Chained Echoes
Review

Chained Echoes im Test: Modern durch die Nostalgie

Von Tjark am 28. Dezember 2022
Publisher: Deck13
Release: 8. Dezember 2022
Genre: Indie | Rollenspiel
Entwickler: Matthias Linda
Verfügbar für: PC | Switch | PS4 | Xbox One
USK Altersfreigabe: ausstehend

Obwohl erst 2022 entwickelt und erschienen, könnte Chained Echoes auch in der goldenen Zeit der 16-Bit-2D-RPGs auf dem SNES erschienen sein. Die Grafik hat zugegebenermaßen etwas mehr Pixel, aber der Charme, die Story und all die anderen Kleinigkeiten, die man gar nicht so richtig fassen kann, erinnern schon sehr stark an die großen Klassiker. Zu finden ist alles, was das RPG-Herz begehrt. Was genau das aber bedeutet, erfahrt ihr in unserem Test.

chained echoes (16)

Drei Königreiche, ein Krieg und viele Charaktere

Die Geschichte setzt mitten in einem Krieg ein, in dem sich drei große Königreiche um die Vorherrschaft des Kontinents bemühen. Der erste Charakter, den wir näher kennenlernen, ist Mitglied einer Söldnertruppe namens „Bund der eisernen Bullen“, die angeheuert wurde, um einen Kristall zu zerstören, der die feindliche Artillerie steuert. Ja, ihr habt richtig gelesen, Artillerie, denn obwohl wir uns in einer augenscheinlich mittelalterlichen Fantasywelt befinden, komplett mit Rittern, Burgen und Goblins, ist auch einiges an Technologie und modernem Gerät vorhanden. Eine komplette Stromversorgung, Klimaanlagen und fliegende Mechs sind Teil des täglichen Bilds. Die fliegenden mechanischen Rüstungen sind sogar die Vorzeigemodelle der Kriegskunst in Chained Echoes und bedeutend für die Schlagkraft der einzelnen Armeen. Vielleicht dauert es auch genau deswegen nicht lange, bis wir eine solche steuern dürfen, denn das Kampftutorial bekommen wir sehr gut und in sinnvollen Häppchen serviert. Leider verlieren wir die Rüstung auch bald wieder – als der Kristall nämlich zerstört wird, löst er eine massive Explosion aus. Diese ist so mächtig, dass sie eines der Königreiche zu großen Teilen verwüstet und der Schock darüber die ersten Friedensverhandlungen seit 150 Jahren begünstigt.

Hier springen wir ein Jahr in die Zukunft, an den Tag, an dem wirklich ein Fest zugunsten des geschlossenen Friedensvertrags stattfindet. Bald wird allerdings klar, dass nicht jeder gleich viel Interesse an einem allgemeinen Frieden hat und der mehrere Generationen andauernde Krieg nicht einfach von heute auf morgen endet. Die Handlung an diesem besonderen Tag wird sehr sprunghaft erzählt, da der spielbare Cast regelrecht explodiert und wir verschiedene Gruppen kennenlernen, bevor sich diese durch bestimmte Umstände treffen und gezwungen sind, sich zu verbünden (aber auch immer wieder aufzusplitten). Da die Charaktere sehr bunt durchmischt sind, was ihre Herkunft, Stellung und Persönlichkeit angeht, wird es mit ihnen so schnell nicht langweilig. Wir haben unter anderem die Prinzessin eines der Königreiche, einen allgemein angesehenen Schriftsteller, eine Taschenspielerin und Diebin und die Söldner, die die Explosion auslösten und nun wegen ihres schlechtes Gewissens nach der Ursache und ihrem mysteriösen Auftraggeber suchen. Dies sorgt immer wieder für Spannungen und interessante Dialoge innerhalb der Gruppe.

Ganz wie früher … oder auch nicht

Das Abenteuer spielt sich, wie oben bereits erwähnt, wie ein klassisches 16-Bit-RPG – das bedeutet, wir laufen durch die offene Spielwelt, sammeln Items, sprechen mit NPCs und bestreiten immer wieder rundenbasierte Kämpfe. Zu den Kämpfen ist zu sagen, dass diese nicht komplett zufällig erscheinen, sondern meist vorher ersichtlich sind und gegebenenfalls sogar vermieden werden können. Dazu gibt es natürlich eine große Zahl an Nebenquests. Man hat auch immer das Gefühl, dass sich Entscheidungen auf den Verlauf der Geschichte auswirken. Dass wir den Charakter in mehr als die üblichen acht Richtungen bewegen können, vermittelt beim Erkunden ein sehr flüssiges Gefühl. Allgemein werden wir selten von zu langen Dialogen, umständlichen Menüs oder nervigen Barrieren aufgehalten. Dies trägt alles zu einem sehr guten Spielfluss bei.

Einfach drauf los prügeln? Nicht immer eine gute Entscheidung!

Eine Besonderheit stellt der Kampf in Chained Echoes dar, denn wir haben nicht wie in klassischen RPGs einen konstanten Lebens- und Magiepool, sondern dieser wird nach jedem Kampf wieder komplett aufgefüllt. Dadurch gibt es auch bei längeren Dungeons oder Erkundungstouren kein heikles Management von Heilressourcen. Das bedeutet aber auch nicht, dass es sich hierbei um ein langweilig einfaches RPG handelt, denn die taktische und fordernde Komponente kommt hier durch die „Overdrive“-Leiste ins Spiel. Jede unserer Aktionen bewegt einen Cursor auf einer Leiste nach rechts, je mächtiger die Aktion, desto weiter nach rechts wird er bewegt. Das machen wir so lange, bis wir in einen besonderen Bereich, den „Overdrive“-Bereich gelangen. In diesem wollen wir bleiben, denn wir fügen hier mehr Schaden zu und erleiden weniger desselben, zusätzlich kosten Fähigkeiten nur die Hälfte. Noch weiter rechts befindet sich aber noch ein „Overheat“-Bereich, der alle Boni des Overdrive genau ins Gegenteil kehrt. Sobald wir im Overdrive sind, können wir den Marker mit Aktions- oder Fähigkeitstypen, die alle paar Runden wechseln, wieder nach links verschieben.

Die Kämpfe drehen sich also immer darum, den Cursor möglichst an einer Stelle zu balancieren. Da die Leiste nicht immer genau gleich aufgeteilt ist und die den Marker wieder nach links bringenden Elemente zufällig wechseln, bleibt diese Mechanik auch lange frisch. Das Leveln funktioniert ebenfalls etwas anders als gewohnt, denn wir erhalten nicht direkt Erfahrungspunkte, sondern leveln unsere ausgerüsteten Fähigkeiten, um diese billiger oder stärker zu machen. Bei größeren Gegnern bekommen wir auch hin und wieder einen Grimoiresplitter, mit dem wir in einer Art Skilltree weitere Fähigkeiten freischalten können. Da diese immer alle Figuren erhalten, wird man auch nicht durch Überleveln einzelner Charaktere in seiner Kämpferwahl eingeschränkt. Recht klassisch ist, dass wir nur vier Kämpfer in die Gefechte schicken können, da wir aber einen recht großen Cast haben, wäre das ja Verschwendung. Deswegen gibt es eine Tag-Team-Mechanik, mit dieser können wir zwei Charaktere dem selben Platz zuweisen und dann im Kampf austauschen. Auch hier lässt sich wieder taktisch mit der Overdrive-Leiste arbeiten, wenn eben ein Charakter keine passenden Fähigkeiten hat, vielleicht aber sein Partner.

Atmosphäre bis zum Umfallen

Optisch ist das Spiel auch klar in seinem Genre verortet, nur eben mit einer etwas detaillierteren Umgebung als im reinen „16Bit“. Auch die verwendeten Sprites entsprechen klar dem Genre und bilden eine stimmige und atmosphärische Welt. Manchmal ist ein möglicher Weg allerdings durch wenig Kontrast, zum Beispiel zwischen erklimmbaren Klippen und normalen Klippen, nicht so leicht zu finden. Die Musik ist ebenfalls stimmig und fällt, wie erwartet, meist sehr episch aus. Eine Vertonung der Dialoge gibt es, auch wenig überraschend, nicht.

Fazit

Chained Echoes macht alles richtig, was ein RPG richtig machen muss, und noch einiges mehr. Wir bekommen eine spannende Geschichte mit genauso vielseitigen und interessanten Figuren geliefert. Ein Großteil der Dynamik entsteht hier durch die Vielzahl an spielbaren Charakteren und deren Interaktion. Das Ganze findet zudem in einer schönen Welt statt. Auch einer der Horroraspekte mancher RPGs, nämlich die Menüs, sind gut gestaltet. Lediglich ein zeitweise fehlender Kontrast der begehbaren Areale stört ab und zu den Erkundungsfluss. Chained Echoes hat das „alte“ Genre RPG auf ein modernes und gut umgesetztes Level gehoben. Die Kämpfe sind auch erstaunlich taktisch. Dadurch habe ich auch kein Problem, die etlichen Stunden zum Durchspielen zu investieren, ohne dass es sich wie Arbeit anfühlt.

Pro:
  • Spannende Geschichte
  • Guter und flüssiger Spielfluss
  • Viele unterschiedliche Charaktere
  • Overdrive-Leiste angenehm fordernd
Contra:
  • Manche Sprites etwas wenig Kontrast, sodass Wege nicht immer erkennbar sind
  • Teilweise nicht übersetzte Passagen
Story
4 von 5 Buddies
Gameplay
5 von 5 Buddies
Grafik
4 von 5 Buddies
Sound
3 von 5 Buddies
Atmosphäre
5 von 5 Buddies

Spiel getestet auf: PC

Unsere Wertung:

9.5 / 10
Hat seit dem Gameboy jede Handheld-Generation ausgiebig genutzt. Es stehen vorallem Coop- und Multiplayer-Spiele hoch im Kurs.

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