

Marvel's Wolverine im Test: Roh, blutig und kompromisslos
Nach zweieinhalb großartigen Spider-Man-Spielen mit offener Welt liefert Insomniac Games nun ein weitaus kompakteres Marvel-Spektakel rund um den beliebtesten X-Men-Charakter ab. Wie sich Marvel's Wolverine dabei im Vergleich schlägt, verraten wir euch im Test.

Rough und blutig
Nach einem kurzen Ausflug in Logans Vergangenheit im Rahmen der Eröffnungssequenz steigen wir ohne weitere Umwege ins Spiel ein. Wir begleiten Wolverine zusammen mit anderen X-Men wie Mystique auf eine Mission, bei der wir uns auf die Suche nach Essex, besser bekannt als Mr. Sinister, machen, der in einem gut bewachten militärischen Komplex gefangen gehalten wird. Dabei stürzen wir uns mit Wolverine und seinen Adamantium-Klingen mitten ins Geschehen und nehmen es mit Soldaten der Spezialeinheiten von Trask auf, die Jagd auf Mutanten machen.
Direkt beim ersten Feindkontakt dürfen wir uns dann auch das wuchtige Kampfsystem zu Gemüte führen, und das hat so rein gar nichts mit dem des eleganten Netzschwingers gemeinsam. So prügeln wir mit Logan brutal auf unsere Feinde ein, schlitzen sie mit unseren Klingen auf, treten sie über die Klippe oder setzen ihnen mit Sprungangriffen aus der Luft oder aus einiger Entfernung zu. Dabei legen wir gewisse Distanzen mit einem großen Sprung zurück und geben unseren Feinden dann aus nächster Nähe Saures. Bekommen wir es mit Nahkämpfern zu tun, können wir ihren Angriffen entweder ausweichen oder parieren - Letzteres fühlt sich mit den Klingen richtig schön spektakulär an und gibt ordentlich Feedback. Aber auch den Kugeln der Fernkämpfer, die uns dank entsprechender Markierung gut sichtbar anvisieren, weichen wir mit gutem Timing per Flugrolle aus. Neben einfachen Soldaten warten aber auch hartnäckigere Gegner wie die starken Reaver-Cyborgs auf uns, die mit Kombo-Angriffen auf uns losgehen, die mehrfach gekontert werden müssen. Bei ihnen verursachen wir auch nicht einfach Schaden, sondern müssen zunächst ihre Verteidigung aufbrechen, zum Beispiel, indem wir sie mittels Parieren ins Taumeln bringen.

Das Ganze hat dabei gefühlsmäßig quasi nichts mit dem inzwischen weit verbreiteten Batman-Arkham-Kampfsystem zu tun, sondern ist deutlich roher, brutaler und schneller. Zudem sorgen richtig blutige Finisher dafür, dass das Spiel mehr als verdient seine Ab-18-Plakette trägt. Schließlich zerlegt Wolverine seine Feinde nach allen Regeln der Kunst: er schlitzt ihnen den Oberkörper auf, rammt seine Klingen in ihre Brust und hebt sie daran in die Luft oder sticht ihnen das Adamantium in die Kehle. Wer also ein familienfreundliches Abenteuer im Spider-Man-Stil erwartet hat, wird sehr schnell eines Besseren belehrt und sollte die Kinder schleunigst vom Bildschirm entfernen. Stattdessen fühlen wir uns eher an Deadpools blutiges Videospiel-Gemetzel aus dem Jahre 2013 erinnert. Auch mit seinem Helden geht das Spiel alles andere als gnädig um, denn schon in der Eröffnungsmission wird Logan von einem Flak-Geschütz dermaßen zerlegt, dass man zwischenzeitlich Angst hat, der Abspann steht schon in den Startlöchern.

Mal wütend, mal leise
Doch Wolverine wäre nicht Wolverine, wenn er nicht wieder aus dem Dreck aufstehen würde. So richten wir uns per QuickTime-Event zum letzten Gefecht auf und aktivieren damit gleichzeitig seine Heilungskräfte. Und schon steht der Wolfskrieger wieder auf den Beinen und ist wütender denn je. Wut wiederum ist ein zentraler Aspekt im Kampfsystem mit eigenem Balken. Sie lädt sich auf, indem wir erfolgreiche Kampfaktionen setzen und unsere Feinde ausschalten und nimmt mit der Zeit wieder ab. Der Balken ist übrigens zunächst zweigeteilt - später kommen weitere hinzu - und liefert uns ab Part 2 nicht nur heftigere Kombos, sondern auch die Möglichkeit, das erwähnte letzte Gefecht als mächtige Aktion zu nutzen sowie kritische Treffer auszuteilen. Ergänzend zu den Grundangriffen verfügt Wolverine außerdem über Spezialattacken wie die mächtige Tornadodrehung, die mehrere Feinde auf einmal ausschaltet. Die Aktionen sind aufgrund ihrer Stärke allerdings durch einen Cooldown limitiert.

Darüber hinaus ist Wolverine überraschenderweise auch in der Lage, lautlos vorzugehen. So können wir Feinde Stealth-typisch aus der Deckung heraus, zum Beispiel von einer höheren Ebene aus, per lautlosem Takedown aus dem Gefecht ziehen, um unnötige Aufmerksamkeit zu vermeiden. Auch können wir beispielsweise hohes Gras nutzen, um uns ungesehen fortzubewegen. Doch auch hier liefert Wolverine nicht nur Standardkost ab, sondern bringt auch eigene Ideen ein. So lassen sich Feinde im Tarnmodus zum Beispiel per schnellem Sprung aus der Deckung heraus niederringen, um sie dann wieder ins schützende Gras zu drücken und mit den Klingen auf sie einzustechen. Der sogenannte Stichhagel generiert des Weiteren auch eine ordentliche Portion zusätzliche Wut. Weiterhin verfügt Logan über ein besonders empfindliches Gehör, was es uns erlaubt, akustischen Signalen nachzugehen, während wir uns ungesehen fortbewegen. Diese sind nicht nur visuell angedeutet, sondern werden durch ein spezielles Vibrationssignal des DualSense-Controllers untermalt, der für einen Sony-Exklusivtitel ungewöhnlicherweise insgesamt ziemlich dezent eingesetzt wird. Aber gerade dadurch kommt er dann, wenn er zum Einsatz kommt, umso besser zur Geltung, zum Beispiel auch bei der haptischen Darstellung unserer Schritte, bei der die Vibration abwechselnd links und rechts ausgelöst wird.

Durch unseren Fortschritt verdienen wir nach und nach dann auch sogenannte Technikpunkte, die sich im Skilltree einlösen lassen. Auf diese Weise können wir entweder komplett neue Moves freischalten, um unsere Kombos mächtiger und die Angriffe vielseitiger zu machen. Hierzu gehören beispielsweise schnelle Flächenangriffe, spezielle Sprünge, die Taumelschaden verursachen oder auch schwere Angriffe, die nicht nur großen Schaden anrichten, sondern uns gleichzeitig heilen. Weiterhin lassen sich die Punkte aber auch in unsere Spezialfähigkeiten investieren, die wir so in drei Stufen aufwerten dürfen, zum Beispiel im Hinblick auf Reichweite oder Dauer. Der Skilltree passt also perfekt zum allgemeinen Gameplay und verzichtet auf jegliche Schnörkel. Er bietet uns die Chance, Logan Schritt für Schritt mächtiger zu machen, lässt uns dabei jetzt aber keine wissenschaftlichen Abhandlungen über die optimalen Fähigkeiten schreiben, sondern reduziert sich auf das Nötigste. Dies ist bei Marvel's Wolverine Fluch und Segen zugleich. Denn auf der einen Seite hat uns der Fokus auf lineare Abschnitte, brutale Kämpfe und das Erleben der Geschichte wirklich überzeugt. Gerade die Kämpfe, die sich trotz der nach und nach freischaltbaren Zusatzmoves immer ziemlich ähnlich anfühlen, haben bei weiterem Fortschritt allerdings schon leichte Abnutzungserscheinungen erhalten, gerade auch deshalb, weil es drumherum recht wenig zu tun gibt - es ist aber zu keinem Zeitpunkt so, dass es keinen Spaß mehr macht! Immerhin wurde auch versucht, mit wechselnden Bedingungen, zum Beispiel durch den Einsatz von Störfeldern, die Teile unserer Fähigkeiten unterdrücken, für zusätzliche Abwechslung zu sorgen.

Eine Präsentation auf typischem Sony-Niveau
Die Präsentation ist dabei wirklich erste Sahne und einem Sony-Exklusivspiel mehr als würdig. Egal, ob Feuer, Explosionen, Rauch und blendende Lichter - Schatten, Funken, Spiegelungen oder der Himmel über uns, Wolverine teilt in Sachen grafischer Pracht ebenso brutal aus wie beim Gameplay. Auch die gestochen scharfe Vegetation, die Bewegungen der Figuren und deren Gesichter, Wasser, Blut und Metall - wir können uns an Wolverines düsterer Schönheit nicht satt sehen. Hinzu kommen kinoreife Sequenzen mit hervorragender deutscher Vertonung, die den Charakteren rundum gerecht wird. Diese gehen auch immer wieder direkt ins Gameplay über, zum Beispiel bei verschiedenen QuickTime-Herausforderungen, was das Spiel wie aus einem Guss wirken lässt. Hinzu kommt ein aufwendig produzierter moderner, orchestraler Soundtrack, der mit treibenden Trommelparts und hektischen Streichern für die passende Stimmung während des Gemetzels sorgt und den Szenen die nötige Dramatik verleiht. In ruhigen Schleichpassagen kommen dagegen flächige Synthesizer zum Einsatz, um Spannung zu erzeugen. Weiterhin wurden auch die Naturgeräusche sehr schön umgesetzt, sodass wir zu Beginn im Urwald beispielsweise auch eine sehr glaubhafte Mischung aus Fröschen, Grillen und dem Rauschen des Windes geboten bekommen.

Richtig gut getroffen ist außerdem die Teamchemie zwischen den Mutanten-Kollegen, beziehungsweise die nicht vorhandene. Denn so rough das Kampfsystem ist, so ruppig ist auch der Umgangston der Verbündeten untereinander, was die einzelnen Figuren im Kontext nicht nur glaubhaft abbildet, sondern ihnen auch Charakter verleiht. Auch hier sind wir also weit weg vom weitestgehend harmonischen Miteinander des Spider-Man-Teams und dürfen stattdessen beobachten, wie sich Logan und Sabretooth im Minutentakt an die Gurgel gehen. Allerdings stehen sie trotzdem immer wieder Seite an Seite im Gefecht, wodurch uns auch spektakulär inszenierte Doppelkämpfe geboten werden, bei denen beide auch ihre Attacken kombinieren können.

Der Aufbau der Schauplätze steht ebenfalls im krassen Gegensatz zu Spider-Man. Denn statt einer Open-World erwarten uns fast ausschließlich komplett linear aufgebaute Bereiche, von denen manche allerdings etwas weitläufiger sind und zumindest grundlegend zum Erkunden der Umgebung einladen. Insgesamt bewegen wir uns aber extrem zielgerichtet durch die Story, allerdings nicht nur einfach mit den Füßen auf dem Boden. Auch dürfen wir uns auf kleinere Kletter-, Schwung- und Sprungabschnitte freuen und sogar das eine oder andere Fahrzeug bedienen. Insgesamt hält das Spiel eine gelungene Auswahl an Schauplätzen bereit, die unterschiedlicher eigentlich nicht sein könnten, vom dichten Dschungel zu Beginn über verwinkelte Forschungseinrichtungen oder die spektakuläre japanische Hauptstadt bis hin zur verschneiten Wildnis Kanadas. Richtig cool ist auch eine verlassene Geisterstadt, die für Atomtests vorgesehen ist, und uns eine voll ausgestattete Innenstadt mitsamt Geschäften, Theater und Wohnhäusern sowie Bewohnern aus Holz erkunden lässt. Dieser außergewöhnliche Ort ist zwar nicht besonders groß, aber dennoch sehenswert, da er eine ganz spezielle Stimmung besitzt und als Setting auch ziemlich unverbraucht ist.

Die Story ist indes eine komplett neue, eigenständige Geschichte, die sich hervorragend in das Comicuniversum eingliedert. Die Wahl, wie auch bei Spider-Man, eine komplett unique Story zu erzählen, anstatt eine bereits vorhandene aufzugreifen und neu zu inszenieren, ist in jedem Fall die richtige gewesen, denn so steigt der erzählerische Wert der Videospiele als eigenes separates Medium um ein Vielfaches. Inhaltlich und von der Inszenierung her können die Geschehnisse von Marvel's Wolverine ohne Frage überzeugen und liefern eine teils dramatische Geschichte rund um den verachtenswerten Umgang mit Mutanten und deren Unterdrückung. Mehr möchten wir an dieser Stelle nicht verraten, um euch nichts vorwegzunehmen - uns hat die Storyline aber ohne Frage abgeholt. Auch die Art und Weise, wie sich Wolverine als wortkarger Badass-Antiheld für seine Gleichgesinnten einsetzt, macht ihn als Figur interessant und zudem glaubhaft im Hinblick auf seinen Background aus Filmen und Comics.
Gleiches gilt im Übrigen für den recht derben Humor, der sehr gut getroffen ist und zu keiner Zeit albern wird. Im Verlauf der Geschichte begegnen wir auch weiteren X-Men-Charakteren wie Jean Grey auf der guten sowie den Wissenschaftler Bolivar Trask oder Lady Deathstrike auf der bösen Seite. Hierbei ist die Auswahl durchaus gelungen, da nicht nur die allererste Riege des Comicuniversums, sondern auch mal interessante Nebenfiguren ihren Weg ins Spiel gefunden haben. Gerade bei den Gegenspielern ist aber nicht jeder rundum überzeugend inszeniert und vielleicht hier und da etwas zu klischeehaft, wenn man beispielsweise den Cyborg Omega Red betrachtet. Alles in allem haben wir uns als Fans der X-Men aber durchweg wohl und zu Hause gefühlt.

Fazit
Marvel’s Wolverine ist kein zweites Spider-Man – und das ist auch gut so. Insomniac Games verpasst dem Mutanten ein deutlich härteres und fokussierteres Abenteuer, das vor allem mit seinem wuchtigen Kampfsystem ordentlich Eindruck macht. Die Adamantium-Klingen fühlen sich mächtig an, Paraden und Finisher sorgen für ordentlich Wucht und auch Wolverines Heilkräfte werden sinnvoll ins Gameplay eingebunden. Dazu kommt eine spannende, eigenständige Geschichte, die Wolverine und das X-Men-Universum gelungen in Szene setzt und dabei einen ziemlich düsteren Ansatz verfolgt. Die abwechslungsreichen Schauplätze, die starke Grafik sowie die hervorragende Vertonung und bombastische Musik machen das Abenteuer auch abseits der Kämpfe sehens- und hörenswert. Fans der X-Men dürften sich zudem über zahlreiche bekannte Charaktere aus der ersten und zweiten Reihe sowie über eine gelungene Atmosphäre freuen, die das Comicuniversum perfekt abbildet.
Ganz ohne Schwächen kommt das Spiel allerdings nicht davon. Durch die lineare Struktur gibt es natürlich auch deutlich weniger zu entdecken als in Spider-Man. Zudem fühlen sich die Kämpfe im späteren Verlauf trotz neuer Fähigkeiten und wechselnder Bedingungen auf Dauer etwas zu ähnlich an. Auch der Skilltree hätte durchaus etwas mehr Tiefe vertragen können. Trotzdem überwiegen insgesamt klar die Stärken. Marvel’s Wolverine ist ein atmosphärisches, brutales und hervorragend inszeniertes Action-Abenteuer, das seinen eigenen Weg geht und Wolverine dabei erstaunlich gut trifft. Für uns ein gelungenes Marvel-Spiel und definitiv eine Empfehlung für X-Men-Fans, die kein Problem mit literweise Blut haben.
- Wuchtiges und sehr intensives Kampfsystem
- Äußerst befriedigendes Trefferfeedback
- Hervorragende Grafik und Inszenierung
- Spannende, eigenständige Wolverine-Story
- Abwechslungsreiche Schauplätze in unterschiedlichen Regionen der Welt
- Sehr authentische Darstellung von Wolverine
- Kluger, gezielter Einsatz der DualSense-Funktionen
- Kämpfe auf Dauer zu ähnlich
- Wenig Beschäftigung abseits der Story
- Skilltree könnte umfangreicher sein
- Keine offene Welt à la Spider-Man
- Einzelne Gegenspieler bleiben etwas blass
- Nichts für zart Besaitete
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Leidenschaftlicher Konsolenspieler, Steamdeck-Fan und VR-Enthusiast. Neben Klassikern wie Resident Evil, Knights of the Old Republic, Jedi Knight oder LA Noire gehören vor allem aufwendig inszenierte Singleplayer-Erlebnisse zum breit gefächerten Interessengebiet, wie The Last of Us, Uncharted, Days Gone oder Cyberpunk 2077. Aber auch große Open-World-Reihen wie Far Cry oder Assassin's Creed, Point and Click Adventures wie Black Mirror oder Larry sowie Sportspiele mit Fokus auf Tennis, Fußball oder Radsport flimmern regelmäßig über den Bildschirm.