

Doloc Town im Test: Wenn der Weltuntergang plötzlich richtig gemütlich wird
Postapokalypse und Cozy Game in einem Satz, das klingt erstmal wie eine Schnapsidee, die überraschend gut aufgeht. Doloc Town beweist, dass sich Trümmerlandschaft und Feierabend-Gärtnern hervorragend vertragen. Nach mehr als einem Jahr Early Access ist das Spiel von RedSaw Games seit Anfang August in der Vollversion angekommen, und wir haben uns die Gummistiefel geschnürt, um zu sehen, ob aus dem Schrotthaufen tatsächlich eine Stadt wird. Spoiler vorweg: Wir haben deutlich mehr Zeit reingesteckt, als ursprünglich geplant war, und das im positiven Sinne.

Vom Schrotthaufen zur vertikalen Farm
Der Einstieg ist schnell erzählt. Wir übernehmen einen jungen Schrottsammler, der mitten in der Wildnis auf die Siedlung Doloc Town stößt und dort quasi bei null anfängt. Statt der klassischen flachen Ackerparzelle, die man aus dem Genre kennt, geht es hier buchstäblich in die Höhe. Über ein vertikales Plattformsystem bauen wir Etage für Etage aus, verbinden Wege, stapeln Beete und Gebäude übereinander und müssen dabei ständig überlegen, was wo am meisten Sinn ergibt. Das klingt nach Verwaltungsarbeit, spielt sich aber überraschend organisch, weil jede neue Ebene sofort neue Möglichkeiten öffnet.
Dazu kommt ein Sammelsystem mit über 40 verschiedenen Materialarten, die wir in der Umgebung aufspüren, was den Ausflug vor die Haustür nie langweilig werden lässt. Fischerei und Viehzucht runden die Selbstversorgung ab, und wer lieber weiter draußen unterwegs ist, findet in den unterschiedlichen Regionen genug zu entdecken, um die Ausrüstung nicht einstauben zu lassen. Besonders angenehm: Das Spiel drängt einen nirgendwo hin. Wer lieber erkundet statt baut, kann das genauso gut tun wie umgekehrt, ohne dabei das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen.

Wenn Erbgut zum Ernteertrag wird
Richtig interessant wird es, sobald die genetische Pflanzenzucht ins Spiel kommt. Statt einfach nur Samen einzupflanzen und zu gießen, lassen sich Kulturen gezielt kreuzen und optimieren, sodass am Ende Pflanzen mit besseren Erträgen, höherer Widerstandsfähigkeit oder ungewöhnlichen Eigenschaften dabei herauskommen. Das fühlt sich weniger wie ein Nebenschauplatz an und mehr wie ein eigenes kleines Puzzle innerhalb der Farm, bei dem man ausprobiert, kombiniert und irgendwann tatsächlich ein Gefühl dafür entwickelt, welche Kreuzung sich lohnt.
Für ein Genre, das sich sonst oft auf reines Gießen und Ernten beschränkt, ist das eine willkommene Ebene mehr. Es verlangt niemandem ein Biologiestudium ab, belohnt aber alle, die gerne tüfteln und ihre Farm nicht nur wachsen, sondern gezielt verbessern wollen. In Kombination mit der postapokalyptischen Rahmenhandlung ergibt das sogar erzählerisch Sinn, schließlich musste sich auch die Vegetation an eine ziemlich ruppige neue Welt anpassen.

Maschinen, die den Rücken schonen
Wer schon einmal in einem Farming-Spiel um zwei Uhr nachts noch das letzte Feld gegossen hat, weiß, wie schnell aus Entspannung Fließbandarbeit werden kann. Doloc Town begegnet dem mit einem durchdachten Automatisierungssystem, das genau an den richtigen Stellen eingreift. Bewässerung, Ernte und Weiterverarbeitung lassen sich nach und nach an Maschinen abgeben, sodass mehr Zeit für Erkundung, Beziehungen zu den Bewohnern und den nächsten Ausbau übrig bleibt, statt für stumpfes Klick-Repetieren.
Das Schöne daran: Automatisierung fühlt sich hier nicht wie ein Cheat an, der einem die Herausforderung nimmt, sondern wie ein logischer nächster Schritt der eigenen Siedlung. Man schaltet sie sich nach und nach frei und baut sie gezielt aus, was dem ganzen Fortschrittsgefühl noch eine zusätzliche Ebene gibt. Gerade in den späteren Spielstunden, wenn die Farm größer wird und mehr Arbeitsschritte anfallen, macht sich das deutlich bemerkbar. Wer im Genre schon öfter am Grind verzweifelt ist, dürfte hier aufatmen.

Saurer Regen und Sonnenbrand
Die Wildnis um Doloc Town herum ist kein hübsch drapiertes Kulissenbild, sondern reagiert tatsächlich auf uns. Saurer Regen, praller Sonnenbrand und aufziehende Gewitter beeinflussen, wie wir unseren Tag planen, welche Ausrüstung sich lohnt und wann ein Ausflug in die Regionen jenseits der Siedlung eine gute oder eher schlechte Idee ist. Das Wettersystem ist damit keine reine Kosmetik, sondern ein echter Faktor, der die postapokalyptische Grundidee spürbar ernst nimmt, ohne dabei ins Bedrückende zu kippen.
Aufgelockert wird das Ganze durch saisonale Festivals, die der Siedlung regelmäßig etwas Leben und Anlass zum Innehalten geben. Zusammen mit den unterschiedlichen Regionen, die sich erkunden lassen, ergibt sich ein Weltgefühl, das zwischen rauer Umgebung und warmer Gemeinschaft pendelt. Genau diese Mischung ist es auch, die Doloc Town von vielen anderen Farming-Spielen abhebt, bei denen die Umgebung meist nur hübsche Deko bleibt.

Klang der Ödnis
Ein Aspekt, der im Farming-Genre gerne unterschätzt wird, ist die musikalische Untermalung, und genau hier liefert Doloc Town ab. Der Soundtrack pendelt zwischen ruhigen Lo-fi-Klängen und poppigeren Momenten und trifft dabei genau die Stimmung, die das Spiel transportieren will: entspannt, aber nie einschläfernd. Gerade bei den längeren Bau- und Sammelsessions merkt man, wie sehr die Musik dazu beiträgt, dass sich stundenlanges Spielen nie zäh anfühlt.
Passend dazu unterstützt auch die Klanggestaltung der Umgebung, von Regen bis Werkzeuggeräuschen, das Gefühl, wirklich in dieser kleinen, wiederaufgebauten Ecke der Welt zu stecken. Nichts Bahnbrechendes, aber handwerklich sauber und mit spürbarem Gespür für Timing umgesetzt.

Fazit
Ich hatte deutlich weniger Spielzeit eingeplant, als am Ende draufging, was bei mir eigentlich immer das beste Zeichen ist. Doloc Town schafft es, aus einer auf dem Papier seltsamen Kombination aus Postapokalypse und Cozy Farming ein rundes, angenehm eigenständiges Erlebnis zu machen. Die vertikale Farm, die Genetik-Tüftelei und die sinnvolle Automatisierung greifen gut ineinander, ohne dass sich eines davon aufdrängt. Kleinere Schwächen wie die rätselhaften Geschenkvorlieben der Bewohner oder das eher schwache Kampfsystem trüben den Gesamteindruck kaum. Wer Stardew Valley oder My Time at Portia mag und Lust auf eine frische Grundidee hat, sollte sich Doloc Town definitiv ansehen. Für mich einer der angenehmeren Überraschungen des Jahres im Genre.
- Durchdachte vertikale Farm- und Baustruktur statt klassischer flacher Felder
- Genetische Pflanzenzucht als spannende, gut integrierte Zusatzmechanik
- Automatisierung entlastet spürbar, ohne die Herausforderung zu nehmen
- Einzigartige Mischung aus postapokalyptischem Setting und entspannter Cozy-Atmosphäre
- Starker, stimmungsvoller Soundtrack
- Geschenkvorlieben der Bewohner sind kaum ersichtlich, viel Rätselraten
- Fortschritt kann sich in mittleren Spielphasen etwas ziehen
- Kampf- und Zielsystem wirkt im Vergleich zum Rest eher rudimentär
Teile diesen Beitrag

Webentwickler, Technik-Nerd und Gamer aus Leidenschaft seit der Kindheit, mit einem Faible für die komplette The Legend of Zelda- und Halo-Reihe. Dazu fast keine Konsolengeneration ausgelassen und auch sehr interessiert an Indie-Games.









