

Tokyo Xtreme Racer im Test: Der Mythos der japanischen Street Racer
Mit Tokyo Xtreme Racer feiert eine Serie ihr Comeback, welche vor allem in Japan bekannt ist, allerdings auch hierzulande eine treue Fangemeinde aufweisen kann. Dabei ist es bereits 18 Jahre her, seit es den letzten Ableger aus der Street-Racing-Szene gab, von ein paar Mobile-Ablegern einmal abgesehen. Höchste Zeit also für einen beherzten Reboot, der im aktuellen Japan-Trend im Rennspielsektor (Stichwort Forza Horizon 6 und JDM Japanese Drift Master) sicherlich seine Duftmarke hinterlassen möchte. Wir sind mit ordentlich Speed im nächtlichen Tokio über den Expressway geflitzt und klären für euch im Test, ob Tokyo Xtreme Racer Spieler abseits der Fanbasis ansprechen kann, und ob wir hier vielleicht sogar einen legitimen Erben der Need-for-Speed-Underground-Reihe vor uns haben. Schaltet also die Untergrundbeleuchtung ein, werft den Motor an, macht die Nitro-Einspritzung bereit und genießt den Rausch der Geschwindigkeit!

Vom Rookie zur Legende
Tokyo Xtreme Racer zelebriert die japanische Street-Racing-Szene und überhöht sie zu einer geradezu mystischen Erfahrung. Genretypisch steigen wir dabei als absoluter Nobody in den Zirkus ein und verdienen uns unsere Sporen bei ersten Duellen auf dem Shuto Expressway, einem Netz aus recht detailgetreu nachgebauten Schnellstraßen im Stadtgebiet Tokios. Das Spiel macht uns dabei mit kurzen Texteinspielern schnell klar, dass die Raserei eine geradezu spirituelle Erfahrung ist. Die Street Racer werden dabei als Seelen bezeichnet, die ruhelos in der Nacht nach ihrer Bestimmung und der ultimativen Herausforderung suchen.
Neben diesen kurzen Einspielern wird uns die Story in Standbildern erzählt, wobei unsere Kontrahenten getreu der mystischen Erfahrung als gesichtslose Schatten präsentiert werden und nur mit ihrem Kampfnamen auftreten. So lernen wir stets etwas über unsere Konkurrenten und deren grundsätzlicher Geschichte im Street Racing. Ergänzt wird dies zudem durch ein Glossar, bei dem weitere Hintergrundinformationen über die Gegner abrufbar sind. Insgesamt gestaltet sich die Präsentation der Geschichte zunächst eher trocken und zäh, was auch an einer fehlenden Sprachausgabe liegt.
Unsere Kontrahenten sind meistens in Teams organisiert. Wir heizen also fröhlich über den Highway und fordern nacheinander Gegner heraus, die wir unterwegs finden und die uns stets auf der Weltkarte angezeigt werden. Haben wir alle einfachen Teammitglieder besiegt, zeigt sich der Boss der jeweiligen Crew zu einem finalen Duell, das wir dann natürlich ebenso gewinnen möchten und sollten. Neben den Crews gibt es aber auch noch Einzelkämpfer, sogenannte Wanderer. Die Kollegen drehen ebenfalls munter ihre Runden und verlangen meist eine bestimmte Voraussetzung, um sie herausfordern zu können. So sollen wir etwa mit einem speziellen Fahrzeugtyp antreten, während andere Gegner nur an einigen Wochentagen auftauchen.

Auf dem Expressway ist die Hölle los
OK, sicherlich nicht die originellste Überschrift, aber doch irgendwie passend. Schließlich sind wir in Tokyo Xtreme Racer ausschließlich auf den japanischen Expressways der Megametropole Tokio unterwegs. Diese wurden recht akkurat umgesetzt und bieten einen guten Mix aus Tunneln, Überführungen, Hochhäusern am Streckenrand sowie einigen richtig schönen Panoramen, beispielsweise auf das Wahrzeichen, den Tokyo Tower. Da wir im gesamten Spiel nur nachts unterwegs sind, hält sich der Verkehr stark in Grenzen. Wir laufen also niemals Gefahr, im Stau stehen zu bleiben, müssen aber dennoch die anderen Verkehrsteilnehmer als rollende Hindernisse mit einberechnen.
Überhaupt scheinen so spät abends nur echte oder angehende Street Racer unterwegs zu sein. Denn nahezu jeder Verkehrsteilnehmer, von der Familienkutsche bis zum Transporter, kann von uns zum direkten Duell herausgefordert werden. Sicherlich haben es hier einige Spätschicht-Arbeitenden sehr eilig, nachhause zu kommen. Das Positive dabei ist, dass wir so längere Fahrtstrecken sinnvoll nutzen können, wenn wir beispielsweise auf den nächsten, storyrelevanten Gegner erst in einigen Kilometern Entfernung auflaufen.

Dein Revier ist die Autobahn
Auch wenn sich ein Vergleich zu den Need-for-Speed-Underground-Teilen anbietet, so geht Tokyo Xtreme Racer doch einen ganz anderen Weg. Im Kern ist das Spiel ein typischer Arcade-Racer, welches sich vor allem an einem recht eingängigen Fahrgefühl sowie dem fehlenden Schadensmodell zeigt. Selbst heftigste Einschläge bleiben für alle Beteiligten also ohne Folgen. Da wir ausnahmslos auf Schnellstraßen unsere Runden drehen, ist in erster Linie Beschleunigung und Motorleistung wichtig. Denn wenn der Wagen im 5. Gang bei 140 km/h schon aus dem letzten Loch pfeift, dann haben wir eher keine Chance, ernsthaft um die Krone der Street Racer zu kämpfen.
Einen besonderen Twist bietet Tokyo Xtreme Racer bei den Rennen. Denn im Grunde laufen diese als direkte Kopf-an-Kopf-Duelle ab. Haben wir einen Gegner herausgefordert, starten wird entweder hinter- oder nebeneinander. Nun gilt es, möglichst zackig zu beschleunigen, Kurven exakt anzufahren und den allgemeinen Verkehr zu berücksichtigen, um fehlerfrei durchzukommen. Dankenswerterweise rasen wir aber immer in Fahrtrichtung die Straße entlang, was unserer Reaktionszeit bei Ausweichmanövern zugutekommt.
Ziel des Duells ist jedoch nicht, eine simple Ziellinie zu erreichen. Vielmehr verfügen beide Kontrahenten wie in einem Beat'em Up über einen Lebensenergiebalken, der sich leert, wenn wir mit irgendetwas kollidieren oder aber einen bestimmten Abstand zu unserem Kontrahenten überschreiten. Dies gilt natürlich auch für unseren Gegner. Hat einer der beiden Teilnehmer keine Energie mehr übrig, ist das Spiel vorbei. Während viele Duelle sich über die puren Beschleunigungs- und Top-Speed-Werte unserer Autos entscheiden, ist in winkligeren Abschnitten zusätzlich gute Kurvenfähigkeit und manchmal sogar eine Portion Glück ausschlaggebend.

Das Renn-Rollenspiel
Im Spiel stehen uns diverse ikonische Vehikel aus dem Land der aufgehenden Sonne wie Subaru Impreza, Toyota GR Yaris und Supra, Honda NSX und Nissan Skyline GT-R zur Verfügung. Doch genretypisch starten wir zunächst mit kleineren Boliden in Form eines Mazda MX-5 oder eines Toyota Sprinter Trueno in das Spiel, um unsere ersten Sporen zu verdienen. Für jeden Sieg erhalten wir dabei neben Credits Erfahrungspunkte, die im weiteren Spielverlauf wichtig werden.
Denn um neue Autos oder Tuningteile freizuschalten, müssen wir zunächst Erfahrungspunkte in einem entsprechenden Skilltree investieren, bevor wir die Autos und Teile dann käuflich erwerben dürfen. Zudem lassen sich darüber Verbesserungen für unseren Fahrer wie eine höhere Lebensenergie oder Rückgewinnung von Lebenspunkten durch saubere Fahrmanöver freischalten. Und auch wichtige Rabatte oder ein generell höherer Output an Geld bei Siegen sind dort zu finden.
Durch die insgesamt vier Skilltrees hat Tokyo Xtreme Racer sogar richtige Rollenspiel-Vibes. Gerade zu Spielbeginn werden wir jedoch nicht wirklich mit Geld und Erfahrungspunkten überhäuft, was irgendwo nachvollziehbar ist, den Fortschritt allerdings auch irgendwie lähmt. Dementsprechend gestaltet sich gerade der Spieleinstieg etwas zäh und grindlastig. Bleibt man aber dran, wird es nach den ersten paar Spielstunden deutlich besser. Dann greift die Gameplay-Spirale aus „OK, ein Duell mache ich noch.“ bis zu „Perfekt, genug Punkte für das nächste Upgrade, gleich ausprobieren!“ richtig und motiviert klar, dranzubleiben.

Sehen und gesehen werden
Neben den zwingend notwendigen Tuning-Teilen, die die Performance unseres Autos teils erheblich steigern, darf natürlich das optische Anpassen nicht fehlen. Für jedes Fahrzeug stehen uns dabei einige Schürzen, Spoiler, Räder und sogar Untergrundbeleuchtungen zur Verfügung, über die wir selbst die bravste Familienkutsche recht schnell in ein wahres Street-Racer-Biest verwandeln können. Das nötige Kleingeld vorausgesetzt, denn auch die rein optischen Teile kosten eine schöne Stange Geld. Zusätzlich lassen sich andere Lackierungen auftragen sowie zahlreiche Sticker anbringen, um unser Gefährt nach unseren Wünschen zu individualisieren. Und eine Untergrundbeleuchtung darf ebenso nicht fehlen. Denn mit einem selbst gestalteten Flitzer, der auffällig leuchtet, macht die Raserei doch gleich viel mehr Spaß.
Generell fällt auf, dass Tokyo Xtreme Racer zwar grundsätzlich ein Arcade-Rennspiel ist, man jedoch genügend Dinge verändern kann, um das letzte Quäntchen Leistung aus dem Vehikel zu kitzeln. Ein gewisser Simulationsfaktor ist also durchaus gegeben. So dürfen wir an den Getriebe-Einstellungen einzelner Gänge herumspielen oder das Fahrwerk individuell einstellen. Die Menüführung zeigt sich insgesamt jedoch arg umständlich und fummelig.
Bereits im Hauptmenü werden wir mit zwei Möglichkeiten konfrontiert, Einstellungen zu bestätigen, während wir unseren Mauscursor langsam über den Bildschirm ziehen. Besonders im Livery-Editor hält sich die Lust auf großartige und anspruchsvolle Designs mit zahllosen übereinanderliegenden Schichten aufgrund der fummeligen Grundsteuerung per Schieberegler doch in Grenzen. Dies hat die Konkurrenz mittlerweile deutlich einfacher und zugänglicher gelöst. Nett sind die zahlreichen Funktionen aber auf jeden Fall.

Auf dem Rastplatz
Wie gesagt drehen wir ausnahmslos auf dem Shuto Expressway unsere Runden. Die Ingame-Karte zeigt uns dabei stets wichtige Symbole wie Kontrahenten, Einstiegspunkte oder Geschwindigkeitsmesser, bei denen wir nebenher oder gezielt auf Rekordjagd gehen. Die Einstiegspunkte sind dabei die Rampen, die auf den Expressway führen. Wir müssen jedoch im Voraus stets festlegen, in welcher Richtung wir unseren Versuch starten wollen.
Auch wenn es grundsätzlich möglich ist, in den Gegenverkehr zu fahren, können wir nicht einfach die Fahrbahn wechseln. Gerade, wenn man einen lange gesuchten Kontrahenten auf der Gegenfahrbahn passiert, ist das schon etwas nervig. Ebenso stehen uns mitunter längere Fahrtwege bevor, um die verbliebenen Ziele zu erreichen, wenn wir viele Gegner auf dem aktuellen Level bereits besiegt haben. Alternativ müssen wir den Ingame-Tag beenden und dann von der Garage aus erneut einsteigen.
Besonders erwähnenswert sind noch die Parkplätze, von denen wir ein paar in der Spielwelt finden. Diese dienen als Hub und bieten zahlreiche kurze Monologe von anderen Charakteren sowie Duelle, die wir so nicht auf der Straße finden. Und die eine oder andere nützliche Information lässt sich dort abgreifen, zum Beispiel wann ein bestimmter Kontrahent auftaucht oder welche Bedingungen wir erfüllen müssen, um so manchen Wanderer überhaupt herausfordern zu dürfen. Zudem lassen sich kurzfristige Perks in Form von Tuning-Verbesserungen einbauen sowie abgenutzte Reifen und leere Nitro-Flaschen austauschen, einen entsprechenden Obolus natürlich vorausgesetzt.

So dunkel die Nacht
Rein optisch macht Tokyo Xtreme Racer durchaus etwas her, auch wenn man nicht ganz mit der gehobenen Rennspiel-Konkurrenz mithalten kann. Dafür läuft das Spiel aber jederzeit flüssig, bietet ein astreines Geschwindigkeitsgefühl sowie die bereits erwähnten, tollen Panoramen auf das Stadtgebiet. Leider schenkt man sich eine Cockpit-Perspektive genauso wie überhaupt die Darstellung eines Fahrzeug-Innenraums. Insgesamt vier Kameraperspektiven stehen zur Auswahl, wobei die Standard-Einstellung direkt hinter dem Fahrzeug deutlich zu tief angesiedelt ist. Um den enorm wichtigen Überblick über die vor einem liegende Straße zu behalten, empfiehlt sich also ein Einstellungswechsel.
Akustisch bietet man einen sehr eingängigen, elektronischen Soundtrack, der sich zwar öfter wiederholt, als solches aber nie nervt. Als Untermalung für die rasanten Duelle taugen die Stücker auf jeden Fall und unterlegen mit treibenden Beats unsere Fahrt durch die Nacht. Nicht ganz so gelungen sind wiederum die Motorensounds. Zwar können wir unterschiedliche Fahrzeugtypen stets gut unterscheiden, für einen echten Street Racer klingen die Fahrzeuge aber durch die Bank weg zu harmlos. Hier hätten wir uns definitiv etwas mehr Krawall gewünscht, um das befriedigende Gefühl, am Start voll durchzuziehen, gebührend zu unterstreichen.

Fazit
Mein Fazit nach der ersten, einstündigen Anspielsession in Tokyo Xtreme Racer fiel zunächst ernüchternd aus. Zu zäh gestaltete sich der Spielfortschritt an sich, zu eintönig waren mir die Beschleunigungsduelle und zu trocken die Story-Präsentation. Und doch hatte ich irgendwie Lust, weiterzumachen. Bei der zweiten Anspielsession machte es dann aber richtig klick. Der Shuto Expressway zog mich unaufhaltsam in seinen Bann, und schon bald stellte sich der „nur eine Runde noch“- Effekt ein, der sich dann wieder zur nächsten vollen Spielstunde auswuchs. Und auch die eigentlich gesichtslosen Figuren, die meinen Karriereweg als Street Racer säumten, fügten sich schon bald hervorragend in das Gesamtgefüge des Spiels ein.
Was ich damit sagen will: Tokyo Xtreme Racer ist sicherlich kein Spiel für jedermann. Das will es aber eben gar nicht sein. Wenn man ein Faible für japanische Autokultur sowie Street Racing als solches hat, so erfreut man sich an der tollen Umsetzung der Szene. Zudem bietet das Gameplay trotz Arcade-Ansatz dank des Skilltrees und der Tuningmöglichkeiten genügend Tiefgang, um längerfristig zu unterhalten, zumal die Duelle im späteren Spielverlauf einige angenehme Überraschungen bieten. Wichtig ist, dass man sich von den vorhandenen Kritikpunkten wie dem zähen Einstieg nicht sofort abschrecken lässt. Auch sollte man kein Need-for-Speed-Underground-Revival erwarten. Tokyo Xtreme Racer ist eben Tokyo Xtreme Racer, und das ist letztlich gut so. Und damit genug von meiner Seite, denn nun ruft mich wieder der Shuto Expressway.
- Tolle Umsetzung der japanischen Street-Racing-Szene
- Grundsätzlich motivierendes Fortschrittsgefühl
- Viele Tuning-Optionen, sowohl bei Leistung als auch im optischen Bereich
- Großer Fuhrpark voller ikonischer Nippon-Flitzer
- Spannendes Gameplay mit Versus-Duellen
- Trotz Arcade-Ansatz recht viel Tiefgang im Tuning-Bereich
- Enormer Umfang mit über 450 Gegnern
- Überragendes Geschwindigkeitsgefühl
- Zu Beginn etwas grindlastig
- Auf Dauer leicht eintönig
- Story wird trocken präsentiert
- Menüführung wenig intuitiv
- Livery-Editor sehr fummelig
- Standard-Kameraperspektive zu tief
- Motorensounds könnten etwas kerniger klingen
Teile diesen Beitrag

Seit dem ersten Gameboy begeisterter Konsolenzocker. Neben Rennspielen, Action-Adventures und JRPGs sind auch Indie-Perlen gerne im Laufwerk gesehen. Zu den zahlreichen Lieblingsspielen gehören GTA Vice City, Metal Gear Solid, Overboard!, Ys VIII, die Uncharted- und Forza-Horizon-Reihe sowie Gran Turismo 7.




