

Mortal Shell II im Test: Endlich aus dem Schatten des Originals
Mit Mortal Shell wagte sich Cold Symmetry im Jahr 2020 an die damals bereits gut gefüllte Soulslike-Landschaft. Das Spiel hatte mit seiner ungewöhnlichen Shell-Mechanik eine spannende eigene Idee, konnte spielerisch aber nicht ganz mit den großen Vorbildern mithalten. Sechs Jahre später versucht Mortal Shell II, nicht einfach nur größer zu werden, sondern die Formel des Vorgängers beinahe komplett neu zu denken. Das Ergebnis ist ein erstaunlich rundes Soulslike, das vor allem beim Gameplay ordentlich zulegt.

Eine düstere Welt voller Geschichten
Mortal Shell II erzählt eine eigenständige Geschichte, für die ihr den ersten Teil nicht gespielt haben müsst. Ihr schlüpft als Harbinger in die Körper gefallener Krieger und macht euch auf, eine von Verfall und grotesken Kreaturen heimgesuchte Welt zu erlösen. Dabei dreht sich vieles um die sogenannten Shells, die nicht nur unterschiedliche Kampfstile ermöglichen, sondern auch ihre eigenen Geschichten und Erinnerungen mitbringen.
Wie bei vielen Soulslikes steht die eigentliche Handlung allerdings nicht permanent im Mittelpunkt. Vieles wird über die Umgebung, NPCs, Gegenstände und die Geschichten der Shells vermittelt. Besonders gelungen ist dabei das Worldbuilding. Beim Erkunden stoßen wir beispielsweise auf Lager, die von anderen Gefangenen übernommen wurden, nachdem deren Bewohner von Tieren getötet wurden. Solche kleinen Geschichten erzählen mehr über den Zustand dieser Welt als mancher große Dialog.

Gleichzeitig bleibt Mortal Shell II gerade zu Beginn auffällig sparsam mit Erklärungen. Wer erwartet, dass das Spiel seine Systeme ausführlich vorstellt, wird schnell allein gelassen. Das betrifft nicht nur die Geschichte, sondern auch Upgrades und die Möglichkeiten der eigenen Figur. Gerade im Early Game kann dadurch der Eindruck entstehen, dass man wichtige Systeme schlicht übersieht. Das ist einerseits typisch Soulslike, andererseits wäre an manchen Stellen etwas mehr Hilfestellung durchaus willkommen gewesen.
Die Shells bleiben das Herzstück
Die größte Verbindung zum Vorgänger ist natürlich die Shell-Mechanik. Statt einen klassischen Charakter mit frei verteilbaren Attributen zu spielen, übernehmen wir die Körper verschiedener gefallener Krieger. Jede Shell bringt eigene Fähigkeiten, Werte und Spielweisen mit.
Das System funktioniert im zweiten Teil deutlich besser, weil es stärker mit dem restlichen Gameplay verzahnt wurde. Unterschiedliche Waffen, Fähigkeiten und Verbesserungen erlauben eine ganze Reihe verschiedener Builds. Wer beispielsweise lieber aggressiv in den Nahkampf geht, kann seinen Charakter entsprechend ausrichten. Andere Spielweisen setzen stärker auf defensive Fähigkeiten oder bestimmte Waffen.

Besonders angenehm: Wer sich verskillt oder einfach einmal etwas Neues ausprobieren möchte, muss nicht gleich einen komplett neuen Charakter anfangen. Durch das Erstatten von Punkten und Materialien lassen sich Builds relativ unkompliziert umbauen. Das lädt geradezu zum Experimentieren ein und nimmt dem sonst häufig so endgültigen Charakteraufbau eines Soulslikes etwas von seinem Schrecken.
Ein deutlich besseres Soulslike
Spielerisch ist Mortal Shell II ein ausgesprochen sauberes Soulslike. Das Grundgerüst kennt man: schwierige Gegner, anspruchsvolle Kämpfe, verlorene Ressourcen nach dem Tod, Checkpoints und jede Menge Bosse, die unsere Fähigkeiten auf die Probe stellen.
Der große Unterschied zum ersten Teil zeigt sich jedoch sofort im Kampfsystem. Die Ausdauerleiste wurde gestrichen. Angriffe und Ausweichrollen sind dadurch nicht mehr an eine klassische Stamina-Ressource gebunden. Das macht die Kämpfe deutlich dynamischer und aggressiver. Gleichzeitig bleiben die Animationen bewusst verbindlich, sodass unüberlegte Angriffe trotzdem bestraft werden.

Das Treffergefühl ist dabei angenehm wuchtig. Schwerter und Äxte treffen mit ordentlich Nachdruck, Gegner werden zurückgeschleudert und Körperteile fliegen durch die Gegend. Gewalt ist hier nicht nur Mittel zum Zweck, sondern beinahe ein eigenes Stilmittel. Wer sich an ständigem Köpfen und ausgesprochen brutalen Finishern stört, sollte besser einen großen Bogen um das Spiel machen. Gleichzeitig macht gerade diese Brutalität die Kämpfe befriedigend. Wenn ein perfekt getimter Angriff einen Gegner in seine Einzelteile zerlegt, fühlt sich das schlicht gut an.
Auch beim Erkunden macht Mortal Shell II einen großen Schritt nach vorne. Anstelle der deutlich lineareren Struktur des Vorgängers gibt es eine miteinander verbundene, kompakte Open World.
Und diese Welt funktioniert erstaunlich gut. Beim Herumlaufen stellt sich immer wieder dieses angenehme Gefühl der Wiedererkennung ein: „Moment, hier war ich doch schon einmal.“ Abkürzungen, versteckte Wege und zuvor unerreichbare Bereiche sorgen dafür, dass man seine Umgebung tatsächlich kennenlernt, anstatt einfach nur von einem Zielmarker zum nächsten zu laufen. Damit erinnert Mortal Shell II wesentlich stärker an die Erkundungsphilosophie moderner FromSoftware-Spiele als sein Vorgänger.

Ein Nachfolger, der vieles größer macht
Der Unterschied zwischen den beiden Teilen ist entsprechend deutlich. Mortal Shell fühlte sich wie ein ambitioniertes, aber stellenweise noch etwas unfertiges Soulslike an. Mortal Shell II wirkt dagegen wesentlich selbstbewusster.
Die Welt ist größer, die Kämpfe sind schneller, das Waffen- und Upgrade-System ist umfangreicher und die Shells bieten mehr Möglichkeiten für unterschiedliche Builds. Auch die Erkundung wurde erheblich ausgebaut. Offiziell spricht der Entwickler von einer kompakten Open World mit zahlreichen Dungeons.
Dabei hat Cold Symmetry erfreulicherweise nicht einfach die Größe mit Inhalt verwechselt. Die Welt funktioniert vor allem deshalb, weil sie zum Erkunden einlädt. Hinter dem nächsten Hügel könnte ein neuer Gegner, ein versteckter Pfad oder eine kleine Geschichte warten.
Audio und Video: Düster, aber nicht perfekt
Atmosphärisch bleibt Mortal Shell II seinen Wurzeln treu. Die Welt ist düster, morbide und teilweise regelrecht grotesk. Kreaturendesign und Umgebungen erzeugen eine bedrückende Dark-Fantasy-Stimmung, die hervorragend zum Gameplay passt.

Technisch gibt es allerdings ein paar Schönheitsfehler. Die Farben wirken stellenweise etwas verwaschen, wodurch manche Umgebungen weniger knackig aussehen, als man es von einem aktuellen Titel erwarten würde. Auch die Technik insgesamt ist nicht frei von Schwächen. Gerade auf der PS5 wurden bereits Performance-Schwankungen und kleinere technische Probleme kritisiert.
Beim Sound macht das Spiel dagegen vieles richtig. Treffer, Schreie und die Geräusche der Umgebung vermitteln die nötige Wucht, während die Musik die bedrückende Atmosphäre unterstützt. Der Soundtrack bleibt dabei angenehm im Hintergrund und versucht nicht, jede Szene künstlich aufzublasen.
Wer Mortal Shell II physisch kaufen möchte, darf sich zudem über eine entsprechende Version freuen. Auf PS5 ist unter anderem die Revered Edition erhältlich, die neben dem Spiel ein physisches Artbook, ein Steelcase und weitere Extras enthält.

Fazit
Mortal Shell II ist genau die Art von Fortsetzung, die man sich von einem ambitionierten Soulslike wünscht. Cold Symmetry nimmt die interessante Shell-Mechanik des ersten Teils, baut sie aus und stellt sie in den Mittelpunkt eines wesentlich größeren und abwechslungsreicheren Spiels.
Vor allem das Kampfsystem profitiert enorm vom Wegfall der Ausdauerleiste. Die Kämpfe fühlen sich dadurch freier und aggressiver an, ohne ihre Herausforderung zu verlieren. Zusammen mit den unterschiedlichen Shells, den zahlreichen Waffen und den flexiblen Builds entsteht ein System, mit dem wir gerne experimentieren. Auch die Welt überzeugt. Die kompakte Open World lädt zum Erkunden ein und schafft es immer wieder, uns mit versteckten Wegen und kleinen Geschichten zu überraschen. Dass sich die Welt beim Spielen zunehmend vertraut anfühlt, ist dabei eine ihrer größten Stärken.
Nicht alles ist perfekt. Die Erklärungen fallen gerade am Anfang zu spärlich aus, manche Farben wirken etwas verwaschen und technisch könnte das Spiel an einigen Stellen sauberer laufen. Auch die Geschichte bleibt trotz ihres interessanten Worldbuildings eher im Hintergrund.
Unterm Strich ist Mortal Shell II aber ein bemerkenswerter Sprung nach vorne. Während der erste Teil vor allem durch seine Ideen interessant war, ist der Nachfolger vor allem eines: ein verdammt gutes Soulslike.
- Präziser Kampf
- Abwechslungsreiche Waffen und Builds
- Durch Punkte/Materialien Refund einfach ausprobierbare Builds
- Schöne schmutzige Welt
- Einsteiger fühlen sich wahrscheinlich verloren
- Sehr Farbarm
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Hat seit dem Gameboy jede Handheld-Generation ausgiebig genutzt. Es stehen vorallem Coop- und Multiplayer-Spiele hoch im Kurs.


