Review

Tour de France 2022 – das neue Radsportspiel im Test

Von Daniel Walter am 16. Juni 2022
Publisher: Nacon
Release: 9. Juni 2022
Genre: Sportsimulation
Entwickler: Cyanide Studios
Verfügbar für: PC | PS4 | PS5 | Xbox Series S/X
USK Altersfreigabe: 0

Knapp einen Monat vor dem Start der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt dürfen Radsportfans bereits das neue Tour-de-France-Spiel aus dem Hause Cyanide genießen. Ob der neuste Ableger den Stillstand der vergangenen Ausgabe durchbrechen und frischen Wind in die Sportreihe bringen kann, erfahrt ihr im Test.

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Kleine Optimierungen machen das Spiel runder

Nachdem die 2021er-Ausgabe des Radsportspiels mit ihren quasi nicht vorhandenen Neuerungen und dem gänzlich gestrichenen Online-Content für mich persönlich die größte Enttäuschung war, die die Entwickler jemals abgeliefert haben, scheint das Jahr 2022 endlich wieder einige Ideen mitzubringen. Der Spieleinstieg für Neulinge und Eingerostete ist wie gewohnt über den Trainingsmodus möglich, der uns in die grundlegende Steuerung des Fahrers, der Kommunikation und des Teams einführt. Aufgeteilt in fünf kurze Lektionen werden hier alle wichtigen Aspekte schnell und kompakt vorgestellt, sodass man auch nach längerer Pause schnell wieder im Spiel ist. Direkt positiv zu vermerken ist die Möglichkeit, die Kommentare des Sprechers per Knopfdruck zu überspringen. In vergangenen Ablegern war man ohne diese Funktion immer dazu verdammt, die Audiospur bis zum Ende durchzuhören, auch, wenn die Lektion eigentlich schon vorrüber war.

Im Rahmen der Lektionen begegnen wir auch gleich einer ersten wirklich sinnvollen Neuerung im Gameplay, nämlich dem sichtbaren Windschatten. Auch, wenn der Luftwiderstand auch schon in vergangenen Ausgaben spürbar war, spielte er doch immer eine unscheinbarere Rolle, da er nie wirklich greifbar wurde. Mit einem sichtbaren weißen Feld, das über unserer Tempoanzeige erkennbar ist, haben wir nun die Chance, Windschatten bewusster zu nutzen, um uns im Rennen einen Vorteil zu verschaffen. Wir sehen, mit wie viel Luftwiderstand unser Fahrer aktuell zu kämpfen hat und können unsere Position dadurch entsprechend verändern und Schutz hinter einem vor uns fahrenden Mitstreiter suchen, um auf diese Weise Kraft zu sparen. Eine weitere sinnvolle Ergänzung der grundlegenden Steuerung wurde bei der Regelung des Leistungsniveaus, also im Prinzip beim Tempomat eingeführt. Während wir hier früher mühsam versuchen mussten, mit dem Fahrer die gewünschte Geschwindigkeit zu erreichen, um diese dann per Knopfdruck zu fixieren, ist es nun möglich, nach dem Einschalten des Tempomats das Tempo nachträglich zu regeln, was den Komfort im Rennen deutlich erhöht. Dies gilt übrigens auch für eine kleine aber feine Änderung beim Teamfunk. So erhalten wir nun mit einem Sternchen gekennzeichnete Tipps, welche Anweisungen wir unseren Teammitgliedern in der gegenwärtigen Rennsituation geben sollten. Verpflichtend sind diese Angaben natürlich nicht, sie helfen aber dabei, kritische Momente besser unter Kontrolle zu bringen.

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Schon beim Training wird klar, dass sich optisch im Vergleich zum Vorgänger im Prinzip nichts verändert hat. Hier konnte Tour de France aber auch schon in der Vergangenheit mit ansprechenden Landschaften, detailliert umgesetzten Fahrern mit realistischen Bewegungen und Körpermerkmalen sowie mit einer lebendigen Kulisse mit interagierendem Publikum am Streckenrand überzeugen. Auch, wenn man natürlich nicht mehr alle Ausrufe der Passanten der letzten Ausgaben im Ohr hat, hatten wir beim Test dieses Jahr das Gefühl, dass hier akustisch für ein wenig mehr Abwechslung gesorgt wurde. Bei der Kommentarspur sind dagegen natürlich wieder die allseits bekannten, inzwischen etwas angestaubten Monologe des Sprechers mit dabei, aber auch hier durften wir uns zumindest über den einen oder anderen neuen Wortlaut freuen. Ein großes Problem der Vergangenheit wurde leider auch 2022 wieder nicht behoben, was der optischen Präsentation, wie jedes Jahr, einfach einen Makel verleiht, der zu vermeiden gewesen wäre. So sehen auf der Strecke leider wieder alle Fahrergesicher komplett identisch aus. Nicht nur, dass hier bei den Gesichtsformen und Haarfarben keinerlei Variation vorhanden ist. Nicht einmal kleinere Merkmale wie Augenpartien, Bärte oder zumindest unterschiedliche Sonnenbrillen wurden implementiert, sodass es auch in diesem Jahr von vorne wie ein Rennen hunderter Klone aussieht.

Auch bei den Modi regt sich etwas…

Wo im vergangenen Jahr echte Ebbe herrschte, hat Tour de France 2022 auch bei den Rennen und Spielmodi wieder zugelegt. So fällt zum Beispiel direkt der neue Online-Modus “Rennen des Augenblicks” auf, der uns die Chance bietet, uns über Bestenlisten mit anderen Spielern weltweit zu messen, indem wir vorgegebene Etappen oder komplette Rennen bestreiten. Dabei handelt es sich um zeitlich begrenzte Events, die wir im festgelegten Zeitrahmen beliebig oft in Angriff nehmen dürfen. Am Ende zählen für die Bestenliste verschiedene Faktoren, die zusammengerechnet den sogenannten Cycling Score ergeben. Die Anzahl an absolvierten Etappen wird dabei ebenso eingerechnet wie die benötigte Zeit oder die erreichten Platzierungen, über die wir Bonuspunkte einfahren können. Auch, wenn wir in diesem Modus wie gewohnt gegen KI-Gegner auf der Strecke unterwegs sind und es damit kein echtes PvP-Feeling gibt, ist der neue Online-Content in jedem Fall eine gelungene Neuerung, die gerade dann, wenn die großen Einzelspieler-Herausforderungen einmal durchlaufen sind, für eine längerfristige Motivation sorgt.

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Wo wir schon bei den Offline-Modi sind: hier bleibt mehr oder weniger alles beim Alten. So haben wir nach wie vor die Chance, einzelne Rennen unabhängig von einer Karriere zu absolvieren, wie die komplette diesjährige Tour de France mit allen 21 Etappen, das Critérium du Dauphiné oder auch die Eintagesklassiker in Lüttich oder Roubaix. Bei Letzterem, das berühmt berüchtigt ist für seine Kopfsteinpflaster-Abschnitte, wurde das Spielerlebnis übrigens deutlich verbessert. Während die holprigen Passagen über Pflastersteine früher im Prinzip nur auf dem Papier vorhanden waren, sind sie nun dank wackelnder Bildschirmanzeige und starker Controllervibration definitiv auch spürbar. Mit dem Vlaanderen Classic sowie den WR-Championship-Strecken in Como, Düsseldorf und Imola warten weitere freischaltbare Einzelstrecken auf uns, die wir bereits aus vergangenen Ausgaben kennen. Interessant wird es bei der Primavera Classica, einem Rennen mit italienischem Flair, bei dem wir etwas Mailand-San-Remo-Luft schnuppern dürfen, auch, wenn der italienische Klassiker oder auch die Italienrundfahrt leider noch immer nicht Teil des Spiels sind. Abgerundet wird das mittlerweile wirklich umfangreiche Aufgebot an Rennstrecken durch die bekannten Mehrtagesrennen Paris-Nizza, Breizh Cup und Les 3 Jours de Provence sowie durch die fiktiven Mini-Rundfahrten Open Tour und Euro Tour, die alle Fans der Reihe nun auch schon bestens kennen sollten.

Die großen Karrieremodi werden realistischer

Herzstück der Sportsimulation war schon immer der Profiteam-Modus, der es uns ermöglicht, ein Team durch die Radsportsaison zu begleiten und dabei nicht nur die Kontrolle über die Fahrer während der Rennen zu übernehmen, sondern auch Transfers durchzuführen sowie den Kader und die Teamrollen anzupassen. Mit der 2022er-Version des Spiels wird die Karriere an einigen Stellen noch realistischer. So dürfen wir direkt zu Beginn festlegen, ob und in welchem Ausmaß Stürze und Erkrankungen einen Einfluss aufs Renngeschehen und den Saisonverlauf haben. Hier bestimmen wir beispielsweise, ob Stürze innerhalb eines Rennens Verletzungen und Aufgaben nach sich ziehen können oder, ob diese lediglich stattfinden sollen, ohne dabei   größeren Schaden anzurichten. Auch die Häufigkeit der Rennvorfälle lässt sich im Vorfeld der Saison festlegen, ebenso wie die Gruppe an Fahrern, die davon betroffen ist, also im Klartext, ob es uns selbst oder nur unsere Gegner erwischen kann. Eine zusätzliche Neuerung bezieht sich auf die Tagesform der Fahrer. Hier wurde mit der diesjährigen Ausgabe ein neues Vorbereitungssystem integriert, das vor jedem Rennen die Form des Fahrers ermittelt und eventuell eines Tagesform-Bonus festlegt, der sich temporär auf bestimmte Bereiche seines Könnens auswirkt. So ist zum Beispiel auch ein Sprinter an einem guten Tag in der Lage, mit einem Bonus auf seine Bergfähigkeiten bessere Resultate im Gebirge zu erzielen.

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Sobald wir die Grundeinstellungen für die Saison vorgenommen haben, wählen wir wie gewohnt ein Trikot, einen Namen und ein Herkunftsland für unser fiktives Team aus und stellen mit unserem Budget einen ersten Kader an Fahrern zusammen. Hierbei wählen wir aus den Kategorien Berg, Vielseitigkeit, Sprint und Hügel, um für jede Rennsituation einen Spezialisten mit an Bord zu haben. Bei den Athleten dürfen wir uns wieder auf eine sehr große Auswahl an lizenzierten Rennfahrern freuen. Hierzu zählen natürlich die großen Stars wie Matthieu Van Der Poel, Primoz Roglic, Richard Carapaz oder Egan Bernal. Aber auch deutsche Vertreter wie Lennard Kämna oder Emanuel Buchmann sind mit echtem Namen und Porträt Teil der Datenbank. Bei einigen Fahrern müssen wir uns aber leider auch in diesem Jahr wieder mit Platzhaltern begnügen, wie zum Beispiel bei Julian Alaphillipe oder Remco Evenepoel, die mit ihren Namensabwandlungen Alaphilix oder Evenepoet zwar erkennbar, aber eben nicht vollständig integriert sind. Der leicht verständliche Namenseditor des Spiels schafft hier allerdings Abhilfe, da die Fahrerdaten bei Bedarf angepasst werden können. Bei den Trikots ist die Situation noch einmal besser als bei den Namen, denn alle World-Tour-Teams sind mit offiziellem Namen und originalem Design der Outfits im Spiel vertreten. Hinzu kommen drei neue Mannschaften außerhalb der höchsten Klasse, nämlich das Eolo-Kometa Cycling Team, Caja Rural-Seguros RGA sowie das Uno-X Pro Cycling Team, die nun auch vollständig lizenziert sind.

Neben dem Team-Modus ist als weitere Karriere-Option auch dieses Mal wieder der Pro-Kapitän-Modus mit dabei. Hier erstellen wir einen Fahrer in einem fiktiven Team, bei dem wir Name, Herkunft und Hautfarbe sowie Alter, Gewicht und Größe festlegen dürfen. Außerdem ordnen wir ihm seine Spezialfähigkeit zu, also, ob er sich im Gebirge, in hügeligem Terrain oder bei Sprints besonders wohlfühlt. Im Laufe der Karriere entwickeln wir die Fertigkeiten des Fahrers durch das Erledigen bestimmter Herausforderungen weiter und können ihn dadurch nach unseren Wünschen optimieren und formen. Die zu erreichenden Ziele reichen vom schlichten Beenden bestimmter Rennen bis hin zum Erzielen spezieller Erfolge. In diesem Modus wurden keine weiteren Änderungen vorgenommen, was in Anbetracht des ohnehin schon gelungenen Aufbaus aber auch nicht nötig war.

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Fazit:

Ich bin wirklich erleichtert, dass die lieblose 2021er-Ausgabe offenbar ein Ausrutscher war, denn in diesem Jahr liefert das offizielle Spiel zur Tour de France wieder einige gelungene Ideen und zahlreiche Optimierungen, sodass man das Gefühl hat, die Entwickler sind wieder voll bei der Sache. Neben einem Online-Modus, der für längerfristige Motivation sorgt, wurde auch eine neue Strecke mit italienischem Flair geliefert, die eine schöne Abwechslung im Saisonkalender bietet. Auch die Einführung sturzbedingter Verletzungen oder simulierter Trainingseffekte mit Einfluss auf die Tagesform der Fahrer können überzeugen, ebenso wie das überarbeitete Erlebnis der Kopfsteinpflaster-Passagen. Wenn wir in Zukunft noch die wenigen verbliebenen Platzhalter-Namen und endlich auch die komplett einheitlichen Fahrergesicher hinter uns lassen und vielleicht noch die eine oder andere berühmte Strecke ihren Weg ins Spiel findet, dürften Radsport-Fans mit der Spielereihe wirklich rundum zufrieden sein. Diese hat 2022 glücklicherweise wieder zurück in die Spur gefunden.

Pro:
  • Neuer Online-Modus mit Ranglisten und wechselnden Rennen
  • Stürze haben nun (optional) größere Auswirkungen
  • Neue Strecke mit San-Remo-Flair
  • Sehr wenige Platzhalter
  • Viele kleinere Optimierungen im Gameplay
  • Simulierte Trainingseffekte mit Einfluss auf die Tagesform
  • Gelungene Verbesserung des Kopfsteinpflaster-Erlebnisses
Contra:
  • Kein "echter" PvP-Onlinemodus
  • Einige große Stars nur als Platzhalter vorhanden
  • Noch immer komplett einheitliche Gesichter
Gameplay
5 von 5 Buddies
Grafik
4 von 5 Buddies
Sound
3 von 5 Buddies
Atmosphäre
4 von 5 Buddies
Realismus
4 von 5 Buddies

Spiel getestet auf: PS5

Unsere Wertung:

8.5 / 10
Ein begeisterter Konsolenspieler mit einem breit gefächerten Interessengebiet. Neben Shooter-Serien wie Battlefield oder Call of Duty gehören auch Action-Adventures wie klassische Assassin's Creeds, die Batman-Arkham-Reihe oder The Last of Us Part 1/2 zu den bevorzugten Titeln. Hinzu kommen Survival-Games wie ARK, Horror-Klassiker a la Resident Evil sowie Open-World-Abenteuer im Stile von Far Cry oder Red Dead Redemption. Sport-Franchises wie FIFA oder Tour de France erweitern das Interessenfeld, ebenso wie sämtliche Titel aus dem Star-Wars-Universum.

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