

Was ist eigentlich aus Enslaved: Odyssey to the West geworden?
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Manche Spiele haben einfach Pech mit ihrem Timing. Enslaved: Odyssey to the West ist so ein Fall. Im Oktober 2010 erschien ein bildschönes Action-Adventure mit einer der besten Geschichten seiner Konsolengeneration, geschrieben von einem späteren Oscar-nominierten Drehbuchautor und mit Andy Serkis in der Hauptrolle. Gekauft hat es trotzdem kaum jemand. Wir schauen zurück auf Monkey und Trip, erklären, warum es nie eine Fortsetzung gab und werfen einen Blick darauf, wie es um das Studio dahinter heute steht.
Die Vorlage für Enslaved ist ein Klassiker der chinesischen Literatur: Die Reise nach Westen aus dem 16. Jahrhundert, in der der Affenkönig Sun Wukong einen Mönch auf einer gefährlichen Pilgerreise begleitet. Das britische Studio Ninja Theory nahm diese Geschichte, warf Dämonen und Magie über Bord und verpflanzte die Grundidee in eine postapokalyptische Zukunft.
Enslaved spielt rund 150 Jahre nach einem globalen Krieg. Die Menschheit ist fast ausgelöscht, die Städte sind von Pflanzen überwuchert und überall patrouillieren noch immer die Kampfroboter von damals. Gleich zu Beginn sitzt der muskelbepackte Einzelgänger Monkey als Gefangener auf einem Sklavenschiff, das über einem zerstörten New York abstürzt. Er überlebt, wacht aber mit einem Stirnband auf, das ihm die junge Technikerin Trip aufgesetzt hat. Das Band zwingt ihn, ihr zu gehorchen und tötet ihn, falls Trip stirbt. Ihr Ziel ist ihr Heimatdorf, 300 Meilen weiter im Westen.
Aus dieser Zwangsgemeinschaft entwickelt sich eine der glaubwürdigsten Beziehungen, die Videospiele bis dahin erzählt hatten. Später stößt noch der schräge Pigsy dazu und die Reise führt schließlich zu einer Organisation namens Pyramid, deren Geheimnis wir hier nicht verraten wollen.
Was Enslaved von vielen Zeitgenossen abhob, war die Besetzung. Das Drehbuch stammt von Alex Garland, der damals durch den Roman The Beach und die Drehbücher zu 28 Days Later und Sunshine bekannt war und später mit Ex Machina und Civil War als Regisseur Karriere machte. Garland war nicht nur Autor, sondern wurde auch als Co-Designer geführt.
Andy Serkis, weltberühmt als Gollum aus Der Herr der Ringe, spielte Monkey per Performance Capture und führte gleichzeitig Regie bei den Aufnahmen. Ninja Theory hatte mit ihm bereits bei Heavenly Sword zusammengearbeitet. Trip wurde von Lindsey Shaw gespielt, Pigsy von Richard Ridings gesprochen und den Soundtrack komponierte Nitin Sawhney. Das Ergebnis waren Gesichtsanimationen und Dialoge, die 2010 ihresgleichen suchten. Ein Blick, ein Zögern, ein kurzes Grinsen von Monkey erzählten oft mehr als seitenlange Texte.
Technisch setzte Ninja Theory auf die Unreal Engine 3. Statt grauer Endzeit-Tristesse gab es satte Farben, grüne Ruinen und knallblauen Himmel. Diese überwucherte Postapokalypse wirkt heute fast wie eine Vorlage für spätere Hits wie Horizon Zero Dawn oder The Last of Us.
Spielerisch war Enslaved eine Mischung aus Kletterpassagen im Stil von Uncharted, Nahkämpfen mit Monkeys ausfahrbarem Stab und Teamwork-Rätseln mit Trip. Sie konnte Gegner ablenken, Mechs scannen und Monkey per Hologramm Hinweise geben. Auf einer Art Hoverboard, der Wolke, sauste Monkey zudem über Wasser und durch Ruinenlandschaften, eine liebevolle Anspielung auf die Wolke des Affenkönigs aus der Vorlage.
Ganz ohne Schwächen war das nicht. Die Kämpfe waren eher simpel, das Klettern stark geführt, weil Monkey praktisch nicht herunterfallen konnte und auf den Konsolen kämpfte die Bildrate gelegentlich mit Einbrüchen. Die Kritiker störte das wenig. Auf Metacritic landete Enslaved bei 82 Punkten für die Xbox 360 und 80 für die PS3. Gelobt wurden vor allem Story, Figuren, Spielwelt und die Leistung von Serkis.
Der kommerzielle Erfolg blieb trotzdem aus. Enslaved erschien in einem extrem vollen Herbst, eingeklemmt zwischen großen Namen wie Fallout: New Vegas, Fable III, Call of Duty: Black Ops und Assassin's Creed: Brotherhood. Publisher Namco Bandai meldete zunächst 800.000 verkaufte Exemplare, korrigierte die Zahl im Februar 2011 aber auf 460.000. Bis September 2011 kamen immerhin rund 730.000 Einheiten zusammen. Namco selbst bezeichnete das Spiel als Misserfolg und machte das enge Release-Fenster verantwortlich.
Im November 2010 erschien noch der Story-DLC Pigsy's Perfect 10, eine Vorgeschichte, in der du Pigsy mit Greifhaken und Scharfschützengewehr steuerst. Danach war die Reise vorbei. Eine bereits angedachte Fortsetzung wurde aufgrund der Verkaufszahlen gestrichen.
Drei Jahre später gab es noch einmal ein Lebenszeichen. Im Oktober 2013 erschien die Premium Edition für PC und PlayStation 3, die das Hauptspiel, den Pigsy-DLC und einige Kostüme bündelt. Die PC-Version wurde für ihre Portierung kritisiert, etwa wegen grober Texturen und einer umständlichen Steuerung, sorgte aber dafür, dass Enslaved bis heute digital auf Steam erhältlich ist.
In den Jahren danach hat sich das Spiel einen soliden Kultstatus erarbeitet. In Listen zu unterschätzten Spielen der PS3- und Xbox-360-Ära taucht es regelmäßig auf und viele, die es damals verpasst haben, holten es in Sales nach. Gerade die Beziehung zwischen Monkey und Trip wird oft als Vorläufer jener erwachsenen Charakterstudien genannt, die später in Spielen wie The Last of Us zum Standard wurden.
Ninja Theory selbst äußerte sich über die Jahre mehrfach zu einem möglichen Nachfolger. Kurz nach dem Release hieß es, man würde sich über eine Fortsetzung freuen, habe aber keine konkreten Pläne. Spätestens 2011 war klar, dass es keinen zweiten Teil geben würde. 2017 erklärte Studiogründer und Director Tameem Antoniades schließlich, dass Ninja Theory die Rechte an der Marke gar nicht besitze. Die liegen bei Bandai Namco. Er merkte außerdem an, dass ein neues Enslaved heute wie eine Kopie von Horizon Zero Dawn wirken würde und deshalb einen ganz anderen Ansatz bräuchte.
Das Studio ging nach Enslaved ohnehin andere Wege. Für Capcom entstand 2013 DmC: Devil May Cry, das trotz Fan-Protesten gegen den neuen Dante ein Erfolg wurde. 2017 folgte im Eigenvertrieb Hellblade: Senua's Sacrifice, ein vergleichsweise kleines Projekt mit großer Wirkung, das mehrere BAFTA-Preise gewann. 2018 kaufte Microsoft das Studio, 2024 erschien Senua's Saga: Hellblade II.
Aktuell sieht die Lage für Ninja Theory leider düster aus. Bereits 2024 wurde bekannt, dass Tameem Antoniades das Studio schrittweise verlässt. Im Juni 2026 enthüllte Xbox mit Senua den dritten Teil der Hellblade-Reihe für 2027, fast zeitgleich wurde aber berichtet, dass Microsoft das Studio verkaufen oder abstoßen möchte. Im Juli hieß es zunächst, Ninja Theory wechsle unter neue Eigentümerschaft. Ende September 2026 platzten dann laut übereinstimmenden Berichten zwei Übernahmevereinbarungen, Xbox kündigte die mögliche Schließung an und erste Entlassungen haben begonnen. Wie es mit dem Studio und mit Senua weitergeht, ist derzeit offen.
Für Enslaved ändert das allerdings wenig. Die Marke lag ohnehin nie bei Ninja Theory und Bandai Namco hat in den vergangenen 16 Jahren keinerlei Interesse an einer Rückkehr gezeigt. Ein Remaster für aktuelle Konsolen oder gar eine Fortsetzung wurden nie angekündigt.
Was ist also aus Enslaved: Odyssey to the West geworden? Ein Spiel, das zum falschen Zeitpunkt erschien, bei den Verkäufen unterging und trotzdem nie ganz vergessen wurde. Monkey und Trip bleiben ein Duo, das viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte und ihre Reise durch die grünen Ruinen gehört zu den schönsten Abenteuern der PS3- und Xbox-360-Generation.
Ich persönlich würde mich über ein sauberes Remaster für aktuelle Plattformen freuen, damit eine neue Generation dieses Spiel entdecken kann. Eine Fortsetzung halte ich dagegen für sehr unwahrscheinlich, erst recht jetzt, wo selbst die Zukunft von Ninja Theory auf der Kippe steht. Wer Enslaved noch nicht gespielt hat, sollte die Premium Edition beim nächsten Sale mitnehmen. Es lohnt sich bis heute.
Lust auf weitere Klassiker mit ungewisser Zukunft? Dann lies auch Was ist eigentlich aus Half-Life geworden? und Was ist eigentlich aus L.A. Noire geworden?
Dominik Probst
Webentwickler, Technik-Nerd und Gamer aus Leidenschaft seit der Kindheit, mit einem Faible für die komplette The Legend of Zelda- und Halo-Reihe. Dazu fast keine Konsolengeneration ausgelassen und auch sehr interessiert an Indie-Games.