

Story vs. Gameplay: Was ist in Videospielen wichtiger?
Teile diesen Beitrag


Teile diesen Beitrag
Es ist eine der ältesten Diskussionen der Spielewelt und sorgt in jeder Kommentarspalte zuverlässig für Streit: Was ist wichtiger, die Story oder das Gameplay? Die einen lieben Spiele, die sie emotional mitreißen und ihnen Geschichten erzählen, die sie nie vergessen. Die anderen wollen einfach nur spielen und klicken jede Zwischensequenz weg. Wir haben uns gefragt, ob es auf diese Frage überhaupt eine richtige Antwort gibt.
Für das Gameplay spricht ein ziemlich starkes Argument: Ohne Interaktion wäre ein Videospiel einfach nur ein Film. Das, was Spiele von allen anderen Medien unterscheidet, ist die Tatsache, dass du selbst handelst. Du springst, kämpfst, rätselst und triffst Entscheidungen. Wenn sich das schlecht anfühlt, hilft auch die beste Geschichte nicht weiter.
Viele der erfolgreichsten Spiele aller Zeiten kommen fast ohne Story aus. Tetris erzählt keine Geschichte, Super Mario Bros. begnügt sich mit einer entführten Prinzessin und in Minecraft schreibst du deine Geschichte selbst. Auch Multiplayer-Hits wie Counter-Strike, Rocket League oder Fortnite leben fast ausschließlich von ihrem Gameplay. Spiele, die sich perfekt steuern, die fordern und belohnen, spielen wir oft über Jahrzehnte immer wieder.
Nintendo ist das beste Beispiel für diese Philosophie. Dort entsteht ein Spiel meist zuerst als spielbarer Prototyp und erst wenn sich die Grundmechanik richtig anfühlt, kommen Welt, Figuren und Handlung dazu. Splatoon begann etwa als Prototyp mit weißen Tofu-Blöcken, die Farbe auf die Umgebung spritzten. Erst später wurden daraus die Inklinge, die wir heute kennen. Die Geschichte ist in solchen Spielen eher Kulisse als Motor.
Auf der anderen Seite stehen Spiele, an die wir uns vor allem wegen ihrer Geschichte erinnern. Das Ende von The Last of Us, die Beziehung zwischen Arthur Morgan und seiner Gang in Red Dead Redemption 2, die Twists von BioShock oder die Geschichte von Disco Elysium, das fast vollständig aus Dialogen besteht. Bei vielen dieser Spiele war das Gameplay solide, aber nicht unbedingt revolutionär. Trotzdem gehören sie zu den gefeiertsten Titeln ihrer Zeit.
Eine starke Geschichte verleiht dem Gameplay Bedeutung. Ein Bosskampf fühlt sich ganz anders an, wenn du weißt, warum du kämpfst und was auf dem Spiel steht. Ein Rätsel wird spannender, wenn seine Lösung ein Geheimnis lüftet. Und manche Spiele wie What Remains of Edith Finch oder Firewatch zeigen, dass schon wenig Interaktion reicht, um eine Geschichte auf eine Weise zu erzählen, die nur in einem Videospiel funktioniert.
Je länger wir über die Frage nachdenken, desto klarer wird: Die wirklich großen Spiele trennen Story und Gameplay gar nicht. Sie erzählen ihre Geschichte durch das Spielen selbst. Half-Life 2 verzichtet komplett auf klassische Zwischensequenzen und lässt dich alles aus Gordons Perspektive erleben. In Portal lernst du die Persönlichkeit von GLaDOS genau durch die Testkammern kennen, die sie dir vorsetzt. Und in Brothers: A Tale of Two Sons gibt es einen Moment, der nur deshalb so trifft, weil er die Steuerung selbst zum Teil der Geschichte macht.
Auch The Legend of Zelda: Majora's Mask ist ein gutes Beispiel. Der Drei-Tage-Zyklus ist gleichzeitig Spielmechanik und erzählerisches Element. Du erlebst die Schicksale der Bewohner, weil du die Zeit immer wieder zurückdrehst. Ähnlich ist es bei Hades, wo jeder Tod die Story weiterführt, oder bei Outer Wilds, in dem das gesamte Gameplay aus dem Entschlüsseln einer Geschichte besteht.
Problematisch wird es, wenn Geschichte und Spielmechanik in unterschiedliche Richtungen ziehen. Dafür gibt es sogar einen eigenen Begriff: ludonarrative Dissonanz. Gemeint ist etwa ein Held, der in den Zwischensequenzen als sympathischer Abenteurer dargestellt wird, im Gameplay aber hunderte Gegner niedermäht. Oder eine Welt, die angeblich kurz vor dem Untergang steht, in der du aber gemütlich Nebenaufgaben erledigen kannst.
Solche Widersprüche fallen vielen Spielern gar nicht bewusst auf, schwächen aber die Wirkung einer Geschichte. Umgekehrt können zu viele Zwischensequenzen das Gameplay ausbremsen. Wer nach jeder kurzen Kampfphase zehn Minuten Film schauen muss, verliert irgendwann das Gefühl, selbst zu spielen.
Am Ende hängt die Antwort stark davon ab, welches Spiel wir betrachten. Bei einem Rennspiel, einem Fighting Game oder einem Roguelike ist die Story meist zweitrangig. Hier zählen Steuerung, Balancing und Wiederspielwert. Bei einem Adventure, einem Rollenspiel oder einem Walking Simulator ist die Geschichte dagegen oft der eigentliche Grund, warum wir spielen.
Und natürlich spielt auch der persönliche Geschmack eine große Rolle. Manche von uns spielen, um abzuschalten und Spaß an der Herausforderung zu haben. Andere suchen in Spielen Geschichten, die sie berühren und zum Nachdenken bringen. Beides ist völlig legitim.
Was ist also wichtiger, Story oder Gameplay? Wenn wir uns entscheiden müssten, würden wir knapp beim Gameplay landen. Ein Spiel mit großartigem Gameplay und schwacher Story kann immer noch viel Spaß machen, ein Spiel mit großartiger Story und schlechtem Gameplay wird dagegen schnell zur Qual. Die wirklich unvergesslichen Spiele sind aber die, bei denen sich die Frage gar nicht stellt, weil Geschichte und Spielmechanik eine Einheit bilden.
Wie siehst du das? Und wenn du Lust auf weitere Meinungen hast, lies auch unsere Kolumnen Team Schlauchlevel: Warum ich Open Worlds meistens nicht mag und Majora's Mask: Warum das melancholischste Zelda bis heute einzigartig ist.
Dominik Probst
Webentwickler, Technik-Nerd und Gamer aus Leidenschaft seit der Kindheit, mit einem Faible für die komplette The Legend of Zelda- und Halo-Reihe. Dazu fast keine Konsolengeneration ausgelassen und auch sehr interessiert an Indie-Games.