

Pioneers of Pagonia im Test: Wuselige Aufbaukunst zwischen Entspannung und Anspruch
Mit Pioneers of Pagonia melden sich die Aufbau-Experten von Envision Entertainment zurück und liefern ein Spiel ab, das sich ganz bewusst an Fans klassischer Aufbaustrategie richtet – allen voran an Liebhaber der "Die Siedler"-Reihe. Doch statt reiner Nostalgie erwartet uns eine moderne Interpretation des „Wusel“-Prinzips nach Volker Wertich, verpackt in eine farbenfrohe Welt, die vor allem eines möchte: entschleunigen. Wir haben uns durch Nebel, Inseln und Produktionsketten gearbeitet und verraten euch, warum einen Pagonia so schnell in seinen Bann zieht und wo es noch hakt.
Zerissenes Land, dünner roter Faden
Die Hintergrundgeschichte von Pioneers of Pagonia ist schnell erzählt, aber stimmungsvoll: Eine unbekannte Macht hat das einst zusammenhängende Land Pagonia auseinandergerissen. Zurück bleiben verstreute Inseln, eingehüllt in geheimnisvollen Nebel. Gleichzeitig hat sich die Magie plötzlich gegen die Bewohner Pagoniens gewandt.
Wir begleiten die Pioniere dabei, neue Inseln zu erschließen, verlorene Gebiete zurückzuerobern und Ordnung in das Chaos zu bringen. Die Story dient dabei klar als Rahmen und Rechtfertigung für das Gameplay. Im Vordergrund steht nicht das narrative Erlebnis, sondern das geschäftige Treiben unserer Siedler.
Dialoge werden fast ausschließlich in Textform präsentiert. Eine vollständige Vertonung fehlt, was schade ist, da die Welt durchaus Potenzial für mehr erzählerische Tiefe hätte. Immerhin sorgen kleine Soundeffekte beim Fortschreiten der Dialoge dafür, dass sich das Lesen nicht ganz leblos anfühlt.




Wuseln statt Sorgen - Aufbau als entspannter Flow
Das Herzstück von Pioneers of Pagonia ist und bleibt der Aufbau, welcher erstaunlich intuitiv von der Hand geht. Bereits nach kurzer Zeit platzieren wir Gebäude, legen Wege an und beobachten zufrieden, wie unsere Pioniere Ressourcen abbauen, transportieren und weiterverarbeiten. Die Kamerasteuerung ist von Beginn an sinnvoll eingestellt, sodass wir uns direkt auf das Wesentliche konzentrieren können.
Das Kampagnen-Tutorial führt Schritt für Schritt durch alle wichtigen Mechaniken. Jeder neue Aspekt wird verständlich erklärt, wodurch der Einstieg angenehm leichtfällt. Allerdings leidet der Spielfluss gelegentlich darunter, dass wir während des Tutorials häufig warten oder stark vorspulen müssen, bis bestimmte Aufgaben abgeschlossen sind. Gerade zu Beginn bremst das die Motivation ein wenig.
Positiv fällt auf, dass wir uns kaum um klassisches Micromanagement kümmern müssen. Niemand verhungert oder erfriert, solange wir nicht bewusst alle Versorgungswege ignorieren. Das Spiel „läuft einfach“ und funktioniert zuverlässig. Wer möchte, kann dennoch tiefer eingreifen, Produktionsketten optimieren und mit gezieltem Micromanagement noch effizienter werden.
Problematisch wird es, wenn wir sehr viel auf einmal bauen. Das Spiel verleitet dazu, früh große Bauvorhaben zu starten, wodurch schnell unübersichtliche Warteschlangen entstehen. Ein Blaupausenmodus, mit dem wir Siedlungen vorplanen können, wäre hier eine enorme Hilfe. Auch eine bessere Übersicht über Bauaufträge würde den Spielfluss deutlich verbessern.
Das Kampfsystem bleibt der schwächste Teil des Gameplays. Kämpfe fühlen sich oft gleichförmig an: Wachtürme errichten, Garnisonen besetzen, Einheiten über Gebäude steuern und angreifen lassen. Direkte Kontrolle über die Truppen gibt es nicht – ein deutlicher Bruch mit klassischen RTS-Konventionen. Gerade in der Kampagne ziehen sich die Kämpfe dadurch unnötig in die Länge und wirken eher wie Pflichtaufgaben als spannende Höhepunkte.




Farbenfrohe Inseln und liebevoller Comicstil
Optisch ist Pioneers of Pagonia eine echte Wohlfühloase. Der charmante Comicstil, die satten Farben und die liebevoll gestalteten Biome sorgen für eine warme, freundliche Atmosphäre. Ob Sand, Stein, Staub, Sumpf oder hügelige Landschaften – jede Insel wirkt eigenständig und lädt zum Erkunden ein.
Besonders die Vegetation weiß zu überzeugen: Bäume, Büsche und Felsen fügen sich harmonisch in die Landschaft ein. Auch die Animationen der Gebäude und Einheiten sind detailreich und mit viel Liebe umgesetzt.
Kritik gibt es dennoch beim Landschaftsbau. Wege lassen sich nur sehr umständlich in natürlichen Rundungen anlegen, da sie aus vielen kleinen Segmenten bestehen müssen. Häuser werden zudem stets auf planiertem Untergrund platziert. Gebäude, die sich organisch an Hänge anpassen, würden die Optik deutlich realistischer wirken lassen. Aktuell sehen viele Bauten aus, als wären sie schlicht in die Erde „reingesetzt“.




Warme Klänge und pure Entschleunigung
Akustisch trifft Pioneers of Pagonia genau den richtigen Ton. Die Musik ist ruhig, warm und unaufdringlich – perfekt, um sich entspannt zurückzulehnen und dem geschäftigen Treiben zuzusehen. Naturgeräusche, Tierlaute und Umweltsounds tragen maßgeblich zur dichten Atmosphäre bei.
Die Kombination aus Grafik und Sound sorgt dafür, dass wir regelrecht Lust bekommen, einfach weiterzubauen, zu dekorieren und unsere Siedlungen zu perfektionieren. Besonders schön: Wer möchte, kann Kämpfe komplett deaktivieren und sich voll und ganz auf den Aufbau konzentrieren.

Fazit
Ich hatte mit Pioneers of Pagonia viele entspannte Stunden und habe schnell gemerkt, wie stark mich der klassische Wuselfaktor wieder einfängt. Das Spiel läuft flüssig, sieht großartig aus und nimmt mir viel unnötigen Stress ab, ohne dabei an Tiefe zu verlieren. Das Kampfsystem bleibt für mich der größte Schwachpunkt, und auch UI, Übersicht und Baukomfort haben noch Luft nach oben. Trotzdem macht es unglaublich viel Spaß, immer wieder neu zu starten und es beim nächsten Mal noch schöner und effizienter zu machen. Wenn Envision Entertainment die richtigen Stellschrauben dreht, hat Pagonia das Potenzial, ein moderner Aufbau-Klassiker zu werden.
- Entspanntes, stressfreies Gameplay
- Stimmige Grafik und Atmosphäre
- Intuitives Bausystem
- Gutes Tutorial
- Hoher Wiederspielwert
- Langatmiges Kampfsystem
- Kein Blaupausenmodus
- Keine Such- und Filtermöglichkeiten für Gebäude
- Ressourcenvielfalt kann überfordern

Begeisterter Gamer mit vielseitigem Interessengebiet. Schwerpunkte liegen auf Strategiespielen, 4X-Titeln und Simulatoren, ergänzt durch Online-Rollenspiele, Shooter und Action-Adventures. Besonderen Wert legt er auf stimmiges Gameplay, Atmosphäre und ein einzigartiges Sounddesign.