele nachspielen möchten.

Nach einem ansprechenden Intro können wir im aufgeräumten Hauptmenü recht schnell einen Blick auf die verfügbaren Disziplinen werfen. Insgesamt 18 Wettkämpfe stehen uns zur Verfügung. Im Leichtathletik-Bereich sind dies die 100 Meter, 110 Meter Hürden, Weitsprung, Hammerwerfen und die 4x 100 Meter Staffel. Während es bei den Sprintdisziplinen vor allem auf schnelles Tastendrücken ankommt, zählt beim Hammerwerfen das richtige Timing beim Loslassen.

Im Schwimmbereich müssen wir die 100 Meter Freistil und die 200 Meter Lagen bewältigen. Hier gilt wiederum vor allem Timing und bei den Lagen das richtige Einteilen unserer Ausdauer, damit wir nicht am Ende wie eine Wasserleiche dahintreiben.

Auf gute Reaktionen kommt es ebenfalls bei den Disziplinen Beach Volleyball, Tennis und Tischtennis an. Die Tennis-Varianten können wir wahlweise Einzeln oder im Doppel angehen, wobei uns dann die KI tatkräftig unterstützt. Sie versucht es zumindest, denn hier fällt schnell auf, dass die KI teilweise befremdlich reagiert und auch gerne einfach mal teilnahmslos stehen bleibt, wenn der Ball in ihre Richtung kommt.

Für Kampfsportfreunde stehen Boxen und Judo bereit. Beide Wettkämpfe erfreuen uns mit angenehm taktischen Möglichkeiten im Spiel und machen durchaus Laune.

Wir sind zusammen groß

Im Mannschaftsbereich haben wir ebenfalls eine große Auswahl. Rugby, Basketball, Fußball und Baseball warten darauf, von uns gemeistert zu werden. Alle Disziplinen sind auf ihre Grundessenz herunter gebrochen. Sonderlich komplexes Gameplay sollte man hier also nicht erwarten. Spaß machen sie trotzdem. Speziell Rugby hat es uns angetan, wo jedes Spiel gerne in eine gnadenlose Takle-Orgie ausartet und man oft genug mit zittert, wenn der eigene Athlet den Ball in die Endzone trägt, verfolgt von einer ganzen Prozession gegnerischer Spieler.

Etwas schade sind die recht kurzen Spielzeiten, was speziell beim Fußball auffällt. 90 Sekunden pro Halbzeit sind verdammt wenig. Hat man sich gerade warmgespielt, ist auch schon wieder Abpfiff. Da wäre etwas mehr Zeit schön gewesen. Dies liegt vor allem am Casual-Grundsatz des Spiels, das auf schnellen, einfachen Spaß ohne viel Schnickschnack ausgelegt ist.

Mehr als genug Zeit jedoch haben wir beim Baseball, welches gegenüber den anderen Sportarten klar abfällt. Dies liegt zum einen am sehr schwierigen Timing, mit dem wir den anfliegenden Ball treffen sollen. Als Werfer besteht unsere Aufgabe eigentlich nur daraus, eine grobe Richtung des Balls vorzubestimmen und zu hoffen, dass der gegnerische Spieler diesen nicht trifft. Alles andere im Spiel läuft automatisch ab, sodass sich hier recht schnell Ermüdung einstellt.

Komplettiert werden die Wettkämpfe noch von Sportklettern und BMX. Während wir beim Kraxeln recht fix eine Kletterwand erklimmen müssen, was dank der Steuerung über den Analogstick gar nicht mal so einfach ist, kämpfen wir beim BMX um Sekundenabstände. Hier steht uns sogar neben der Verfolgeransicht noch eine Ego-Perspektive zur Verfügung, welche tatsächlich für mehr Überblick sorgt. An bestimmten Stellen auf dem Kurs müssen wir Sprünge ausführen. Diese muten mitunter seltsam an, sieht es doch regelmäßig aus, als wäre unser tapferer Radler auf eine Bodenmine gefahren, so sehr katapultiert es ihn in die Luft.

Insgesamt bieten die 18 Disziplinen einen guten Mix aus den olympischen Wettkämpfen. Mehr wäre natürlich immer schön, aber bis man alle einmal gespielt hat, vergeht schon etwas Spielzeit. Bei jedem Wettkampf gilt es zunächst, in zwei Qualifikationsrunden möglichst zu siegen, um das Finale zu erreichen. Dort kämpfen wir dann um die begehrten Medaillen.

Leider schwankt der Schwierigkeitsgrad hier recht stark. Während man beispielsweise bei den 100 Metern im ersten Lauf so überlegen ist, dass man zwischendurch noch einen Abstecher an die Würstchenbude machen könnte, muss im Finale schon alles passen für die Goldmedaille. Das motiviert natürlich, sich in eine Disziplin reinzufuchsen, kann aber gerade Casual-Spieler teilweise auch etwas frustrieren.

Vor jeder Disziplin erhält man eine kurze Übersicht über die Steuerung. Dies kennt man so auch von den Nintendo-Ablegern. Allerdings werden bei den Olympischen Spielen Tokyo 2020 vor dem Start des Wettbewerbs nicht alle Funktionen der Steuerung direkt angezeigt. Weitere nützliche Tipps werden erst freigeschaltet, wenn wir die entsprechende Disziplin mehrmals spielen. Das ist durchaus gut gemacht. Man kann diese Tipps quasi im Vorbeigehen freischalten und freut sich dann über nützliche Kniffe auf der Jagd nach Gold.

Fast schon standardmäßig bieten die Olympischen Spiele Tokyo 2020 auch einen Mehrspielermodus. Speziell im Couch-Koop werden alle Wettbewerbe nochmal ein gutes Stück unterhaltsamer. Vieles davon wird über den guten alten Splitscreen-Modus gelöst, der prima funktioniert.

Grafisch ist das Spiel ansprechend gestaltet. Die Animationen unserer Olympioniken sind gelungen. Vor allem bei den Leichtathletik-Wettbewerben kommt tolle Stadionatmosphäre auf, was an den vielen animierten Zuschauern liegt. Besonders die Wassereffekte in der Schwimmhalle können sich durchaus sehen lassen. Dafür ist wiederum der BMX-Wettbewerb eher auf PS3-Niveau, was auch an der teilweise seltsamen Kollisionsabfrage liegt.

Von Piraten und Astronauten

Ein wichtiger Punkt ist die Option, einen eigenen Athleten erstellen zu können. Hier fällt uns direkt der umfangreiche Editor auf, mit dem wir unseren Wunsch-Olympioniken zusammenbauen können. Von der Körperstatur über Frisuren, Bärte und Brillen, bleiben hier wirklich kaum Wünsche offen. Der Editor ist einer der großen Pluspunkte des Spiels und erlaubt uns auch zahlreiche kleinste Detailveränderungen. Wer keine Lust hat und einfach nur eine Runde spielen möchte, der kann natürlich auch aus den zufällig generierten Avataren wählen. Eine Anpassung ist im Nachhinein jederzeit möglich.

Aufgrund des arcadigen Ansatzes wird bei den Disziplinen, anders als in der Realität, kein Unterschied zwischen den männlichen und weiblichen Athleten gemacht. So treten immer Frauen und Männer mit- oder gegeneinander an, was das Spiel absolut bereichert.

Schön ist, dass wir in Teamwettbewerben auch unsere Mannschaftskollegen nach Lust und Laune individualisieren können. Wer gerne Zeit in Editoren verbringt und interessante Charaktere erstellt, der wird hier direkt glücklich werden. Eine große Auswahl an teils kuriosen Kleidungsstücken und Kopfbedeckungen lädt zu herrlich skurrilen Athleten ein. Wer wollte nicht schon immer mal im Raumanzug oder als Pirat bei Olympia teilnehmen?

Freigeschaltet werden diese besonderen Kostüme durch in den Disziplinen verdiente Punkte. Besondere Bedingungen, wie beispielsweise eine bestimmte Zeit oder Medaille zu erreichen, gibt es hier nicht. Letztlich ist es Fleißarbeit, wenn man alle Kleidungsstücke erwerben möchte.

Spielerische Auswirkungen haben die Outfits nicht. Einzig in den Charakteranpassungen können wir entscheiden, ob der Athlet lieber auf Kraft, Geschwindigkeit oder Technik setzt. Dies hat aber kaum spürbare Auswirkungen.

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Dabei sein ist alles

Sind die Olympischen Spiele Tokyo 2020 also ein rundum gelungenes Paket? Leider nicht völlig. Was uns auf jeden Fall gefehlt hat, ist eine Kampagne. Natürlich muss ein Sportspiel nicht unbedingt einen Storymodus bieten, aber ein roter Faden zwischen den einzelnen Wettbewerben wäre doch schön gewesen. Beispielsweise, dass man im Rahmen der Olympischen Spiele jede Disziplin einmal spielen muss. Inklusive einer kleinen, animierten Eröffnungsfeier und Schlusszeremonie für die Atmosphäre.

So haben wir letztlich nur eine Sammlung von Minispielen vor uns. Es gibt zwar die Möglichkeit, sich in ein paar zusammenhängenden Wettkämpfen mit einem Gegner zu messen oder sogar selbst eine Playlist der Sportarten zu erstellen, letztlich ist aber auch dies nur ein Abarbeiten der Wettkämpfe.

Immerhin wird jede Disziplin mit einer kurzen Kamerafahrt eingeläutet, bei der unser Olympionike hervorgehoben wird. Zur Anmoderation können wir durch erspielte Erfolge verschiedene Spitznamen freischalten, unter denen wir dann aufgerufen werden. Beispielsweise als „Der Superstar“.

Die Intros und Animationen sind aber immer gleich. Und hier fällt uns die Verwandtschaft zu den Nintendo-Olympias am deutlichsten auf, sind die Kamerafahrten doch teilweise nahezu identisch. Fast wirkt es, als hätte man einfach andere Texturen über die gleiche Engine gelegt.

Ebenfalls identisch sind die Sprecher, die speziell im Menü jede unsere Aktionen lautstark kommentieren. Im Spiel selbst werden wir von den Zuschauern angetrieben. Zwar können wir für unsere eigene Figur ebenfalls eine Stimme auswählen, mehr als fröhliches Jubeln oder niedergeschlagenes Seufzen kriegt sie aber nicht zustande.

Die Olympia-Lizenz bietet normalerweise durchaus Möglichkeiten für ein starkes Lizenz-Produkt, allein schon wegen ihrer reichhaltigen Vergangenheit. Leider bleibt dies weitestgehend ungenutzt. Außer ein paar Einblendungen zu den Austragungsorten der Disziplinen während der Ladezeiten und natürlich den Texten auf den Werbebannern könnte das Spiel auch als Bundesjugendspiele von Wanne-Eickel durchgehen, wäre es entsprechend benannt. Das macht die Olympischen Spiele Tokyo 2020 als Lizenzprodukt leider etwas arg austauschbar.

Fazit

Spaß hatte ich durchaus mit den Olympischen Spielen Tokyo 2020. Der tolle Editor, das doch zunächst motivierende Freischaltsystem und einige durchaus spaßige Disziplinen haben mich gut unterhalten. Hat man alles aber mal gesehen, lässt die Motivation schon spürbar nach. Das liegt vor allem daran, dass man letztlich nur eine Sammlung von Minispielen vor sich hat. Meistens spielt man doch die, die einem am meisten liegen, bis sich auch diese abnutzen. Immerhin im Couch-Koop kann man gerne auch mal die eine oder andere Runde verbringen. Das ist die große Stärke des Spiels. Für reine Einzelspieler ist es auf lange Sicht gesehen leider nur bedingt zu empfehlen.

Pro:
  • Starker Editor
  • Unterhaltsamer Mehrspielermodus, speziell 2-Spieler Couch-Koop
  • 18 unterschiedliche Disziplinen bieten einen guten Mix
  • Durchaus unterhaltsame Wettkämpfe wie Judo oder Rugby
  • Viele freischaltbare Elemente
Contra:
  • Schwankender Schwierigkeitsgrad
  • Teils dümmliche KI
  • Keine echte Kampagne
  • Verschenktes Potenzial der Lizenz
  • Zum Freischalten der Kostüme letztlich stumpfsinniges Grinden nötig
  • Verwandtschaft zu den Nintendo-Olympiaspielen klar erkennbar
Gameplay
3 von 5 Buddies
Grafik
3 von 5 Buddies
Sound
3 von 5 Buddies
Atmosphäre
3 von 5 Buddies
Umfang
3 von 5 Buddies

Spiel getestet auf: PS4

Unsere Wertung:

6.5 / 10
Seit dem ersten Gameboy begeisterter Konsolenzocker. Neben Rennspielen, Action-Adventures und Ego-Shootern sind auch eher unbekanntere Spiele aus Nippon und Indie-Perlen gerne im Laufwerk gesehen.

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